Anneliese Litschmann, geborene Kornhaas, hat ihre Kindheit und Jugend am Stadtweg in Stühlingen verbracht, dem Straßenzug, der die Unterstadt mit der Altstadt verbindet. Vor 75 Jahren wuselte es dort nur so vor Kindern. Zudem befand sich die Volksschule oberhalb der Schmiede Kornhaas, Wagnerei Krügle und Buchdruckerei Schwengle. Auf dieser Höhe war immer etwas los und das alte Handwerk interessant für Kinder.

Anneliese Litschmann
Anneliese Litschmann | Bild: Edelgard Bernauer

Anneliese Litschmann erinnert sich an jene Zeit, als ihr Vater, Schmiedemeister Willi Kornhaas, Holzräder, die Wagnermeister Krügle angefertigt hatte, mit Eisenringen bereifte. Da musste auch Anneliese, als älteste von drei Schwestern, mit anpacken, als sie alt genug war. „Die Eisenreifen wurden in der Esse glühend heiß gemacht und dann fix über das Rad gezogen. Da musste alles sehr schnell gehen“, erzählt die 81-Jährige. Die Eisenringe mussten mit kaltem Wasser begossen werden, das die Frauen heran schleppen mussten. So zogen sich die Eisenreifen eng um die Räder. „Es zischte und dampfte, und alle wussten, was zu tun war“, erklärt Litschmann.

Wagnermeister Alfons Krügle war sehr kinderlieb. Unsere Gesprächspartnerin erinnert sich: „Er versorgte die Buben mit Holzschwertern, baute Schlitten, Roller und Schaukelpferde und für die Mädchen hölzerne, aber schon gummibereifte Puppenwagen, die quasi unkaputtbar waren. Und toll war das Versteckspiel zwischen den zum Trocknen aufgeschichteten Bretterstapeln, die rund um das Haus Krügle standen. Sehr gefährlich, aber passiert ist nie etwas.“

Ein Bild der Kornhaas-Schwestern vor 75 Jahren: hinten stehend Anneliese , davor Brunhilde (heute Weber) und Helga (heute Engels).
Ein Bild der Kornhaas-Schwestern vor 75 Jahren: hinten stehend Anneliese , davor Brunhilde (heute Weber) und Helga (heute Engels). | Bild: Privat/Litschmann

Besonders interessant war es, wenn Annelieses Vater Pferde beschlagen musste. „Regelmäßig kam der Kutscher der Familie Fürstenberg vorbei. Er brachte jeden Morgen die Fürsten-Sprösslinge zur Schule und verband die Wartezeit öfter mit seinen Pferden in der Schmiede“, erzählt Anneliese Litschmann.

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Im Herbst wurde gemostet. „Mühsam war das Aufsammeln des Fallobstes. Köstlich mundete dann aber das erste Glas Süßmost.“ Anneliese musste viel in Haus, Garten und auf dem Feld arbeiten. Ihre Eltern betrieben außer der Schmiede auch eine Landwirtschaft. Man hielt Kühe, Schweine und Hühner und war mit Garten und Feldern Selbstversorger. „Not leiden mussten wir nie“, erinnert sich die 81-Jährige. Aus selbst gewonnenem Rahm machte Annelieses Mutter ab und zu Schlagrahm.

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Vom Krieg hat Anneliese kaum etwas mitbekommen. Weder vom Einmarsch der Franzosen noch von den französischen Soldaten, meist Marokkaner, die im Schulhaus untergebracht waren. Der Misthaufen, der zum Anwesen Kornhaas gehörte, befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit jeder Fuhre Stallmist musste die Ortsdurchfahrtsstraße überquert werden. Damals kein Problem, weil nur wenige Autos fuhren. Das Oberflächenwasser samt Mistbrühe floss in mit Steinen ausgemauerten Rinnen den Stadtweg hinunter.

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Anneliese besuchte die Volksschule. Ihr Lieblingslehrer war Robert Moos. Sie erinnert sich auch an die Schülerspeisung in der Schweizer Nachbargemeinde Schleitheim. Sie war beim Schmiedemeister Stamm eingeladen, während das Nachbarkind bei der Wagnerei Stamm zu Gast war. „Bei der Zuteilung wurde darauf geachtet, dass die sozialen Schichten nicht durcheinander gerieten.“ Eine Zeit lang bekamen die Stühlinger Kinder tägliche Notspeisung im Schulhaus am Stadtweg. In großen Waschkesseln wurden dicke Bohnen-, Graupen-, Sago- und Erbsensuppen zubereitet. „Auf den Samstag freuten sich alle, denn da gab es 50 Gramm Milka Schokolade und ein Weckle.“

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Anneliese erinnert sich, dass dann, wenn es zu Hause Servelat-Wurst gab, die drei Schwestern Anneliese, Helga und Brunhilde sich eine einzige teilen mussten. „Und wenn der Vater am Sonntag im Gasthaus ‚Napoleon‘ uns Mädels rosarote Himbeerlimonade spendierte, dann musste ein Fläschchen für alle drei reichen.“ Kulinarische Abwechslung bot die Zeit, als im Kirchgarten die Kirschen reif waren. Dann schlugen die Stühlinger Kinder sich damit die Bäuche voll.

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Später war Anneliese dann in Hallau und im Gasthaus „Krone“als Hausmädchen angestellt. Dort lernte sie Hans Litschmann kennen, den es als Mastenstreicher nach Stühlingen verschlagen hatte. Er lernte bei Annelieses Vater das Schmiedehandwerk. „Dies hatte mein Vater zur Bedingung gemacht, bevor er in die Heirat einwilligte“, erinnert sich die 81-Jährige. Die Hochzeit war im Jahr 1958. Längst ist aus der Schmiede Kornhaas der Stahlbaubetrieb Litschmann im Stühlinger Gewerbegebiet Sulzfeld geworden.

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