Margarethe Preuß hat Geschichte geschrieben: Sie war 1971 nicht nur die erste Frau im Gemeinderat der damals noch selbstständigen Stadt Stühlingen, sie saß auch als erste Frau im Kreistag. Zugetraut hatten ihr das gerade die Männer, die sie damals als Kandidatin haben wollten, allerdings nicht: „Damals wurden Alibi-Frauen für die Kandidatenlisten gesucht. Die meisten mussten ihren Mann fragen, das habe ich nicht gemacht“, erinnert sich die heute 84-Jährige noch gut.

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Doch nur auf einer Liste zu stehen, war Preuß zu wenig: „Ich habe immer gerne Wahlkampf gemacht, bin die Stadt rauf und runter gelaufen“, erzählt die hellwache Seniorin. Fit gehalten haben sie auch die lebhaften Diskussionen im Kreis der Familie Fischer. Das fehlt ihr seit dem Tod ihrer älteren Schwester nun gänzlich. Das schmerzt sie immer wieder. Diskussionen und der Respekt vor der Meinung des Gegenübers fehlen ihr heute in der Politik.

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Aufgewachsen ist Preuß im Wahlkreis Ravensburg, wo Kurt Georg Kiesinger (CDU), 1966 bis 1969 dritter Bundeskanzler, seine Stimmen sammelte. „Ich war ein glühender Anhänger von ihm“, sagt sie. Politik spielte in ihrem Elternhaus immer eine große Rolle. Ihre Mutter und ihre Schwester gehörten dem sozialpolitischen Flügel der CDU an, Margarethe Preuß war eher dem rechten Parteiflügel zugewandt.

Mit großem Abstand gewählt

Als sie 1962 mit ihrem Mann nach Tiengen kam, trat sie in den Stadtverband ein, 1970 wurde sie stellvertretende Vorsitzende an der Seite von Emil Zeller. Sie wohnte in Wutöschingen und war in Tiengen Lehrerin für Handarbeit, Hauswirtschaft und Turnen. Zunächst hatten ihre Kinder Priorität, doch 1971 sagte sie zu, in Stühlingen zu kandidieren. „Ich wurde mit 704 Stimmen gewählt, der nächste Kandidat hatte 493“, erzählt sie mit einem Lächeln. Denn zugetraut hatten dies der engagierten Hausfrau, welche die Männer nur als „Alibi-Kandidatin“ auf der Liste haben wollten, ganz und gar nicht.

Neue Anrede für die Kreisrätin

Als Vorzeigefrau sollte Preuß mit Rosaliese Kaczmarczyk (Eggingen) auch bei den Kreistagswahlen 1973 antreten. „Erst kommen die Bürgermeister, dann Du“, sagten ihr die Männer bei der Kandidatenkür. Margarethe Preuß wurde mit 3804 Stimmen in den Kreistag gewählt, liest sie in einem ihrer vielen Alben nach. Sie erinnert sich, als der damalige Landrat Norbert Nothelfer an sie schrieb: an die Herren Kreisverordneten. Der Protokollchef fand dann die korrekte Formulierung. Künftig sagte der Landrat zur Eröffnung der Sitzung: „Frau Preuß, meine Herren.“

Verständnis für Frauen, die nicht kandidieren wollen

Sie wurde respektiert und betont: „Die Männer haben mir in den Gremien immer geholfen, wenn ich etwas nicht wusste. Ich war voll integriert und hatte in den Ausschüssen die Möglichkeit, mitzugestalten.“ Heute sagt sie: „Ich habe meinen Mann gestanden, habe mich nicht unterbuttern lassen, dazu bin ich auch gar nicht der Typ.“ Sie versteht Frauen, die sich nicht in der Kommunalpolitik engagieren wollen: „Sie haben die doppelte und dreifache Belastung wie Männer, sie haben einfach keine Zeit.“ Margarethe Preuß erhielt viele Auszeichnungen für ihr Engagement, etwa die Ehrenurkunde der Stadt Stühlingen, die Medaille des Landkreises Waldshut und die Ehrenmedaille des Landes Baden-Württemberg. Im Jahr 2000 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Gabriele Fischer ist Gemeinderätin in Stühlingen und Ortsvorsteherin in Weizen.
Gabriele Fischer ist Gemeinderätin in Stühlingen und Ortsvorsteherin in Weizen. | Bild: Gerald Edinger

