Hartmut Rosa ist an Sonntagen oft an der Orgel in der evangelischen Kirche in Grafenhausen und Ühlingen anzutreffen. Der Professor ist einer der bekanntesten Soziologen Deutschlands und wohnt in Grafenhausen im Kreis Waldshut. Das Buch „Beschleunigung“, das er für seine Habilitation 2004 an der Universität Jena einreichte, erschien 2005 als Taschenbuch.

Hartmut Rosa an der Orgel in der evangelischen Kirche in Grafenhausen.
Hartmut Rosa an der Orgel in der evangelischen Kirche in Grafenhausen. | Bild: Ursula Ortlieb

Kürzlich sah man Rosa in einem Fernseh-Interview beim Schriftsteller und Philosophen Richard David Precht, danach war er im Radio zu hören. Im SÜDKURIER-Interview spricht er über die Stellung der Kirche, die Entwicklung der Kirchenaustritte und sein Orgelspiel.

Herr Rosa, Sie sitzen regelmäßig im Gottesdienst an der Orgel. Welchen Stellenwert hat die Kirche Ihrer Meinung nach noch in Deutschland?

Es gibt ja mehre Kirchen, die katholische und evangelische, Freikirchen usw. Allein zahlenmäßig haben sie noch eine große Bedeutung. Darüber hinaus ist insbesondere die katholische Kirche die älteste soziale Organisation überhaupt, die ungebrochen seit Jahrhunderten Bestand hat.

Wenn man etwas sucht, das noch vormoderne Wurzeln hat, findet man nicht viel anderes. Insofern hat kirchliches Denken und Handeln einen Charakter, der sich der modernen Steigerungslogik entgegensetzt. Wenn man etwas sucht, das nicht per se auf Wachstum und Beschleunigung angelegt ist, dann ist es die Kirche.

Sie ist eigentlich ein sehr starres Gebilde. Deswegen würde ich sagen, gerade die katholische, aber auch die protestantischen Kirchen sind interessante Gebilde. Natürlich haben Kirchen in der Gesellschaft an moralischer Autorität, an Bedeutung im Sinne maßgeblicher Orientierungseinheiten in den letzten Jahren verloren und auch einen Großteil ihres Glaubens an ihre eigene Bedeutung eingebüßt.

So war während der Corona-Krise nicht sonderlich viel von ihnen zu hören. Sie sind momentan nicht mehr die Stimme, an der man sich orientiert. Darüber hinaus ist jedoch zu sagen, dass sie mit vielen caritativen Einrichtungen, insbesondere Caritas und Diakonie, von Kindergärten angefangen über Krankenhäuser bis hin zu Pflegestiften institutionell noch einen ganz großen Wert für die Gesellschaft haben.

Immer mehr Katholiken und Protestanten treten aus der Kirche aus. Was macht das mit einer Gesellschaft?

Es ist schwer, darauf eine allgemeine gültige Antwort zu geben. In der Soziologie hat man lange die These vertreten, dass der Bedeutungsverlust von Religion und insbesondere die radikale Trennung von Politik und Religion, sowie die Privatisierung von Glauben, ein normaler Begleitprozess der Moderne sei. Religion verliere immer mehr an Bedeutung in einer zunehmend säkularen Welt.

Inzwischen stellten wir aber fest, dass das zwar für die westeuropäischen Gesellschaften gilt. Schon in Polen und auch in Russland ist das aber nicht so klar, erst recht nicht in anderen Weltgegenden. Brasilien war beispielsweise traditionell katholisch. Da treten zwar auch Leute aus der Kirche aus, treten dafür aber in evangelikale Kirchen ein. Weltweit ist Religion, anders als hier, durchaus nicht am Verschwinden.

Was vermehrte Kirchenaustritte mit der Gesellschaft machen, ist schwer zu sagen. Die Gesellschaft öffnet sich im Prinzip für eine pluralistischere Form der Lebensführung. Dies geht aber auch mit einer Auflösung von festen Traditionen und Wertvorstellungen einher. Dies führt dazu, dass die Gesellschaft immer wieder neu aushandeln muss, wie sie es halten will mit Sexualität, Heirat, Sterbehilfe und diesen ganzen Dingen.

Das heißt, die traditionell maßgebende moralische Instanz ist verschwunden, Prozesse müssen ausgehandelt werden. Das kann die Gesellschaft konfliktreicher, aber auch freier und flexibler machen.

Ein anderes Problem ist die Frage der Orientierung. Können Menschen ohne jede metaphysische Verankerung leben? Das würden die meisten Soziologen heute jedenfalls bejahen. Menschen finden Lebenssinn auch in anderen Sphären: In der Musik, in der Kunst, in der Natur, in sozialen Beziehungen.

Am Sonntag musizierten Sie im Gottesdienst. Gehen Sie regelmäßig in die Kirche? Aus Gewohnheit?

Es ist nicht unbedingt eine Gewohnheit, weil meine Eltern keine Kirchgänger waren. Sie waren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Nachdem sie Verschiedenes versucht haben, sind sie dann aber evangelisch geworden. Ich bin also nicht christlich aufgewachsen.

Es war die Orgel, die mich in die Kirche brachte. Dieses musikalische Ganzkörpererlebnis hat mich als Jugendlichen fasziniert. Ich beschloss, Orgelspielen zu lernen und bin dann auch in den Religionsunterricht gegangen. So wurde ich in die Kirche hineinsozialisiert.

Wegen Corona ohne Gesang aber mit musikalischer Umrahmung hielt Pastor Mathias Geib am 14. März in der Kirche in Grafenhausen für die ...
Wegen Corona ohne Gesang aber mit musikalischer Umrahmung hielt Pastor Mathias Geib am 14. März in der Kirche in Grafenhausen für die Christen aus Ühlingen-Birkendorf und Grafenhausen. Links Heidrun Schäfer (Alt- und Querflöte), rechts Hartmut Rosa. | Bild: Ursula Ortlieb

Ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger, sondern meistens dort, wenn ich die Orgel spiele. Trotzdem gehe ich immer wieder gerne zum Gottesdienst. Ich sehe Religion und kirchliche Angebote weniger als Welterklärung oder als theoretisches Angebot für Fragen wie das Leben zusammenhängt und entsteht, sondern als einen Erfahrungsraum, dessen religiöse Rituale wie Abendmahl oder Segen und Gebet eine Form von Weltbeziehung stiften, die ich als Resonanzbeziehung beschreibe. So etwas kann ich dabei durchaus finden.

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