Zum Schluss war auf der Bühne ein einziges künstlerisches Chaos und drei strahlende Schauspieler. Dabei hatte alles so ernst angefangen: bläuliches, steriles Licht, ein Krankenbett, vorbeihuschende Schatten am Krankenzimmer, dazu bedrohliche Musikfetzen. Hier lag Michael im Koma, ein junger Mann, bei dem sich vor drei Wochen ein Blutgerinnsel im Gehirn gebildet hatte. Er wird sorgsam und eifersüchtig bewacht von seiner Mutter Carola und seinem Lebenspartner Paul.

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Doch als Michael plötzlich aufwacht, kann er sich an nichts mehr erinnern. Eine Amnesie, ein Gedächtnisverlust, wie die Ärztin Sylvia Vetter in ihrer Einführung anschaulich medizinisch erklärt hatte. „4000 Tage“ heißt diese ernste Komödie des britischen Autors Peter Quilter, der damit ein ungewöhnliches Thema aufgreift. Es wurde jetzt vom Euro-Studio Landgraf in der Waldshuter Stadthalle präsentiert (Regie: Boris Aljinovic, Bühne: Anna Kasten).

Leiser Anfang, spannender Schlussspurt

Der Abend fing sehr leise an, ja, sogar etwas langatmig. Da ist die zänkische, Mutter (hervorragend mehrdeutig gespielt von Mona Seefried), die den Sohn für sich beansprucht und bis zur Unhöflichkeit gegen dessen Liebhaber Paul abschirmt. Da ist Paul – eindrucksvoll sensibel Mathias Herrmann – der mit großer Behutsamkeit seinen Freund Michael in ihr gemeinsames Leben zurückführen will. Und da ist vor allem der ratlose, ungestüme Michael, der sich nicht mehr in dieser ihm scheinbar unbekannten Welt orientieren kann (einfach großartig Raphael Grosch).

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Erst nach der Pause wird spannend und mit hohem Unterhaltungswert klar, warum Michael diesen Zusammenbruch hatte. Warum er sich gerade an die vergangenen elf Jahre (4000 Tage) nicht mehr erinnern konnte. Weil dies mit dem Zeitpunkt zusammenfiel, als er wegen Paul sein „Künstlerleben“ aufgab und einen „richtigen“ Beruf ergriff. Aber plötzlich wird er wieder kreativ, gestaltet sein Krankenzimmer zum Kunstwerk um und erkennt, was für ihn wichtig ist.

Erinnerungen kommen wieder zurück

Peu à peu kommen auch seine Erinnerungsfetzen zurück. Auch seine Mutter und Paul finden schließlich sehr menschliche, humorvolle Lösungen, aufeinander zuzugehen. „Jeder hat eine zweite Chance!“, sagt die Mutter einmal. Das sind für alle Drei neue, befreiende Gefühle. Das Publikum dankte mit großem Beifall für diesen ergreifenden Theaterabend!

Sylvia Vetter, Leitende Ärztin der Radiologie am Klinikum Hochrhein.
Sylvia Vetter, Leitende Ärztin der Radiologie am Klinikum Hochrhein. | Bild: Rosemarie Tillessen

„Wer wären wir ohne Erinnerung?“

Sylvia Vetter, Leitende Ärztin der Radiologie im Klinikum Hochrhein, sprach in der Theatereinführung über das Thema Amnesie. Sie ist in Baden-Baden geboren, arbeitet seit 2006 in Waldshut und lebt in Tiengen.

Frau Vetter, was bedeutet Amnesie?

Amnesie bedeutet, dass man das Gedächtnis für eine bestimmte Zeit verliert.

Gibt es so etwas wirklich?

Ja, ich habe das selbst schon erlebt. Im Theaterstück dauert es mit elf Jahren ungewöhnlich lang. Häufiger ist dieser Zustand vorübergehend, etwa bei Vollrausch oder einer Schädigung des Gehirns. Man merkt sich dann für einige Zeit nichts Neues und hat keine Erinnerungen. So etwa bei Verkehrsunfällen.

Was interessiert Sie an dem Thema?

Eigentlich weniger das Medizinische. Für mich ist die große Frage spannend: Wer wären wir ohne Erinnerung? Was bleibt dann von uns?

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