Der Waldshuter Ortsteil Gaiß feiert in diesem Jahr sein 750-jähriges Bestehen. Das Dorf, das sich in der Quellmulde des oberen Liederbachtales entwickelte, zeichnet sich durch eine herrliche Lage und ein malerisches Ortsbild mit markanten Bauernhäusern aus. Zu vermuten ist, dass sich der Name von dem mittelhochdeutschen Wort „geiz“ (Ziege) ableitet. Die Geschichte kann nur in Fragmenten wiedergegeben werden: Das Dorf wird erstmals 1266 als „villa Geis“ in Verbindung mit dem Kloster Königsfelden im Kanton Aargau genannt, das Güter in „Geis“ besaß. Besitztümer, die später vom Kloster St. Blasien erworben wurden. 1429 wird eine „vogtey ze Geys“ erwähnt.

1470 gab es bei Gaiß einen großen Hof, den „Burghof“. 1543 war der Junker Jakob von Ofteringen Herr zu Gaiß. 1566 hieß es in einer Urkunde, „Geis ist ein Flecken mit vier oder fünf Höfen“. 1585 übergab Erzherzog Ferdinand dem Hans Melchior Steinbock, Bürger zu Konstanz, die Vogtei Gaiß als Lehen. 1684 fiel die Ortsherrschaft an das Kloster St. Blasien. Damals lebten in vielen Ortschaften des Hotzenwaldes, darunter auch in Gaiß, Freibauern, die sich auf den von ihnen gerodeten Parzellen niederließen und mehr Rechte besaßen als die Leibeigenen. So ist 1303 die Rede von „vrigen lute“ (freien Leute) von Geiß. Sie verwalteten sich selbst und organisierten sich in Einungen. Im Bereich der Rodungsgebiete gründeten die Ritter von Tiefenstein das Kloster Neuenzell bei Ibach, das später an das Kloster Stein am Rhein fiel, dann aber von Rudolf von Habsburg beansprucht wurde. Anstelle des Klosters wurde danach die Pfarrei Neuenzell eingerichtet, die auch Einkünfte aus Gaiß bezog.

In der Folgezeit wurde der Einfluss des Klosters St. Blasien immer stärker. Wenn beispielsweise ein neuer Abt eingesetzt wurde, mussten alle über 14 Jahre alten männlichen Bewohner im Einzugsbereich des Klosters, darunter auch die Bewohner aus Gaiß, dem neuen Abt huldigen. In Remetschwiel gab es ein Dinggericht, das zweimal im Jahr tagte und dem auch die Ortschaften Gaiß, Eschbach und Waldkirch unterstanden. Während der Salpetererunruhen, die sich bis ins 19. Jahrhundert hinzogen, wurden zahlreiche Aufrührer gefangen genommen und in die Verbannung geschickt, darunter Josef Dietsche, Konrad Dietsche und Friedle Flügel aus Gaiß. An die Zeit der Unruhen erinnert auch das „Feiste Herrgöttle“, ein Wegkreuz an der alten Ortsverbindung nach Unteralpfen, das 1699 errichtet wurde. An den Südhängen zum Hochrhein wurde bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts noch Wein angebaut, in Dogern, Eschbach, Gaiß und sogar noch in Waldkirch. Erst die Klimaverschlechterung, die Anfang des 16. Jahrhunderts einsetzte, bewirkte einen kontinuierlichen Rückgang der Anbauflächen. Daher begnügte sich ab 1731 das Kloster St. Blasien mit dem zwölften Teil des Weinertrages, statt mit dem Zehnten.

1787 kam die Ortschaft zur Pfarrei Waldkirch, vorher gehörte sie zur Pfarrei Dogern. Mit der Einführung der kommunalen Selbstverwaltung bildeten Schmitzingen, Gaiß und Waldkirch eine Gemeinde mit 520 Einwohnern. Schulhäuser gab es in Schmitzingen und Waldkirch. Das ehemalige Schul- und Rathaus in Waldkirch wird heute als Gemeinschaftshaus genutzt. Seit 1971, seit der Eingemeindung in die Stadt Waldshut, bilden Gaiß und Waldkirch eine Ortschaft mit einer gemeinsamen Ortschaftsverwaltung. Ortsvorsteher ist Matthias Rüd aus Gaiß. Zusammen kommen die beiden Ortsteile auf knapp 230 Einwohner.

