Angela Mut, geborene Schölderle (81) erlebte ihre Kindheit und Jugendzeit innerhalb der Stühlinger Altstadt. Vor 75 Jahren sah die Welt dort noch ganz anders aus. Angela Mut erzählt: „Meine Eltern betrieben eines von zwei Kolonialwarengeschäften. Damals konnten zwei Geschäfte und eine Bäckerei in der Altstadt existieren, obwohl es das Wohngebiet Seegärten noch nicht gab.“ Die Schölderles besaßen schon ein Auto. Mit dem fuhr ihr Vater Franz Schölderle bis zum Bodensee, um seinen Kunden ein großes Sortiment bieten zu können.

Im Städtle gab es außerdem zwei Schuhmacher, einen Blechner, einen Schlosser, zwei Schneider, einen Gipser, eine Kürschnerei, einen Steinmetz, zwei Schreiner und vier Landwirte. Für letztere unterhielt die Stadt im Ökonomieteil des Schwarzen Adler einen Farren. Künstliche Befruchtung war damals nicht üblich, dafür war aber „Aufklärung“ für die Städtle-Kinder garantiert...

Angela Mut erinnert sich, dass sie und ihre Schwester Rosmarie im Kolonialwarenladen mithelfen mussten. „Da es kaum abgepackte Lebensmittel gab, mussten Päckle mit verschiedenen Gewichtsklassen auf Vorrat abgefüllt werden. Zucker, Salz, Hülsenfrüchte galt es abzuwiegen. Milch wurde offen verkauft.“

Fisch-Lieferungen

Keine gute Erinnerung hat Angela Mut an die Zeit, als die Bevölkerung nur mit Lebensmittel-Marken einkaufen durfte. „Abends mussten meine Schwester und ich die Marken säuberlich auf große Bogen kleben. Die hat unser Vater dann einreichen müssen und bekam dann Geld“, erinnert sich die 81-Jährige.

Margarine gab es in riesigen Blecheimern. „Die Margarine wurde abgestochen und je nach Wunsch ausgewogen.“ Im Kaufhaus Schölderle gab es auch Kurzwaren und Diverses für den täglichen Bedarf.

In den Karwochen ging es hoch her. „Wir Kinder mussten zuvor durch das ganze Städtle die Runde drehen, um die Kunden nach ihren Fisch-Wünschen zu fragen. So war man sicher dass keine Ware liegen blieb und verdarb“, erzählt Angela Mut. Stockfisch war in jenen Jahren ein beliebtes Karfreitags-Essen. „Diese wurden beinhart getrocknet angeliefert und mussten zuallererst gewässert werden.“ Die edleren Fische waren Seelachs, Rotbarsch, Kabeljau und Schellfisch.

Im Städtle wimmelte es von Kindern. So gut wie in jedem Haus wuchs Nachwuchs heran. Im Haus Schölderle lebte auch die Familie Mutter mit den Kriegs-Halbwaisen Eva, Manfred und Klaus Mutter. Der Vater war im Krieg gefallen, die verwitwete Mutter, eine nahe Verwandte der Schölderles. „Die Kinder waren für mich wie Geschwister,“ erinnert sich Angela Mut. „Wir spielten begeistert Theater hinter unserem Haus. Unser Anführer war der kürzlich verstorbene Alois Klingele.“

Die Zeit als „Hoflieferant“

Als die Familie Fürstenberg für einige Jahre den Hohenlupfen bewohnte, durfte sich das Kaufhaus Schölderle mit dem Titel „Hoflieferant“ schmücken, genauso wie die benachbarte Bäckerei Walz (später Bruder). Die Köchin der Fürstenberger gab ihre Wünsche jeden morgen telefonisch durch, und der Kutscher, der die Fürstenkinder zur Schule fuhr, nahm dann die Warenlieferungen mit. Einmal im Monat durften die Fürstenkinder ihre Schulkamerädle ins Schloss zum spielen einladen. Von Fußballspielen im Rittersaal erzählen ältere Stühlinger noch heute...

Angela Muts Elternhaus beherbergte früher eine der zahlreichen Gastwirtschaften im Städtle. Da die Häuserzeile vom Gasthaus Rebstock bis zum ehemaligen Haus Buttle einst abbrannte, lässt sich das Alter der Häuser oft nicht genau datieren. Auf dem Türbogen des Anwesens Schölderle ist „1759“ eingemeißelt.

Laden-Sterben

Die Altstadt ist sehr beengt. Glücklich schätzten sich in den 1950er-Jahren jene Bewohner, die über einen eigenen Auto-Stellplatz verfügten, zu den Glücklichen zählten auch die Schölderles. Verlässt man das Haus an der Frontseite, steht man quasi direkt auf der Straße. Durch ein Gässle zwischen Rathaus und dem ehemaligen Anwesen Hug gelangte man in die Gerberstraße zu den anderen Kindern. Leider wurde diese Gasse später zugemauert.

Nach und nach mussten die Geschäfte aufgeben, teils weil es keine Nachfolger gab oder die Läden sich nicht mehr lohnten. Als letztes Geschäft in der Stühlinger Altstadt existierte die Bäckerei Bruder bis Ende 2019, dann war auch hier Schluss. Angela Mut hat die schleichende Entwicklung hautnah miterlebt.

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