Nach langer coronabedingter Pause freut sich Anita Müller-Berthold, die Verwalterin des Heimatmuseums Hüsli in Rothaus, auf Gäste. Die Berliner Konzertsängerin Helene Siegfried hatte sich 1912 das romantische Schwarzwaldhaus als Feriendomizil bauen lassen. Ausgestattet hat es die Sängerin mit Bauteilen, Gerätschaften und Kunstgegenständen, die sie aus alten Schwarzwaldhöfen zusammentrug. Ein Bildstöckchen im Garten ist eng verknüpft mit der ehemaligen Bezirksforstei Bonndorf.

Etwas befremdlich wirkt es, wenn dem Betrachter aus der Bildnische anstatt einem Muttergottesbild auf der Tafel das Konterfei von Helene Siegfried entgegenblickt.
Etwas befremdlich wirkt es, wenn dem Betrachter aus der Bildnische anstatt einem Muttergottesbild auf der Tafel das Konterfei von Helene Siegfried entgegenblickt. | Bild: Friedbert Zapf

Das Bildstöckchen stand früher beim Dresselbacher Wirtshaus „Linde“ nahe Schluchsee – allerdings schief, die Bildnische leer. Helene Siegfried wandte sich an den Lindenwirt Ernst Zipfel. Der Bildstock stehe nicht auf seinem, sondern auf großherzoglich badischem Grundeigentum, so seine Auskunft. Zuständig sei der Leiter der Bezirksforstei Bonndorf, Otto Eberbach.

Und Otto Eberbach erlaubte der Sängerin, den Bildstock nach Rothaus zu versetzen – ohne seine vorgesetzte Behörde in Karlsruhe um Erlaubnis zu fragen. Ein Bürger aus Lenzkirch, ein gewisser Dr. Faller, erstattete, nachdem das Bildstöckle nach Rothaus versetzt worden war, schließlich Anzeige wegen Diebstahl von Landeseigentum. Die Staatsanwaltschaft Waldshut versuchte mit einem Schreiben vom Oktober 1913, die Sache nicht eskalieren zu lassen.

Der Forst- und Domänendirektion in Karlsruhe ging es weniger um ihr Eigentum, sondern darum, dass Oberförster Otto Eberbach einmal mehr auffiel. Gerade hatte er ein Buch über den Mischwald veröffentlicht, was der vorgesetzten Behörde missfiel. Außerdem trug der Protestant Otto Eberbach einen öffentlichen Streit mit dem katholischen Pfarrer von Bonndorf aus. Und nun die Eigenmächtigkeit mit dem Bildstock. Die Behörde sprach gegenüber Eberbach einen strengen Verweis aus.

An der Landstraße beim ehemaligen Dresselbacher Wirtshaus „Linde“ stand das Bildstöckchen, bevor es nach Rothaus umgesetzt wurde. Über den veränderten Standpunkt gab es viel Diskussion.
An der Landstraße beim ehemaligen Dresselbacher Wirtshaus „Linde“ stand das Bildstöckchen, bevor es nach Rothaus umgesetzt wurde. Über den veränderten Standpunkt gab es viel Diskussion. | Bild: Friedbert Zapf

Während des Ersten Weltkriegs schlief die Sache ein. Die Forst- und Domänendirektion hatte inzwischen gegenüber Helene Siegfried erklärt, der Bildstock verbleibe in Landeseigentum. Und Professor Dr. Sauer, zuständig für die staatlichen Kunstdenkmäler, war im April 1919 der Meinung, „der Bildstock steht an seiner heutigen Stelle mindestens ebenso gut als an der alten“.

Doch Dr. Faller, der die Anzeige erstattet hatte, gab nicht auf und wandte sich an das Kultusministerium: „Wir haben im südlichen Schwarzwald leider nur recht wenige derartige alte Denkmäler; umso mehr Grund, diese wenigen zu pflegen und zu hüten. Dass staatliche Behörden noch dazu die Hand reichen, solche Denkmäler in Privatsammlungen verschwinden zu lassen, kann nicht scharf genug gerügt werden.“

Der Bildstock müsse nach Dresselbach zurück, dort solle er „die Vorübergehenden zu Erbauung und Gebet anregen“. Die Sängerin habe inzwischen in der Bildstocknische „ein Marienbildchen anbringen lassen mit der Inschrift: Maria bitt für uns. In ihrem Privatgarten wirkt das meines Erachtens allerdings fast wie Blasphemie“. Und Dr. Faller drohte damit, „diese Angelegenheit in der Presse und Fachblättern in ausführlicher Weise zur Sprache bringen“.

Als Ministerialrat Stürzenacker vom Arbeitsministerium im Juli 1920 Bonndorf besuchte, bat man ihn, er möge sich „um die Verpflanzung des Bildstockes an seine ursprüngliche Stelle nach Kräften bemühen“, und er erkundigte sich bei Ministerialrat Dr. Bartnig vom Kultusministerium nach dem Stand. Der antwortete, man werde „mit der Besitzerin Fühlung suchen, um bei ihr eine Verfügung für den Todesfall zu erzielen, die im Sinne der Denkmalspflege gelegen wäre“.

Wie Helene Siegfried auf dieses Ansinnen reagierte, ist nicht überliefert. In ihren Memoiren jedenfalls erinnert sie sich eher amüsiert an die Geschichte des versetzten Bildstocks: „Alsbald erschien die hohe Polizei mit einem peinlichen Verhör nach dem wieso und wozu. Ich beteuerte meine Unschuld so gut ich konnte und glaubte die Sache damit erledigt. Aber bald danach erschien eine Kommission einiger Herren aus Karlsruhe, die kopfschüttelnd das corpus delicti umstanden. Erst nach geraumer Zeit erhielt ich dann Bescheid, der Stein sei zwar nicht als mein Eigentum anzusehen, könne aber an seinem Ort stehen bleiben in Anbetracht der dazu passenden Umgebung.“

Öffnungszeiten: Hüsli-Volkskundemuseum, bei Rothaus, geöffnet ab Fronleichnam, 3. Juni; Öffnungszeiten dienstags 13.30 bis 17 Uhr, mittwochs bis sonntags 10 bis 12 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr.