Waldshut – "15 000 feierten die Chilbi", schrieb diese Zeitung im August 1951. Von Tausenden, die zum Chilbi-Umzug nach Waldshut kamen, war 1955 die Rede. Die Menschen strömten nur so nach Waldshut, um das große Heimatfest mitzufeiern und sich auf dem Rummel vor dem Festzelt in der Friedrichstraße zu vergnügen: "Da kreischten die Schiffsschaukeln, da schwirrten die Karussells, da knallte es aus den Schießbuden, da rollte die Autobahn, es konnte einem schier benommen werden von übermäßigem Gedudel und lachendem Gewoge", hieß es in der Zeitung.

Nach harten Zeiten von Krieg und Entbehrung entwickelte sich die Chilbi in den 50ern zu einem in nah und fern beliebten Fest. Es ging wieder aufwärts und die Chilbi mit ihren Traditionen und Vergnügungen, traf den Nerv der Zeit. Unmittelbar nach dem Krieg war die Situation aber nicht ganz einfach gewesen. Die französische Besatzungsmacht hatte zunächst alle Vereinstätigkeiten verboten und eine Wiedergründung der Vereine nötig gemacht.

Die Vereinigung Alt Waldshut und die Junggesellenschaft 1468 nahmen das Zepter in die Hand und organisierten im August 1947 die erste Nachkriegs-Chilbi – dies in "einem der heutigen Notzeit entsprechenden Rahmen", wie es im Protokollbuch von Alt Waldshut heißt. Es gab neben den kirchlichen Chilbifeiern, den Umzug und einen Heimatabend im Kornhaussaal. Davor war Rummel mit Würstchen, Bockbier und Lebkuchen an den Ständen, dürftiger Kram nannte dies die damalige Schriftführerin von Alt Waldshut im Protokoll. Fett soll aber schon damals der Bock der Junggesellen gewesen sein, der bis heute im Umzug mitgeführt wird.

Der Start in die vielversprechenden 50er Jahre begann für die Chilbi mit einem handfesten Streit um die Tracht des Waldshuter Männle, der Waldshuter Symbolfigur. Besonders die Ehemaligen der Junggesellen wehrten sich gegen Bestrebungen, die braune Tracht des Waldshuter Männle durch eine schwarze, entsprechend der Tracht der Alt Waldshuter, zu ersetzen. Auch der Umzug von 1950 sorgte laut Protokollbuch von Alt Waldshut für Aufregung. Obwohl ihnen abgesagt worden war, kamen Sioux-Indianer nach Waldshut und wollten mitlaufen. Der damalige Redmann (heute Vorsitzender) von Alt Waldshut, konnte gerade noch erreichen, dass sie lediglich auf der Festtribüne Aufstellung nahmen. Auch geschossen wurde Anfang der 50er Jahre wieder. Die Schützen waren nach dem Schießverbot der Franzosen wieder mit dabei. Sie haben ihr Domizil auf dem Platz neben der Friedrichstraße, wo seitdem das Chilbifestzelt steht.

Im Großen und Ganzen wurde die Chilbi in den 50er Jahren gefeiert wie heute. Nur länger war sie damals. Die Nachchilbi gibt es nicht mehr. Sie wurde am Wochenende nach dem eigentlichen Festwochenende im Festzelt mit Tanz, Musik und Darbietungen gefeiert. Und die Vergnügungen rund um den historischen Kern – der glückliche Ausgang der Belagerung Waldshuts 1468 durch Eidgenossen – haben sich der Zeit angepasst. Vorbei ist auch die Zeit der ganz großen Besucherzahlen, aber ein Waldshut ohne Chilbi – unvorstellbar.

Damals und heute

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Festwirte stehen Schlange

Peter Fleck (80), seit 1950 Mitglied von Alt Waldshut, ehemaliger Vorsitzender und seit 1982 Ehrenvorsitzender, hat die Entwicklung miterlebt und ist reich an Erinnerungen.

  • Beliebt bei den Wirten: In den 50er Jahren rissen sich Wirte um den Festbetrieb im Chilbizelt. „Wir haben immer gesagt, der hat einen Mercedes, wenn die Chilbi vorbei ist“, erzählt Peter Fleck. Drei bis vier wären es immer gewesen, die für den Festzeltbetrieb geboten hätten. Größer als heute sei damals das Zelt gewesen. Peter Fleck schätzt, dass über 1000 Leute rein gingen und dies trotzdem nicht immer reichte. Er erinnert sich an einen Sonntag, an dem das Zelt wegen Überfüllung geschlossen werden musste.
  • Beliebt bei den Kindern: Auch bei den Kindern war die Chilbi der Nachkriegsjahre der absolute Renner. Alt Waldshut richtete schon damals am Chilbi-Montag den Kinderumzug und den Kinderball aus. Einmal, erzählt Peter Fleck, wären es bei einem Umzug über 1000 Kinder gewesen, sodass Wurst und Wecken ausgegangen wären und schnell bei einem Metzger Nachschub geholt werden musste.
  • Beliebt bei Tänzern: Gut erinnert sich Peter Fleck auch an die Heimatabende im Festzelt und vor allem an die anschließenden Tanzabende. „Wir von Alt Waldshut durften nicht mittanzen, in Tracht wird nicht getanzt, hat unser Vorsitzender gesagt“. Fritz Durst war ein strenger Vorsitzender, aber auch ein guter Zeichner, wie sein Werk vom Rummelplatz 1951 zeigt.
  • Die schönsten Erinnerungen hat Peter Fleck an die erste Nachkriegschilbi 1947. Als Elfjähriger stürzte er sich mit einer Reichsmark in den Rummel auf dem Kornhausplatz. Ein Mal Karussell fahren kostete 20 Pfennig. Wie viele andere Kinder auch, riss er sich darum, in der Mitte des Karussells ein Rad zu drehen, damit eine Drehorgel während des Drehens Musik spielte. „Eine halbe Stunde drehen bedeutete zwei Mal umsonst fahren.“ (ufr)