Kreis Waldshut – „Glücksspiel hat mit Glück nichts zu tun und ist auch kein Spiel.“ Ernst Schätzle, Diplom-Psychologe, hat bei der Fachstelle Sucht Waldshut-Tiengen mit Menschen zu tun, die süchtig nach eben diesem „Glücksspiel“ sind. Zum bundesweiten Aktionstag gegen Glücksspielsucht am 29. September will er in Waldshut in der Kaiserstraße 17 in einer Veranstaltung über die Ursachen und Folgen informieren unter dem Motto. „Wenn das Glück verschwunden und aus Spielen trauriger Ernst geworden“. Rund 60 Spieler und Angehörige sind es in diesem Jahr, die in der Fachstelle Sucht betreut werden. Vor wenigen Jahren lag ihre Zahl noch im einstelligen Bereich. Über 900 Klienten zählte die Stelle im ersten Dreivierteljahr insgesamt, der Großteil kämpft gegen Alkohol- und Cannabissucht.

Am 29. September geht es um Glücksspielsucht. „Die Spieler kommen aus allen sozialen Schichten und aus allen Altersgruppen“, sagt Ernst Schätzle, ihr Hintergrund ist so vielfältig wie die Varianten des Glücksspiels. In Spielbanken setzt man beim Roulette und Black Jack, an Automaten wirft man Bargeld ein, andere wetten auf Sportereignisse und Pferderennen, dazu gibt es Lotterien und Glücksspiel im Internet. Und auch Börsenspekulationen gelten als Glücksspiele. „Das ist reines Zocken“, sagt Ernst Schätzle. Junge Männer sind unter den Glücksspielsüchtigen ebenso wie Rentnerinnen, die sich zum Spielen treffen. Sport- und Fußballwetten sind reines Glücksspiel, sagt der Diplom-Psychologe, und dabei übers Handy ganz leicht zugänglich. Auch in vielen Fußballmannschaften aller Ligen werde gewettet.

„Gerade beim Spiel an Automaten ist das Suchtpotenzial hoch, hier kann man sehr schnell abhängig werden“, sagt Ernst Schätzle. Am Anfang stehe ein großer Gewinn, eine positive Erfahrung im Zusammenhang mit dem Glücksspiel, danach gehe es dem Spieler darum, verlorenes Geld wieder hereinzuholen und den Verlust auszugleichen. Seiner Erfahrung nach sind ein Drittel bis die Hälfte der Spieler in Spielhallen Frauen.

Manche Spieler reservieren zu bestimmten Zeiten immer denselben Automaten, bauen regelrecht eine Beziehung auf. Er kenne einen Fall, in dem ein Spieler eine Spielhalle täglich zwei Stunden lang belegt hatte. In der irrigen Überzeugung, durch Wissen und Können am Automaten Geld zu verdienen und für ausdauernde Bemühungen belohnt zu werden.

„Das Problem bei den Automaten sind die jungen Leute, die das Geld für andere Dinge nicht mehr haben.“ Dann müssten Wünsche wie Kinder oder Hausbau warten. Familiäre Probleme und belastende Situationen entstünden, verstärkt durch nicht eingehaltene Versprechen aufzuhören. „Ich führe deshalb Paargespräche, vor allem mit jungen Leuten“, sagt Ernst Schätzle. Die Glücksspielsucht habe verheerende Folgen für die Familien. Es gebe unter den Spielsüchtigen auch relativ viele Suizide.

Rund 60 glückspielsüchtige Klienten und Angehörige kamen 2016 in die Beratungsstelle, vor zehn Jahren waren es lediglich zwei oder drei pro Jahr, sagt Roswitha Klotz-Birk, Diplom-Sozialpädagogin (FH) und die Leiterin der Fachstelle Sucht in Waldshut. Manche Klienten sieht Ernst Schätzle zwei, drei Jahre nicht, dann kommen sie wieder vorbei. „Was Sie von der Glücksspielsucht sehen, ist der Eisberg. Der ist nicht das Problem, sondern die gesunkene Titanic“, erklärt der Diplom-Psychologe. Um im Bild zu bleiben: Wenn der Eisberg schmilzt, sieht man ihn nicht mehr, aber unter Wasser ist er noch da.

Was die Beratungsstelle grundsätzlich rät, erläutert Roswitha Klotz-Birk. Reden lernen, soziale Kontakte aufnehmen und pflegen, sich spüren, sich selber wahrnehmen, Erlebnisse mit anderen teilen. „Besser mit anderen als allein, besser outdoor als indoor“, formuliert es Ernst Schätzle. Will heißen: Sich nicht isolieren, sondern hinausgehen und Erlebnisse im realen Leben und nicht über eine Sucht finden, die Bereitschaft und die Möglichkeit entdecken, sein Verhalten zu ändern. „Man muss ein positives Plätzchen in sich selber finden, es hegen und pflegen.“

Wenn aus Spielen trauriger Ernst wird

Bundesweiter Aktionstag gegen Glücksspielsucht ist am 29. September, in Waldshut gibt es aus diesem Anlass eine Informationsveranstaltung.

Vortrag und Film: Aus diesem Anlass findet in der Fachstelle Sucht Waldshut-Tiengen, Kaiserstraße 17 in Waldshut, ab 17.30 Uhr eine Informationsveranstaltung statt, Thema „Wenn das Glück verschwunden und aus Spielen trauriger Ernst geworden ist“. Referent ist Ernst Schätzle, Diplom-Psychologe, Fachstelle. Die Fachstelle Sucht stellt in ihren Räumen ihre Arbeit und ihre Mitarbeiter am 11. Oktober, 18 Uhr, in einem Film vor. Der Film entstand aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Fachstelle im Landkreis Waldshut, gedreht von Heiko Probst aus dem Fachstellen-Team.

Die Fachstelle Sucht Waldshut gehört zum Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation. Das Team der Fachstelle setzt sich aus Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychologen sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern mit beraterischen bzw. therapeutischen Ausbildungen und einer Case-Managerin zusammen. Der Zuständigkeitsbereich umfasst den Landkreis Waldshut.

Gliederung: Fachstelle Sucht Waldshut gliedert sich in: Abteilung Alkohol, Medikamente, Glücksspiel, Kaiserstraße 17 in Waldshut , Telefon: 07751/896 68-0, Fax: 07751/896 68-99,fs-waldshut@bw-lv.dewww.bw-lv.de

Abteilung Jugend- und Drogenberatung, Bismarckstraße 16 in Waldshut, Telefon: 07751/896 77-0, Fax: 07751/896 77-99, fs-waldshut@bw-lv.dewww.bw-lv.de

Außenstelle Bad Säckingen, Anton-Leo-Straße 2, Öffnungszeiten Montag und Freitag nach Vereinbarung. Terminvereinbarung über: Fachstelle Sucht, Telefon 07751/896 68-0.