„Es gab relativ wenig zu sehen, aber viel zu sagen“ – so umreißt Gebhard Kaiser, Vorsitzender des Freundeskreises Jüdisches Leben in Waldshut-Tiengen, die Situation auf dem jüdischen Friedhof bis vor Kurzem. Bislang gab es nur bei Führungen umfassende Informationen über diesen Teil der Tiengener Geschichte, jetzt ist dies anders: Wer den Friedhof betritt, sieht gleich rechts an der Mauer vier rund 85 mal 120 Zentimeter große Tafeln, die in Kurzform in Text und Bild informieren: Über die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Tiengen und allgemein, über die Friedhofskultur und den Umgang mit Tod und Trauer im Judentum.

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Vor ein paar Tagen wurden die Tafeln im Beisein von Oberbürgermeister Philipp Frank und Landrat Martin Kistler eingeweiht. Sie haben rund 3000 Euro (Design, Herstellung und Montage) gekostet. Die Hälfte davon hat die Stadt Waldshut-Tiengen aus ihren Kulturfördermitteln finanziert. Die andere Hälfte stammt vom Freundeskreis Jüdischen Leben in Waldshut-Tiengen, der hierbei auf eine Spende von Nachkommen der früheren Tiengener Weinhandlung Oeschger zurückgreifen konnte. Die Idee für die Tafeln hatte Gebhard Kaiser.

Blick auf den jüdischen Friedhof in Tiengen an der Feldbergstraße, rechts die vier neuen Erklärtafeln, links das nach dem zweiten Weltkrieg errichtete Mahnmal mit Namen von hier begrabenen jüdischen Bürgern.
Blick auf den jüdischen Friedhof in Tiengen an der Feldbergstraße, rechts die vier neuen Erklärtafeln, links das nach dem zweiten Weltkrieg errichtete Mahnmal mit Namen von hier begrabenen jüdischen Bürgern.

Zuständig für den Tiengener jüdischen Friedhof ist der Oberrat der israelitischen Religionsgemeinschaft Baden in Karlsruhe. Sie hatte aus der jüdischen Gemeinde Konstanz einen Friedhofsbeauftragten nach Tiengen geschickt. Dieser gab vor, dass die Tafeln an die Mauer müssen. Ein Aufstellen im Freien hätte ein Aufgraben des Bodens zu ihrer Verankerung nötig gemacht. „Niemand weiß, wo Gräber sind, graben wäre eine Störung der Totenruhe“, so Gebhard Kaiser.

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In Absprache mit dem Denkmalamt wurden die Tafeln auf eine, das Gestein möglichst schonende Weise, an der Mauer befestigt. Inhaltliche Vorgaben für die Tafeln gab es keine. Gebhard Kaiser hat aber die Entwürfe an den Friedhofsbeauftragten und einige Juden in der Schweiz geschickt, um die sachliche Richtigkeit der Angaben überprüfen zu lassen. Im Frühjahr 2019 soll ein Prospekt über den jüdischen Friedhof Tiengen und seine neuen Erklärtafeln erscheinen.

Zur Geschichte und zum Besuch des Friedhofs

  • Die Geschichte: Spätestens ab 1764 wurde der Friedhof an der Feldbergstraße von der damaligen jüdischen Gemeinde für Totenbestattungen genutzt. In der Reichspogromnacht 1938 wurde er von den Nationalsozialisten geschändet. Nur drei Grabsteine entgingen der Zerstörung. Ein Mahnmal mit eingravierten Namen erinnert an hier bestattete jüdische Bürger. Weiterhin steht auf dem Friedhof eine Gedenksäule aus Bruchstücken von Grabsteinen, die nach der Zerstörung des Friedhofs in die Stützmauer am Seilerbergweg eingearbeitet waren und rückgeführt wurden. Für Pflege und Unterhalt des Friedhofs ist die Stadt Waldshut-Tiengen zuständig.
  • Die Führungen: Die Stadt bietet Führungen (www.waldshut-tiengen.de) zu Tiengens jüdischer Vergangenheit an, ebenso der Freundeskreis Jüdisches Leben (E-Mail: FJL.wt@web.de), für Schulklassen sind sie beim Freundeskreis kostenlos. Der Friedhof ist abgeschlossen, Privatpersonen bekommen auf Anfrage vom Stadtbauamt (Telefon 07741/83 34 28) den Schlüssel. Männliche Besucher sollten beim Besuch eine Kopfbedeckung tragen.

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