„Ich möchte Spuren hinterlassen“

Gabriele Fischer (62) ist seit 25 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. Zunächst als Ortschaftsrätin, seit 20 Jahren als Ortsvorsteherin in Weizen. Seit 2004 ist sie auch für die Freien Wähler im Stühlinger Gemeinderat.

Frau Fischer, wer hat Sie beim ersten Mal für eine Kandidatur als Ortschaftsrätin in Weizen motiviert?

Robert Schalk hat mich 1994 angesprochen. Damals war ich in der Initiative „Sicherer Schulweg“ aktiv. Dadurch wurde er auf mich aufmerksam und ich wollte auch selbst etwas tun. Mit der Wahl in den Ortschaftsrat hat es gleich geklappt, fünf Jahre später wurde ich Nachfolgerin von Robert Schalk.

Wie war das dann mit der Kandidatur für den Stühlinger Gemeinderat?

Gegen Gerd Stotmeister und Doktor Hans-Hermann Fischer hatte man als Kandidat keine Chance in Weizen. Danach habe ich mit Ulla Pieper kandidiert. Wir haben es beide geschafft, aber unmittelbar nach der Wahl starb sie an ihrer schweren Krankheit. Und dann war ich aus Weizen mutterseelenallein im Stühlinger Gemeinderat.

Haben es Frauen schwerer in den kommunalpolitischen Gremien?

Wir waren eine starke Frauengruppe und die Parteizugehörigkeit war kein Thema. Es wurde immer über Sachen diskutiert. Ich hatte im Rat nie das Gefühl, dass es ein Nachteil ist, eine Frau zu sein.

Sie sind eine selbstbewusste Frau...

Das kommt daher, dass mein Vater ein Gipsergeschäft hatte und ich oft mitgeholfen habe. Ich war schon immer zupackend. Auch in der Ausbildung zur Maschinenzeichnerin in der Schweiz war der Frauenanteil sehr klein. Heute entwerfe ich bei Sto Konzepte für Bauprojekte, bei Meetings bin ich die einzige Frau. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich nicht ernst genommen werde, weil ich eine Frau bin.

Sie sind die einzige Frau in der Stadt Stühlingen, die auch Ortsvorsteherin ist. Macht Sie das stolz?

Nein, überhaupt nicht. Darüber denke ich nicht so sehr nach, hänge dieses Amt auch nicht zu hoch. Weizen ist mein Heimatort, da muss es einfach funktionieren. Ich möchte gemeinsam mit dem Ortschaftsrat alles in Ordnung halten. Mein Vater war schon Gemeinderat, und er hat mit seinem Engagement in der Gemeinde Spuren hinterlassen. Das möchte ich auch. Wer etwas tut, von dem wird noch lange gesprochen.

Warum kandidieren relativ wenige Frauen für politische Ämter?

Das frage ich mich auch. Viele wollen das gar nicht, andere trauen es sich nicht zu. Eine Quotenregelung im Gemeinderat würde da auch nicht helfen. Wir haben gar nicht genug Frauen, die kandidieren wollen.

Was sagen Sie einer Frau, die sich eine Kandidatur überlegt?

Es ist eine interessante Tätigkeit mit positiven und negativen Aspekten. Man lernt viele Menschen kennen, die man sonst nie kennengelernt hätte. Daraus ergeben sich auch Freundschaften. Letztlich müssen es die Frauen aber für sich selbst wollen.