Waldshut – Musik, die zu Herzen ging, die Seele berührte und das Publikum begeisterte – stürmischen Applaus erntete das belarussische Ensemble, das anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Vereins „Zukunft für Ritschow“ in Waldshut gastierte. Vorsitzende Hedi Müller freute sich, eine volles Haus begrüßen zu können. „Unser Engagement vor Ort hat Sinn gemacht“, bilanzierte sie, „alle unsere Aktionen sind gut gelaufen.“ Kinder und Jugendliche seien dem Verein besonders am Herzen gelegen, um ihnen Visionen zu vermitteln und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. „Ich danke all denen, die mich auf diesem Weg begleitet haben“.

Zu Gast waren auch Oberbürgermeister Philipp Frank und Johannes Zeller, Chefarzt im Waldshuter Krankenhaus. OB Frank würdigte bei seinem Grußwort die Arbeit des Vereins und das Engagement der Mitstreiter. Er erinnerte an die furchtbare Katastrophe 1986 in Tschernobyl, ein „epochales Ereignis“, das aber heute kaum noch in den Köpfen der Menschen präsent sei. Er erinnerte aber auch an das benachbarte Kernkraftwerk Leibstadt, das für viele zum Alltag geworden sei. „Wir sind Meister im Verdrängen geworden“, sagte er, „sollten aber trotzdem nicht die großen Risiken aus den Augen verlieren, die mit der Atomenergie verbunden sind.“

Mit großem Engagement wurde die Jubiläumsfeier ausgerichtet, von links die beiden Moderatoren Alfred Scheuble und Julya Zeller, OB Philipp Frank, Chefarzt Johannes Zeller, Vereinsvorsitzende Hedi Müller und Stellvertreterin Elena Denisova-Schmidt.
Mit großem Engagement wurde die Jubiläumsfeier ausgerichtet, von links die beiden Moderatoren Alfred Scheuble und Julya Zeller, OB Philipp Frank, Chefarzt Johannes Zeller, Vereinsvorsitzende Hedi Müller und Stellvertreterin Elena Denisova-Schmidt. | Bild: Manfred Dinort

Die stellvertretende Vorsitzende Elena Denisova-Schmidt schilderte die Not in ihrer Heimat, die Gemeinden hätten kein Geld, um die öffentlichen Gebäude zu sanieren und neue Projekte auf den Weg zu bringen. „Ohne Hilfe von außen wäre vieles nicht möglich gewesen“, sagte sie. Eine beispielhafte Karriere machte Julya Schuglia, die durch den Verein als junges Mädchen nach Deutschland kam und hier studierte. Sie lobte die Projekte, die mit Hilfe des Vereins in ihrer Heimat realisiert wurden. Nach ihrem Aufenthalt in Deutschland kämen die Kinder gestärkt in ihre Heimat zurück“, sagte sie. Johannes Zeller steht dem Verein als ärztlicher Berater zur Seite. Auch er war schon in Ritschow und im benachbarten Schitkowitschi, um hier das Krankenhaus und die Kinderstation zu besuchen und Vorschläge einzubringen. Er habe dabei festgestellt, dass die Hilfeleistungen hoch geschätzt und sinnvoll eingesetzt wurden. Zusammen mit Julya Schuglia moderierte Vorstandsmitglied Alfred Scheuble das Konzert. Er würdigte die Musiker als Botschafter einer Region, „die nicht in Vergessenheit geraten darf“.

Auf dem Programm der fünf Musiker und der beiden Gesangssolisten, die fast alle die Musikakademie in Minsk absolviert hatten, standen Werke der europäischen Klassik und Romantik und bekannte Melodien aus Oper und Operette. Vertreten waren aber auch zeitgenössische belarussische Komponisten wie Eugen Alexander Glebov, Igor Manguschew und Grigori Surus.

Die Folgen der radioaktiven Verseuchung durch Tschernobyl

  • Die Katastrophe: 1986 kam es im Norden der Ukraine, in Tschernobyl, nahe der weißrussischen Grenze, zu einem der bisher schwersten Kernkraftwerksunfälle. Weite Teile des Umlandes wurden radioaktiv verseucht. Ritschow in Belarus, Weißrussland, gehörte zu jenen Dörfern, die besonders betroffen waren.
  • Der Verein: Erst 21 Jahre später, 2007, kam es zur Gründung des gemeinnützigen Vereins "Zukunft für Ritschow/ Ein Leben nach Tschernobyl". Initiatorin war Hedi Müller aus Birndorf. 2004 hatte sie ihr Schlüsselerlebnis: Sie lernte Diana, ein zehnjähriges Mädchen aus Ritschow kennen, die auf Initiative eines saarländischen Vereins bei einer Gastfamilie im Schwarzwald untergebracht war. Als Hedi Müller von der Gastmutter hörte, unter welchen Verhältnissen Diana in ihrer Heimat leben muss – der Vater hatte sich das Leben genommen, die Mutter war krank – stand für sie fest, sie wollte helfen. Sie schloss sich dem saarländischen Verein an und reiste zum ersten Mal nach Ritschow und war schockiert. Gemeinsam mit Freunden kaufte sie für 1800 Euro ein Häuschen für Dianas Familie. Von da an war das Mädchen jedes Jahr vier Wochen bei ihr zuhause. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete Hedi Müller im Mai 2007 einen eigenen Verein, "Zukunft für Ritschow". Ziel war, mit verschiedenen Aktionen die Verhältnisse für arme Familien in Ritschow zu verbessern, Kindern und Jugendlichen einen mehrwöchigen Erholungsaufenthalt bei Gasteltern zu ermöglichen, sie ärztlich zu betreuen und die radioaktiven Belastungen zu senken.
  • Die Projekte: In Ritschow betreibt der Verein mehrere Projekte zur Entwicklung der Infrastruktur. Renoviert und eingerichtet wurden bisher ein Kindergarten, die Turnhalle, der Schulspeisesaal, die Schulküche und das Kulturhaus. Ebenfalls unterstützt werden im benachbarten Schitkowitschi das Krankenhaus und das Gymnasium mit verschiedenen Projekten. Nächstes Ziel ist, die Kinderstation zu erneuern. Das jährliche Budget des Vereins beträgt 100 000 Euro, das aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Fördergeldern verschiedener Stiftungen gespeist wird. Im Dezember 2016 zählte der Verein 84 Mitglieder. (tao)