In der Hans-Carossa-Klinik Stühlingen hat es einen Leitungswechsel gegeben. Der bisherige medizinische Leiter der Hans-Carossa-Klinik Akram Habbaba ist im Mai 2020 verstorben. Bis eine neue Leitung gefunden wurde, übernahm Inge Kerscher-Habbaba übergangsweise. Inzwischen hat sich das neue medizinische Leitungsteam mit Chefarzt Ralf König (seit Mai 2021) und Oberärztin Yasmin Schneeberg (seit Juni 2020) eingelebt. Die drei Ärzte erläutern im Gespräch die Bedeutung der Klinik bei der Gesundheitsversorgung im Landkreis Waldshut.

„Wir sind als einzige psychosomatische Akutklinik im Kreis Waldshut im Bettenplan des Landes Baden-Württemberg aufgeführt und voll ausgelastet. Auch die Notfallbetten sind in der Regel belegt“, sagt Inge Kerscher-Habbaba. Es gibt 36 Planbetten für die stationäre Versorgung, die Tagesklinik hat sechs weitere Plätze.

Anfragen aus ganz Deutschland

Die Hans-Carossa-Klinik ist eine Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Behandlungsschwerpunkte sind Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und somatoforme Störungen. Das Einzugsgebiet für die Tagesklinik ist maximal eine Auto-Stunde entfernt, für den stationären Bereich gibt es Anfragen aus ganz Deutschland.

„Jeder Arzt ist grundsätzlich gehalten, in das nächste erreichbare Krankenhaus einzuweisen. Aber manchmal wird auch speziell Heimatferne gewünscht. Deshalb haben wir Patienten auch aus Berlin, Hamburg oder Dortmund“, so Inge Kerscher-Habbaba.

Die Stühlinger Hans-Carossa-Klinik feiert 2023 ihr 60-jähriges Bestehen.
Die Stühlinger Hans-Carossa-Klinik feiert 2023 ihr 60-jähriges Bestehen. | Bild: Edelgard Bernauer

„Was von den Patienten sehr positiv erlebt wird, ist die familiäre Atmosphäre. Es ist ein kleines Haus, die Wege sind kurz, niemand ist ‚nur eine Nummer‘ und die Gemeinschaft der Patienten untereinander ist ein wichtiger Faktor, der zur Gesundung beiträgt“, erklärt Yasmin Schneeberg. Damit ihre beiden Töchter im ländlichen Raum und in der Nähe der Familie aufwachsen können, zog es sie von der Uniklinik Würzburg zurück nach Stühlingen.

Ralf König pendelt regelmäßig von Freiburg nach Stühlingen, da seine Familie dort sozial verwurzelt ist. Er war vorher Oberarzt der Psychosomatischen Universitätsklinik Freiburg und wird als sehr kompetenter und sympathischer Kollege in Stühlingen geschätzt: „Ich bin hier sehr gut angekommen.“

Im Vordergrund steht in der Hans Carossa Klinik die psychotherapeutische Versorgung der Patienten mit Einzel- und Gruppenarbeit, Gestaltungs- und Bewegungstherapie , außerdem lernen sie Entspannungsverfahren kennen und erhalten begleitende körperbezogene Anwendungen wie Wärmebehandlungen, Massagen, Akupunktur und Bäder.

Das Angebot der Hans-Carossa-Klinik

Die Hans-Carossa-Klinik feiert 2023 ihr 60-jährige Bestehen. Hat sich seit der Gründung etwas geändert?

„Wir machen die Erfahrungen, dass der Schweregrad der Erkrankungen in der Psychosomatik zugenommen hat.“
Ralf König, Chefarzt

Die Patienten, die stationär behandelt werden müssen, seien stärker beeinträchtigt als früher. „Das betrifft zum Beispiel Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder posttraumatischen Störungen“, erklärt Ralf König. Seit der Corona-Pandemie sieht Ralf König eine vermehrte Isolierung der Patienten: „Letztlich ist ein zusätzlicher Belastungsfaktor hinzugekommen, der bewirkt, dass Patienten, die zum Teil vorher ambulant behandelt werden konnten, nun auch stationär kommen.“

Die Patienten würden beispielsweise berichten, dass sie durch die Lockdown-Einschränkungen ihre sozialen Kontakte nicht mehr wie vorher wahrnehmen konnten und dass dadurch ein stabilisierender Faktor weggefallen sei.

Die Hans-Carossa-Klinik Stühlingen betreibt auch eine psychosomatische Tagesklinik.
Die Hans-Carossa-Klinik Stühlingen betreibt auch eine psychosomatische Tagesklinik. | Bild: Archiv

Derzeit werden die beiden Vizsla-Rüden Elmo und Momo in der Klinik sozialisiert. Die Hunde sollen später in der tiergestützten Therapie eingesetzt werden.

Und wie sieht die medizinische Leitung die beschlossene Schließung des Stühlinger Krankenhauses? „Seit Jahrzehnten besteht eine enge wechselseitige Zusammenarbeit mit dem Loreto-Krankenhaus“, sagt Inge Kerscher-Habbaba. Die Schließung der Klinik bezeichnet sie als „großen Verlust für die Infrastruktur des östlichen Landkreises“.

Inge Kerscher-Habbaba weiter: „Viele Patienten, darunter auch gerade ältere Menschen, benötigen keine technologielastige Hochleistungsmedizin, sondern eine solide wohnortnahe Versorgung in überschaubaren Strukturen mit vertrauten Ansprechpartnern.“ Die physische Zentralisierung von medizinischen Einrichtungen werde sich laut Kerscher-Habbaba ohnehin im rasch voranschreitenden digitalen Zeitalter in vielen Bereichen im Rückblick als überflüssig erweisen.

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