Als Gustave Flaubert 1856 seinen Roman „Madame Bovary“ veröffentlichte, war der Skandal perfekt: Er wurde wegen „Verstoß gegen gute Sitten“ und „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt. Darüber können wir heute nur müde lächeln. Jetzt wurde der Roman in einer überraschend modernen Theaterversion von Wolfgang Seidenberg und Silvia Armbruster vom Theater Wahlverwandte in der Waldshuter Stadthalle aufgeführt.

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Die junge Dorfschönheit Emma ist eine besessene Leseratte und träumt von der großen Liebe und einer luxuriösen weiten Welt. Das alles verspricht sie sich – hier beginnt das Stück – von einer Ehe mit dem gutmütigen Landarzt Charles Bovary, den sie kapriziös verführt. Doch der wird ihrer Leidenschaft nach Liebe nicht gerecht, sodass sie sich rasch mit andern Männern einlässt: dem Don Juan Rodolphe, dem Jura-Praktikanten Léon oder dem schmierigen Geschäftsmann Lheureux. Doch je besessener sie ihrer Leidenschaft nachjagt, desto unglücklicher und depressiver wird sie.

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Dies alles bleibt nah an der Romanvorlage, mit der der französische Autor Flaubert (1821 bis 1880) seinen literarischen Weltruhm begründete. Doch wer erwartet hatte, eine werkgetreue Bühnenfassung zu erleben, wurde sichtbar enttäuscht oder zumindest irritiert. Die Inszenierung war vom ersten Auftritt Emmas erfrischend turbulent, bei aller Tragik komödiantisch, frech und grotesk.

Geistreiche Regieeinfälle und tolle Schauspieler

Das Publikum erlebte ein Feuerwerk an geistreichen Regieeinfällen, bei denen die Schauspieler in rascher Folge in die unterschiedlichsten Kostüme und Rollen schlüpften. Dazu ein raffiniertes Bühnenbild mit vier Drehtüren und einer Zuschauertribüne, von der einzelne Akteure das Geschehen immer wieder kommentierten. So wurde gerade durch die Verfremdung die lähmende Enge der französischen Provinz überdeutlich, die Flaubert zu seiner Zeit so leidenschaftlich bekämpfte.

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Doch da waren vor allem die fünf Schauspieler, die den Abend zum Glänzen brachten: allen voran Lisa Wildmann als Emma Bovary – zauberhaft tänzerisch, lebenshungrig und unglaublich verletzlich. Sehr anrührend ihr begriffsstutziger, liebevoller Ehemann (Christian Kaiser). Grandios der Dandy-Typ und Verführer Rodolphe (Hans Piesberger), herzhaft burschikos Ursula Berlinghof als Big Mama und Apotheker und nicht zuletzt Sebastian Strehler als Léon – sie alle in Mehrfachrollen. Großer, verdienter Beifall.