Einem kirchlichen Fest ist es zu verdanken, dass sich einmal im Jahr das Aussehen der Waldshuter Innenstadt für ein paar Stunden auf besondere Weise verändert: Die Natur hält Einzug. Buchenstauden vor den Schaufenstern der Kaiserstraße, große Blumenteppiche und geschmückte Altare zieren das Stadtbild, während der katholische Pfarrer Ulrich Sickinger am morgigen Fronleichnamstag mit der Gemeinde, der Traditionsvereinigung Alt-Waldshut, Trachtenträgerinnen aus Eschbach und der Stadtmusik durch die Fußgängerzone prozessiert. Für das blumige Stadtbild zum kirchlichen Festtag sorgen viele, vor allem ehrenamtliche Helfer.

Ein großer Blumenteppich wird auf dem Johannisplatz ausgelegt, drei Altäre werden in der Kaiserstraße aufgebaut, jeweils von den dort ansässigen Familien. Für Familie Maier ist das seit vielen Jahren zu einem „kleinen Familienfest“ geworden, wie Doris Maier erklärt. Selbst nicht in Waldshut wohnende Familienmitglieder reisen an, um am Mittwoch Blumen auseinanderzunehmen und einen bunten Teppich zu legen. Die Blumen kommen aus den Gärten von Freunden und Bekannten, Menge und Blumensorten schwanken daher jedes Jahr. Vorhänge werden gebügelt, der eingelagerte Altar am Donnerstag früh morgens aufgebaut.

"In all den Jahren ist der Aufbau nur ein Mal wegen Dauerregen ausgefallen"

Auch für Familie Gröber hat der Altar einen großen Stellenwert: Ulrich Gröber kommt in diesem Jahr dafür extra früher aus seinem Urlaub zurück. Seit fast 50 Jahren kümmere sich die Familie um den Altaraufbau. „Und in all den Jahren ist der Aufbau nur ein Mal wegen Dauerregen ausgefallen“, erklärt Alexandra Gröber.

Auch die Stadt hilft mit: Der städtische Forst schlägt die Buchenäste, die zur Verkleidung der Schaufenster benutzt werden, besorgt Tannenreisig und Tannenbäume. Zwei Lastwagen voller Buchenstauden, vier Tannenbäume und den Reisig wird der Baubetriebshof am Mittwochabend in die Waldshuter Innenstadt bringen. Am Fronleichnamsmorgen werden Mitarbeiter des Baubetriebshofs die nicht gebrauchten Reste einsammeln und die Stadt für die Prozession reinigen. Am Freitag wird schlussendlich das gesamte Grünmaterial durch den Baubetriebshof entsorgt. Klaus Lang, Leiter der Stadtkämmerei, schätzt die jährlichen Kosten auf eine Größenordnung von etwa 6 000 bis 7 000 Euro – bezahlt von der Stadt. Klaus Lang: „Im Zuge der Zusammenarbeit mit den Kirchen wir dies von der Stadt erbracht.“

Zu Fronleichnam soll kräftig dekoriert werden

Mit einem Brief bittet Pfarrer Ulrich Sickinger die Anwohner der Kaiser- und Marienstraße, ihre Häuser mit den gelb-weißen Kirchenfarben, mit Waldshuter Fahnen oder mit Deutschlandfahnen zu beflaggen, die Fenster mit Tannenzweiggebinden und das Erdgeschoss mit den vom Bauhof gelieferten Buchenstauden zu schmücken. Außerdem bittet er die Betreiber von Straßenlokalen, Tische und Stühle am Donnerstagmorgen erst nach Ende der Prozession, also gegen 11.15 Uhr, in der Fußgängerzone aufzustellen. Der Organisator von seiten der Pfarrgemeinde, Diakon Pascal Paul Schneller, betont: „Die Bewohner machen das aber selbst, wir bitten sie nur. Das wird also immer noch freiwillig gemacht.“

Vor rund 50 Jahren war die Dekoration der Stadt noch um einiges aufwändiger als heute: Die Kaiserstraße wurde beispielsweise großflächig mit Gras ausgelegt. Warum der Aufwand zu Fronleichnam betrieben wird, erklärt Diakon Schneller so: Zu Reformationszeiten habe man versucht, den Protestanten zu zeigen, wie viel schöner und mannigfaltiger die katholische Kirche sei. Daraus sei dieser Brauch entstanden, der heute noch gepflegt wird. Vor allem gehe es aber darum, Gott im Allerheiligsten besonders zu ehren.

Fronleichnam

An Fronleichnam feiern katholische Christen die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie, also dass das gebrochene Brot und der Wein im Gottesdienst zu Jesus Leib und Blut werden, wie sie glauben. Das Wort Fronleichnam kommt aus dem Mittelhochdeutschen: „vron“ für „Herr“ und „lichnam“ für „Leib“, also Leib des Herrn, wobei „Lichnam“ der gegensätzlichen Bedeutung des heute gebräuchlichen Worts Leichnam entspricht. Vielerorts, so auch am Donnerstag in Waldshut, wird dieser Anlass mit einer großen Prozession begangen. Sie findet im Anschluss an einen Gottesdienst statt, der auf dem Johannisplatz um 9.30 Uhr beginnt.