Das Schmuckstück des Dorfes ist die Kapelle, die dem Erzengel Michael geweiht ist. Das Patrozinium wird am 29. September gefeiert. Allein schon die Lage der Kapelle hat etwas Besonderes: Von hier hat der Besucher einen weiten Blick ins Liederbachtal, bis hin zum Rhein und in die benachbarte Schweiz. Es ist die einzige Kapelle des Kirchspiels, über die so gut wie keine historischen Daten bekannt sind. In einer Notiz aus dem Jahre 1980 vermerkt das Konradsblatt: „Mit der Trockenlegung der Außenwände begannen 1977 die Renovierungsarbeiten. Dafür opferten die Einwohner von Gaiß über 200 freiwillige Arbeitsstunden. Auch Vereine engagierten sich und halfen, die entstandenen Kosten zu verringern. Eine Fußbodenheizung und ein Windfang wurden neu eingebaut. An der Decke wurden alte Malereien freigelegt.“

Auch der Innenraum hat eine besondere Ausstrahlung. „Ein Wohnzimmer Gottes“, so formulierte es der Eschbacher Kunstexperte Wolfgang Wolpert. Beim Betreten des stillen, lichtdurchfluteten Gotteshauses richtet sich der Blick auf den farbenprächtigen Rokoko-Altar mit seiner zentralen Figur „Christus auf der Rast“, die den erschöpften Gottessohn kurz vor der Hinrichtung darstellt. Ein Auszugsbild darüber zeigt die Mutter Gottes. Zu beiden Seiten des Altarbildes befinden sich zwei weitere Figuren, links der heilige Bernhard und rechts der heilige Burkhard, die sich im Stil deutlich von der einfacher gestalteten Mittelfigur unterscheiden. Eingerahmt wird der Altar durch eine „Vorhangmalerei“: Zwei Engel halten einen schützenden Vorhang über den Altar und die dargestellten Personen.

Von den ehemaligen Wandmalereien sind nur noch einzelne Fragmente erhalten, sodass der Zusammenhang zwischen den einzelnen Darstellungen nicht mehr nachvollziehbar ist. Ein Fragment ist sicherlich auch das Deckengemälde, das im Stil des Spaniers Murillo die himmelwärts aufsteigende Gottesmutter darstellt. Von den üblichen zwölf Weihekreuzen sind nur noch zwei erhalten, die durch ihre eigentümliche Zeichnung vom gewohnten Rahmen abweichen. Ins Auge fallen auch die schönen Glasfester mit Jugendstilornamenten und historisierenden Darstellungen. Zwischen den beiden Fenstern der Nordseite befindet sich die Figur des heiligen Sebastian, ebenfalls eine künstlerisch hochwertige Arbeit. Rechts neben dem Eingang hat der heilige Michael, der Schutzpatron der Kapelle, seinen Platz. Die strenge Ausrichtung der Kapelle nach Osten und die sich nach oben verjüngenden Wände deuten, so Wolpert, auf ein hohes Alter der Kapelle hin.

In Gaiß gibt es drei Vereine, den Musikverein Gaiß-Waldkirch, den Landfrauenverein und den Verein der Oldtimerfreunde. Der Musikverein Konkordia Gaiß-Waldkirch wurde 1924 gegründet und zählt aktuell 42 aktive Mitglieder. Vorsitzender ist Daniel Tröndle. Der Landfrauenverein wurde 1986 gegründet und zählt 14 Mitglieder. Vorsitzende ist Ramona Denz. Jüngster Verein sind die Oldtimerfreunde, die 2012 mit 30 Mitgliedern startete. Inzwischen zählt der Verein 80 Mitglieder. Vorsitzender ist Joachim Auer.

Das Jubiläumsprogramm

  • 22. Mai: Beginn des Programms mit der Eröffnung des Jubiläumsweges, der „Siebler Rundweg“, um 14 Uhr mit OB Philipp Frank und den MV Gaiß-Waldkirch. Treffpunkt: Untere Zufahrt B 500 Gaiß. Am gleichen Tag, 14 bis 16 Uhr, eröffnen die Landfrauen ihre historische Bilderausstellung im ehemaligen Haus Kaiser bei der Kapelle.
  • 4. und 5. Juni: Am Samstag und Sonntag veranstaltet der Musikverein Gaiß-Waldkirch unter dem Motto „Keltische Nacht“ an der Oberalpfener Straße in Gaiß ein Open-Air-Konzert.
  • 23. und 24. Juli: Am Samstag und Sonntag findet das „Feist Herrgöttle Fest“ unter der Regie der Vereinsgemeinschaft statt. Am Samstag sind die „Dorfrocker“ zu Gast, eine der bekanntesten Partyrockbands Deutschlands.
  • 24. und 25. September: Am Samstag und Sonntag endet das Jubiläumsprogramm mit dem Oktoberfest unter der Federführung der Oldtimerfreunde.