Ist Corona ein beispielloser Entschleuniger, ein Monster der Unverfügbarkeit? Wie wirkt sich dieses Virus auf unser Zusammenleben aus? Hartmut Rosa versuchte in der – unter Corona-Bedingungen – „voll“ besetzten Schwarzwaldhalle Grafenhausen eine soziologische Analyse zu möglichen Folgen der Pandemie für den Einzelnen und die Gesellschaft. Er habe ein professionelles Interesse am Dialog mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Lagen. Dennoch wisse die Wissenschaft kaum etwas über konkrete gesellschaftliche Auswirkungen, könne über vieles allenfalls mutmaßen, verdeutlicht der Soziologe. „Die Frage, was mit der Gesellschaft los ist, kann man nicht am Schreibtisch beantworten. Das findet man nur in Gesprächen heraus.“

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Man spürt, dass Hartmut Rosa der Kontakt zu den Menschen in seiner Heimat wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger denn je. Dass er die Art des Zusammenlebens und Ehrlichkeit der Menschen im Schwarzwald ebenso schätzt wie die Landschaft. Nie zuvor habe er so lange Zeit an seinem Wohnort in Geroldshofstetten verbracht, die unmittelbare Umgebung derart intensiv entdeckt, wie seit der auferzwungenen Aus-Zeit durch die Corona-Pandemie. Die Politik habe beispiellos in eine Gesellschaft eingegriffen, die zuvor nur eines kannte: Immer schneller, immer Mehr. Nun komme es darauf an, was die Menschen mit der Krise machen. „Nicht das Virus, sondern wir haben die Flugzeuge vom Himmel geholt und sogar die Bundesliga gestoppt. Das zeigt, dass wir viel tun können, wenn wir wollen.“

Soziologische Analyse

Hartmut Rosa analysiert, dass die Bedrohung im ländlichen Raum tendenziell niedriger, die Krise also eher eine städtische sei, gut Situierte eher mehr auf Distanz achten als wirtschaftlich Benachteiligte. Bemerkenswert findet er, dass sich die Menschen Umfragen zufolge während der Corona-Pandemie insgesamt zufriedener fühlten. „In der größten Krise geht‘s den Leuten richtig gut.“

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Dabei bestehe berechtigter Anlass zur Sorge, wie es nach der Pandemie weitergehen wird. Wolle man zum vorherigen Wachstum zurückkehren, um die Schuldenberge abzutragen, die Renten- und Gesundheitssysteme zu erhalten? Die Wachstumskurven seit Beginn der Industrialisierung seien erschreckend, das Bewegungsprofil der Menschen bereite der Erde Schüttelfrost. Dennoch seien bisherige Maßnahmen zum Klimaschutz wirkungslos geblieben. Erst die politische Reaktion auf das Virus konnte den permanenten Anstieg im Energie- und Ressourcenverbrauch, Tourismus sowie Verkehr bremsen oder gar stoppen. Man könne die Welt offensichtlich anders gestalten.

Gerechtere Verteilung der Güter

Hartmut Rosa fordert eine konsequente Neuausrichtung der Gesellschaft, gerechtere Verteilung der Güter und den Schutz der Natur, nachdem die Menschheit bislang alles daran setzte, die Welt in jeder Hinsicht verfügbar zu machen. Corona, der Albtraum der Moderne, habe zu neuen Hier- und Jetzt-Erfahrungen geführt, vielleicht aber auch zu einem Verlust an sozialer Energie. Anstatt schnellstmöglich zur Normalität zurückzukehren, sollte man jetzt darüber nachdenken, wie die Welt ökologisch, ökonomisch und politisch verändert werden müsse.

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„Ich werde mich nicht in Tobsucht reden“, sichert Hartmut Rosa zu, regt aber mit lebendiger und erfrischend provozierender Art interessante Fragen aus dem Publikum an. Dass Benachteiligte durch die Corona-Krise größere Nachteile erfuhren, wurde dabei ebenso thematisiert wie die Fehleinschätzung, dass Lernen vollständig auf digitaler Ebene stattfinden kann. Der Lockdown sei zum Schutz der Bevölkerung erfolgt, er glaube nicht, dass die Regierung, damit aus dem Wachstumszwang aussteigen wollte. Klar geworden sei, dass die Gesundheit kein privates, sondern Kollektivgut sei.

Spurwechsel sei nötig

Dringend mahnt Hartmut Rosa einen Spurwechsel an. Man müsse den Fokus stärker auf Produzentenseite legen, brauche neue Ideen, anstatt ausschließlich über Konsum nachzudenken. Zumal der in vielen Ländern weit über den eigentlichen Bedarf der Menschen hinausgehe. Damit ist der Bogen zum bedingungslosen Grundeinkommen gespannt, was einmal mehr den Irrsinn verdeutliche, dass acht Männer gleich viel besitzen wie vier Milliarden Menschen zusammen.

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