Alfred Kaiser (90) zählt zu den ältesten Stühlingern, die trotz hohem Alter viel aus früheren Jahren erzählen können. Zurückgezogen verbringt er seinen Lebensabend in der Rappenhaldesiedlung – diese wurde auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Jakob Limberger in den 50er Jahren errichtet. Und Limberger sei zudem zu verdanken, dass die Wutach nicht zur Stromerzeugung genutzt werden durfte. Geplant war damals ein großes Stauwehr bei Neustadt mit der Konsequenz, dass der Wutach sehr viel Wasser entzogen worden wäre. Wer weiß solche Dinge heutzutage noch?

Aufgewachsen im Stühlinger Städtle

Die Familie Kaiser zog Ende der 30er Jahre von Wangen nach Stühlingen, weil der Vater in der Wutöschinger Alu arbeitete und von Wangen jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe mit dem Fahrrad nach Weizen und von dort mit der Wutachtalbahn nach Wutöschingen fahren musste. Von Stühlingen aus war dann der Weg zur Arbeit kürzer. In der Stühlinger Altstadt erwarben die Kaisers direkt am Marktplatz ein Haus und so wuchs Alfred Kaiser, zusammen mit Bruder Ernst und den Schwestern Erika und Siglinde im Städtle auf.

Haustüren waren für jeden offen

In den letzten Kriegstagen wurde der Vater zum Volkssturm eingezogen und ist seither vermisst gemeldet. Im Städtle, wo es damals vor Kindern nur so wuselte, herrschten damals strenge Sitten. Die Kinder durften beispielsweise nicht im Städtlebrunnen planschen und rund ums Rathaus durfte nicht gelärmt werden. Aber alle Haustüren waren auf und die Kinder gingen überall ein uns aus. Das heißt, die Kinder wurden von den Städtlebewohnern automatisch miterzogen. „Es war materiell betrachtet eine böse Zeit“, erinnert sich Kaiser. Schon früh wurden er und sein jüngerer Bruder Ernst für allerlei Arbeiten eingespannt.

Die Mutter stand mit vier Kindern alleine da. Eine Kuh, zwei Schweine, Ziegen und der Garten trugen zur Ernährung der Familie bei. Alfred Kaiser erinnert sich an die Judenscheuer, an die Geißenweide und die Weilerhofkapelle. Und wer weiß noch, dass es früher zwei Weilerhöfe gab? Einer der Höfe, der längst total verschwunden ist, befand sich am hinteren Ende des Weilertales. Dort soll noch früher auf einer großen Waldwiese, in deren Mitte eine stattliche Eiche stand, ein Thingplatz, ein germanischer Gerichtsplatz, gewesen sein. Mauerreste sollen bis heute sichtbar sein.

Kenner vieler seltener Pflanzen

Alfreds große Liebe entwickelte sich in späteren Jahren zu Wutach- und Gauchachschlucht und zu den Flühen. Hier kannte er sich aus wie kaum jemand sonst. 200 seltene Pflanzen konnte er identifizieren und nicht selten wurde er von Wissenschaftlern aufgrund seiner botanischen Kenntnisse um Rat und Hilfe gebeten, denn er wusste, wo sich die einzelnen Standorte der seltenen Pflanzen befanden.

Sein Arbeitsleben bestand aus mehreren Jobs. 26 Jahre lang arbeitete er bei der Stadt als Mann für fast alle Fälle. Nun verbringt er seinen Lebensabend im eigenen Haus der Rappenhaldesiedlung. Obwohl er geistig total fit und körperlich noch recht gut beieinander ist, kann er kaum mehr unter die Leute, weil er nur noch zehn Prozent Sehkraft besitzt. Das bedrückt ihn logischerweise, auch deshalb, weil er seine geliebte Tageszeitung nicht mehr studieren kann.