Mit der prächtigen Fahne von 1896 hängt in der Zunftstube der Hungrigen Stühlinger ein inzwischen 125 Jahre altes Stück Fasnachts-Geschichte. Das Werbeplakat der Stühlinger Steindruckerei Würth von 1871 sowie die Fahne von 1896 waren der Anlass, im Jahr 1996 richtig groß zu feiern.

Zum 17. Kleggaunarrentreffen in Stühlingen anlässlich 125 Jahre Stühlinger Fasnacht und 100 Jahre Narrenfahne mit allen Stühlinger Vereinen und der Narrenvereinigung Kleggau wurde das Fasnetbuch „Lutter Narre“ herausgegeben. Federführend war Ehrenzunftmeister Arnfried Winterhalder, gemeinsam mit Ira Sattler und Irmeline Kauffmann; die Gestaltung hatte Helmut Heimburger übernommen. Erst später wurde anhand zweier Archivinfos von 1739 und 1851 ersichtlich, dass die Fasnacht in Stühlingen bereits viel älter ist.

Anstatt der Narrenfahne von 1896 wird am Schmutzigen Donnerstag seit Jahren eine Plätzlehäs-Figur der Hungrigen Stühlinger vor das Fenster des Bürgermeisters im Rathaus ausgehängt. Die Schlüsselübergabe und damit die offizielle Amtsenthebung bis zum Fasnachtsdienstag in festgelegten Worten nutzt Zunftmeister Daniel Fechtig (links) auch, um Aktuelles mitzuteilen. Bürgermeister Joachim Burger ergibt sich wie seine Vorgänger und lässt sich im Saugatter abführen. Das Bild ist vom Schmutzigen Donnerstag 2019.
Anstatt der Narrenfahne von 1896 wird am Schmutzigen Donnerstag seit Jahren eine Plätzlehäs-Figur der Hungrigen Stühlinger vor das Fenster des Bürgermeisters im Rathaus ausgehängt. Die Schlüsselübergabe und damit die offizielle Amtsenthebung bis zum Fasnachtsdienstag in festgelegten Worten nutzt Zunftmeister Daniel Fechtig (links) auch, um Aktuelles mitzuteilen. Bürgermeister Joachim Burger ergibt sich wie seine Vorgänger und lässt sich im Saugatter abführen. Das Bild ist vom Schmutzigen Donnerstag 2019. | Bild: Yvonne Würth

Italienisches Vorbild

Wie auf der Fahne zu sehen ist, wurde im Jahr 1896 noch nicht gemäß Schwäbisch-Alemannischem Brauchtum gefeiert. Das Vorbild damals war der Karneval in Venedig.

Dessen älteste Erwähnung ist in der Chronik des Dogen Vitale Falier 1094 zu finden, die Blütezeit des Karnevals in Venedig endete, als 1797 die Markusrepublik durch Napoleon Bonaparte ihre Selbständigkeit verlor und Österreich angegliedert wurde. Nach der Vereinigung Venedigs mit Italien 1866 gab es Bestrebungen, die großartige Tradition venezianischer Feste wieder aufleben zu lassen.

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Stühlinger Zirkus

Die Fahne mit der Aufschrift „Narrengesellschaft Stühlingen 1896“ und „Narroo“ auf der einen Seite sowie „Vivat hoch Prinz Carneval“ auf der anderen Seite wurde mit sechs närrischen Gestalten geschmückt. Diese sind bunt kostümiert, machen Musik auf der Trompete und zeigen artistische Darbietungen wie dem Laufen auf den Händen.

Wie bereits im Südkurier 1996 geschrieben wurde: „Aus dem ´Vivat hoch dem Kaiser´ wurde das ´Vivat hoch Prinz Carneval´, der als sensibler, feiner Spaßmacher dargestellt wird, abgeleitet vom Hofnarr, sozusagen dem `Allroundunterhalter´, der mit Späßen, Musik, Akrobatik und ironischer Kritik die besseren Stände unterhielt.

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Und schließlich vereinnahmte ihn der Zirkus, das Unterhaltungsmedium für das Volk, unter dem Sammelbegriff ´Clown´. Nicht umsonst erinnern die im Stil der Jahrhundertwende gemalten Darstellungen des Pierots, der Clowns und des Artisten auf der Fahne an Zirkusplakate.“

Prunkstück Narrenfahne

Wie im Buch „Lutter Narre“ festgehalten wurde, hatte Stühlingens Narrenvater Johann Abröl, ein Schneidermeister, die Fasnacht 1896 durchgeführt unter dem Motto „Internationale Fahnenweihe.“

Neben der Narrenzeitung wurde 1896 auch die Narrenfahne geschaffen. Sie wurde von Friedrich Blatter, Malermeister in der Bahnhofstraße, entworfen und beidseitig bemalt. In früheren Jahren wurde die Narrenfahne am Schmutzigen Donnerstag am Rathaus ausgehängt. Bis Aschermittwoch wurde damit die Machtübernahme durch die Narren angezeigt.

Wie Heimatforscher und Stühlinger Ehrenbürger Gustav Häusler schrieb, war Narrenvater Johann Abröl bei allen Narrenzünften Oberbadens bekannt durch den regelmäßigen Besuch der Zusammenkünfte. Er wurde sogar am 23. Januar 1896 als Mitglied in die privilegierte Narrenzunft zu Stockach aufgenommen. In feierlicher Weise wurde er vor dem Hohen grobgünstigen Narrengericht als Laufnarr installiert.