Mit einer bemerkenswerten, schönen Rede, in der er zeigte, was Sprache ausmacht und bedeutet, bedankte sich der frisch gekürte Preisträger des Alemannischen Literaturpreises 2017, der österreichische Schriftsteller Arno Geiger. Der Autor nahm den alle drei Jahre vergebenen und von der Stadt Waldshut-Tiengen, dem SÜDKURIER Medienhaus und der Sparkasse Hochrhein gestifteten, mit 10 000 Euro dotierten Preis im Rahmen einer Feierstunde am Sonntag in der Sparkasse in Waldshut aus den Händen von Oberbürgermeister Philipp Frank entgegen.

Geiger ist der 14. Preisträger, der sich in eine illustre Reihe von prominenten Literaten wie Martin Walser, Franz Hohler, Arnold Stadler oder Peter Stamm einreiht. „Sie passen ausgezeichnet in die Liste der Preisträger“, sagte Kulturamtsleiter Hartmut Schölch in seiner Laudatio. Und weiter: „Sie schmücken den Preis und die Stadt Waldshut-Tiengen schmückt sich mit Ihnen.“ Knapp 200 Gäste waren zu der Feier gekommen, darunter als Vertreter des Medienhauses SÜDKURIER Siegmund Kopitzki, Mitglied der Jury und ehemaliger Kulturredakteur, sowie Alb-Bote-Redaktionsleiter Roland Gerard.

In seinem Grußwort drückte Oberbürgermeister Philipp Frank seine Freude darüber aus, dass er als studierter Literaturwissenschaftler, der über Fontane promoviert habe, diesen Literaturpreis überreichen dürfe. Er ging auf die Geschichte und Bedeutung des Alemannischen Literaturpreises ein. Der preisgekrönte Autor sei ihm kein Unbekannter, sondern durchaus geläufig. Frank erinnerte sich an einen „initialen Moment“, als Geiger 2005 den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam. Der Roman „Es geht uns gut“ habe bei ihm Spuren hinterlassen, so Frank.

Arno Geiger stand zwar im Mittelpunkt der fast halbstündigen Laudatio von Hartmut Schölch. Aber auch ein Zwergflusspferd – der Protagonist aus Geigers Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ – nahm breiten Raum ein in der witzigen Rede. Man hörte nicht nur das „grunzende Stöhnen“ des tierischen Titelhelden, sondern sah auch das Bild einer von Schölch im Basler Zoo fotografierten Flusspferdfamilie. Auch die Reaktion des Preisträgers bei der telefonischen Übermittlung der Jury-Entscheidung wollte Schölch den Ehrengästen und Literaturfreunden nicht vorenthalten: „I g'frei mi wia a Dackel!“

Verdient hätte Geiger den Preis für viele Bücher, sagte Jury-Mitglied Schölch. Der Alemannische Literaturpreis sei eine Würdigung von Geigers bisherigem Weg. Denn der Autor, der 2008 schon den renommierten Hebel-Preis erhielt, habe das Staunen und die Fassungslosigkeit, die Suche nach Erkenntnis zum Stilmittel gemacht. Der Preis sei auch ein Vorschuss auf das literarische Schaffen, was noch kommen mag: „Eine Investition in die Zukunft“.

Das Schlusswort nach der Dankesrede des Geehrten gehörte dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Hochrhein, Heinz Rombach, der sich glücklich über den „exzellenten Preisträger“ zeigte. Es sei „hochinteressant“ gewesen, diesem wortgewaltigen Vortrag zuzuhören und Geiger zu erleben.

Hochkarätig war auch die musikalische Gestaltung des Festakts durch das Raschèr Saxophone Quartet, das mit Werken von Bach und Philipp Glass die Preisverleihung klanglich adelte. „Worte wie Klänge sprechen für sich“, meinte Alt-Saxophonist Elliot Riley in einem spontanen Statement. Ein Empfang in der Kundenhalle, bei dem Arno Geiger am Büchertisch signierte, schloss sich dem offiziellen Teil an.

Die Themen der Dankesrede

Der Preisträger Arno Geiger sprach in einer literarisch gehaltvollen Dankesrede über „Berge, Meere, Stimmungen“, eine Trias, die immer wieder vorkam. Er erinnerte sich an seine Jugend, seinen Vater, einen blauen Wellensittich, der keine Fernsehnachrichten mochte, ging aber auch auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ein.

  • Sprachspiele: Der sprachgewaltige Autor, der gerne Wörter und Sprache unter die Lupe nimmt, untersuchte den Wortstamm des mittelhochdeutschen Adjektivs „graetec“ und damit verwandte Wörter wie Grat, Gräte und grantig. Man merkte, dass für Geiger die Sprache ein Schlüssel für das Menschsein bedeutet: „Wer die Sprache versteht, versteht die Welt.“
  • Berg: Er stamme aus Vorarlberg, so Geiger, das Wort „Berg“ stecke im Namen.  Es sei die Welt, aus der er komme, die vertraute, im Westen zum Bodensee hin flache, im Halbkreis von Bergen umfasste Landschaft. Als Kinder hätten sie oft auf der Terrasse des Hauses gestanden und behauptet, dass man von hier aus drei Meere sehen könnte: das Häusermeer, das Schwäbische Meer und jetzt das Nichtsmehr.
  • Reisen: Geiger ging dem Stamm des Wortes „Reisen“ nach und verglich es mit dem englischen „rise“ (in „sunrise“, Sonnenaufgang). Im deutschen Wort Reisen stecke also etwas Aufstrebendes, sich Erhebendes. Wer redet, sei in Bewegung: „Reden ist Reisen“.
  • Bleich: Das Wort „bleich“ brachte Geiger mit sich in Verbindung. Er sei bleich vor Schrecken gewesen, als er 2005 auf einer Reise nach Gomera im spanischen Fernsehen an einem Sandstrand liegende, an Land gespülte, vom Meerwasser weiß gewordene oder von Salz überkrustete Leichen gesehen habe. „Die Bilder der bleichen Toten stecken mir seither in den Knochen“.
  • Verwandtschaft: Geiger ging auf die Wortverwandtschaften von Grat (auf dem Berg), Gräte (im Fisch) und grantig (die schlechte Stimmung) ein. Grantig sei er an diesem Abend aber nicht, im Gegenteil, denn ihm sei mit dieser Ansprache ein Raum zur Verfügung gestellt worden: „Öffentlich sprechen zu dürfen, ist eines der sichtbarsten Zeichen von Freiheit“.