Die Seelsorgeeinheit Bonndorf-Wutach hat sich entschlossen, das Pfarrhaus neben der Kirche in Ewattingen zu verkaufen. Die Entscheidung des Stiftungsrats ist vor Wochen gefallen, seit sie bekannt wurde, regt sich Unmut. Vor allem der Kirchenchor kritisiert diesen Schritt. Er nutzt die Räume im Erdgeschoss als Probenraum und auch für kleine Feiern. „Das ist enttäuschend für uns. Es gab kein Gespräch im Vorfeld, wir haben davon aus der Zeitung erfahren“, ärgert sich die Vorsitzende Gertrud Rittner. „Bei einem solchen Vorgehen fühlt man sich als Verein nicht geschätzt“, sagt sie frustriert.

Diesen Vorwurf nimmt Pfarrer Fabian Schneider ernst, es sei ein Versäumnis gewesen, den Kirchenchor nicht frühzeitig informiert zu haben. „Das hätten wir machen sollen“, räumt er ein. Dennoch stehe er hinter dem geplanten Verkauf und nennt finanzielle Überlegungen als Grund. Das Defizit sei zu groß. Außerdem empfehle die Diözese in Freiburg, Gebäude zu verkaufen, die nur partiell genutzt werden.

Genau in diesem Punkt scheiden sich die Geister, denn von einer partiellen, also nur selten auftretenden Nutzung, könne keine Rede sein, argumentiert die Gegenseite. So werde der erste Stock von einer siebenköpfigen Familie genutzt, die aus Syrien nach Deutschland geflohen sei. „Und nun verlieren sie zum zweiten Mal ihre Heimat, denn es dürfte sehr schwierig werden, in Ewattingen eine entsprechende Wohnung zu finden“, erklärt Marlene Kech, die die Familie unterstützt. Auch rund um die Gottesdienste werde das Pfarrhaus regelmäßig gebraucht, beispielsweise bei der Vorbereitung auf Anlässe wie Firmung oder Erstkommunion. Ebenso würden dort Treffen der Ministranten stattfinden. Nicht oft, aber ab und an. Auch den Müttern und Kindern der Krabbelgruppe biete das Pfarrhaus eine Unterkunft. Marlene Kech geht mit Blick auf die kirchlichen Strukturen der Zukunft von einem weiter steigenden Bedarf aus, denn es stehe jetzt schon fest, dass künftig weitere Seelsorgeeinheiten zusammengelegt werden. „Aus diesem Grund wird auf die Laien vor Ort noch mehr Arbeit zukommen, doch wo sollen sie sich treffen, um sich den Belangen ihrer Kirche anzunehmen? Wo sollen all die notwendigen Dinge gelagert werden?“

Es sei also ein Bedarf vorhanden, sagen die Kritiker des Verkaufs, zumal Ewattingen nicht mit öffentlichen Räumen gesegnet sei. Sie gehen noch einen Schritt weiter, beklagen die soziale, gesellschaftliche Komponente, die ureigenstes Terrain einer Kirche sein sollte. „Andere Kirchengemeinden öffnen gerade jetzt ihre Einrichtungen für Flüchtlinge aus der Ukraine, und bei uns wird eine Familie aus Syrien vor die Tür gesetzt“, zieht Marlene Kech einen Vergleich, den sie mit einem Kopfschütteln begleitet.

Der Verkauf des Pfarrhauses sei ein negatives Paradebeispiel dafür, wie sehr der ländliche Raum verarme. „Es wird immer wieder beklagt, wie rasant die Infrastruktur auf dem Land veröde, da könnte die Kirche durchaus ein Zeichen dagegen setzen, aber so entfernt sie sich immer weiter von der Basis“, meint Gertrud Rittner. Sie könne sich zudem des Eindrucks nicht erwehren, dass die Seelsorgeeinheit sich nun weitgehend auf Bonndorf konzentriere. „Ich habe absolut Verständnis dafür, dass dort das Paulinerheim und der Parkplatz bei der Kirche saniert werden, aber das sollte nicht auf Kosten der Dörfer gehen“, fügt sie an.

Die Finanzen

Auch den finanziellen Aspekt sieht Gertrud Rittner kritisch. Das Pfarrhaus sei in einem guten Zustand und generiere Einnahmen über die Miete, daher könne das Defizit nicht so hoch sein. Was diesen Punkt der Debatte anbelangt, spielt Pfarrer Schneider, wenngleich spät, mit offenen Karten. Schriftlich legte er die Rechnungsergebnisse der vergangene drei Jahre vor – sie weisen für 2018 ein Minus von 2941 Euro aus. Ein Jahr später wurde ein Überschuss von 2501 Euro erzielt, 2020 lag das Defizit bei 2950 Euro. Für 2021 gibt es laut der Verrechnungsstelle noch keine finale Bilanz. Umgerechnet beläuft sich der Zuschussbedarf also auf 1130 Euro. Dies, obwohl stets 4725 Euro für den Aufwand zur Bildung der Bausubstanzerhaltung und damit Rücklagen eingerechnet wurden. „Man kann daher mit Fug und Recht behaupten, dass sich das Pfarrhaus finanziell trägt. Wie können angesichts dieser Zahlen die Kosten als Grund für den Verkauf angeführt werden?“, fragt Marlene Kech verwundert. Diese Bilanzen hätte sich auch Udo Huber gewünscht, als im Stiftungsrat die Entscheidung anstand. „Damals hieß es von der Verrechnungsstelle, das Gebäude kostet uns zu viel, wir müssen es loswerden, eindeutige Zahlen wurden uns leider nicht genannt“, sagt das Mitglied des Gremiums. Er habe für den Verkauf gestimmt, „doch angesichts dieses minimalen Defizits bereue ich mein Votum mittlerweile.“

Man habe sich die Sache nicht leicht gemacht, sagt Pfarrer Schneider, doch sei man quasi dazu gezwungen gewesen. „Ansonsten hätten wir unseren Haushalt von der Diözese in Freiburg genehmigen lassen müssen, was wohl zu einer Blockade der Parkplatzsanierung geführt hätte“, skizziert er die Folgen und bleibt damit bei seiner Argumentation. Den Vorwurf, eine Flüchtlingsfamilie vor die Tür zu setzen, will er ebenfalls nicht auf sich sitzen lassen: „Sie sind schon etliche Jahre hier und besitzen keinen Flüchtlingsstatus mehr. In einem Gespräch habe ich ihnen erklärt, dass sie nun selbst Fuß fassen müssen.“