Dialekt im täglichen Sprachgebrauch – da scheiden sich die Geister. Für die einen ist Dialektsprechen Identifikation mit der Heimat, für andere wiederum verbindet sich Mundart mit Attributen wie hinterwäldlerisch oder rückständig sein. Und in manchen Berufen bekommt jemand, der sprachlich seine Herkunft nicht verhehlen kann, keinen Fuß auf den Boden. Zwei Stühlinger, Gemeinderat Wolfgang Kaiser und Gurdrun Schirmer, die Leiterin der Stühlinger Heimatbühne, verraten, was sie von Mundart halten.

Hochdeutsch, nur wenn es sein muss

Wolfgang Kaiser fände das Leben ohne Dialekte wesentlich ärmer. Ganz bewusst pflegt er seine „Muederschbrooch“. Aber wenn es sein muss, kann er auch Hochdeutsch, etwa, wenn er im Zusammenhang mit seinem Gemeinderatsmandat bei Behörden in Freiburg oder Stuttgart vorsprechen muss. Dass die Hotzenwälder sprachlich vom wutachtäler Alemannisch abweichen, ebenso wie die „Wisedaler,“ nicht zu reden vom eidgenössisch geprägten alemannisch, trage zur ungeahnten Vielfalt bei. Alleine schon, wenn ein Alemanne den Mund aufmache, wisse man in etwa wo er/sie herstamme. Wolfgang Kaisers alemannische Lieblingssatz lautet „Dä hät en Dolori“, das heißt übersetzt „Jemand hat einen Rausch“.

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Selbst innerhalb der Gesamtstadt Stühlingen gebe es sprachliche Unterschiede: „Wenn jemand sagt ‚mir hond‘ (wir haben), dann kommt er garantiert aus Blumegg. Denn die Stühlinger sagen ‚mir hän‘“, stellt Kaiser klar.

Und nur ein Grimmelshofener könne mit folgendem Zungenbrecher etwas anfangen: „Ä Zone voll Sopfe d‘ Lotere ue schlopfe“. Auf Hochdeutsch:“ Einen Korb voller Seife die Leiter hochschleifen!“

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Wolfgang Kaiser findet, dass Schimpfworte wie „Schoofseggel,“ Druubehüeter“ oder „Schürebürzler“ wesentlich charmanter klingen als Schafsack oder Schlafmütze. Und der Begriff „Schürebürzler“ existiert im Hochdeutschen gar nicht. Kaisers Enkel Leon hat einen weiteren Opa in Münchingen und der hat in seinem Stall „ganz viili Chüe“ (Kühe).

Und Gudrun Schirmer legt gleich los: „Bachbummele, schliefere, Spinnhudle, Bettsaicher, Saubloodere, Herdöpfelschtock, Saichblätz, Bodesurri – ich liebe mein Alemannisch!“, stellt die Vorsitzende der derzeit aufgrund von Corona stillgelegten Stühlinger Heimatbühne klar. Das Ensemble spricht bei seinen Aufführungen natürlich Dialekt.

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Schirmer wünscht sich, „dass Leute, die Dialekt sprechen, nicht als dumm und minderwertig abgestempelt werden“. Wer seine Kinder zum Lesen animiere, helfe, dass der Deutschunterricht in der Schule ohne Probleme über die Bühne geht, selbst wenn zuhause „Schtüehlingerisch g‘schwätzt würd!“

„Nördlich des Bratwurstäquators werden wir Südbadener oft für Schweizer gehalten“, so ihre Erfahrung. Vor Jahren im Urlaub benahmen sich Leute aus ihrer Reisegruppe sehr schlecht. Da war es ihr fast recht, für eine Schweizerin gehalten zu werden. „Wenn es denn sein muss, red ich auf Ämtern, am Arbeitsplatz schon auch Amtsdeutsch. Sohn Johannes arbeitet in einem Team, da heißt es „gu, „goh,“ „gau,“ oder „gang,“ wenn von gehen die Rede ist. Und sie hat festgestellt, dass es bei den Besuchern der Stadtmusikkonzerte gut ankommt, wenn sie die Ansage im Dialekt mache.

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