Stühlingen Die altkatholische Gemeinde formiert sich aus Protest gegen die Unfehlbarkeit des Papstes

Die Altkatholiken in Stühlingen sind heute zwar nicht mehr zahlreich, aber dafür aktiv. Die Gläubigen werden von Blumberg aus betreut.

Dass sich die Stühlinger Bevölkerung religionsbedingt in zwei Hälften spaltete, kann man sich heutzutage kaum mehr vorstellen. Doch als 1870 in Rom die überwältigende Mehrheit der dort zusammengetretenen 747 Bischöfe das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes beschlossen, formierte sich die altkatholische Protestbewegung.

1872 bildete sich auch in Stühlingen ein altkatholischer Verein. Heftige geistige Kämpfe wurden ausgetragen. Familien und Vereine spalteten sich. Der Gemeindefrieden war weitgehend gestört. Es brauchte Jahrzehnte, bis wieder Ruhe und Toleranz einkehrten. 1874 wurde in Baden die altkatholische Gemeinschaft anerkannt.

Den Altkatholiken wurden die Klosterkiche und die Loretokaplaneipfründe überlassen. Im Jahr 1927 ließ sich der Kapuzinerorden wieder in Stühlingen nieder. Da die altkatholische Religionsgemeischaft sich aber stark verkleinert hatte, genügte die St. Sebastianskapelle den Anforderungen, die seitdem als altkatholischen Stadtkirche dient. Rund 20 altkatholische Geistliche wirkten hier noch aktiv bis zum Jahr 1962. Seither wird die geringe Anzahl von Stühlinger Altkatholiken von Blumberg aus betreut. Fast gewinnt man den Eindruck, dass die Stühlinger Stadtkirche der Altkatholiken sich in der Enge der historischen Altstadt versteckt. Die Altstadt war damals der geschäftige Stühlinger Mittelpunkt, der sich mittlerweile längst in die Unterstadt verlagert hat. Die Altkatholiken haben schon wesentlich bessere Zeiten als heute erlebt.

Die Anzahl der ursprünglich 300 Mitglieder lässt sich inzwischen an zwei Händen abzählen. Umso erstaunlicher ist es, dass dennoch bis heute regelmäßig altkatholische Gottesdienste gefeiert werden. Kirchlicher Hoheitstag ist Sebastiani am 20. Januar. Kirchenpatron ist der Heilige Sebastian, der auch als Städtleheiliger gilt. Was die Altvorderen sich dachten, als sie diese Kirche bauten, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Völlig eingezwängt in die eng bebaute Altstadt, entdecken Ortsfremde das Kirchlein nicht auf den ersten Blick. Fast sieht es aus, als wolle sich das Gebäude verstecken. Dabei hätte es viel zu erzählen.

Vollkommen in die Nachbarbauten eingezwängt befindet sich die altkatholische Stadtkirche am Südostende der Stühlinger Altstadt.
Vollkommen in die Nachbarbauten eingezwängt befindet sich die altkatholische Stadtkirche am Südostende der Stühlinger Altstadt. | Bild: Edelgard Bernauer

Das Kirchlein stellt sich von außen schlicht dar. Allerdings mit charmanten Details, wie etwa der hölzernen Rundbogentür, den bunten Glasfenstern und der vergoldeten Kugel auf der Turmspitze. Direkt an die Außenwand angebaut, befindet sich ein Brunnen, der bis heute funktioniert. Heute würde man einen Brunnen vielleicht nicht mehr so, sondern freistehend bauen. Diese ungewöhnliche Variante des Brunnenbaus ist wohl der Beengtheit des kirchlichen Umfeldes zuzuschreiben.

Im Innern setzt ein prachtvoller Altar den Kontrast zu rustikaler Bestuhlung und Boden. Anhand von Votivbildern werden die heilige Anna und der heilige Nepomuk verehrt. Ein Torso, der den gefolterten heiligen Sebastian darstellt, ist als Holzskulpur vorhanden. Das benachbarte Wohnhaus, heute in Privatbesitz, war früher das Kaplaneihaus. Bis vor einigen Jahren gehörte zum Ensemble das stattliche Pfarrhaus, das nicht mehr zum Immobilienbesitz der altkatholischen Gemeinde zählt.

 

Kirche und Geschichte

  • Kirche: 1667 wurde die Kirche, so wie sie heute steht, erbaut. Sie könnte aber auch älter sein. In der von Jakob Limberger verfassten Chronik steht unter anderem: „Ob schon früher auf dem Platz eine Kirche stand, ist nicht mehr nachzuweisen. Wenn dies der Fall sein sollte, wäre sie sicher im Schweizer Krieg 1499 auch niedergebrannt worden. Denn in einer Villinger Chronik heißt es: „[...], aber sie verbrannten das Schloss und das Staettlin (heute Altstadt) zu butzen und styll!“
  • Altkatholiken: Im Jahr 1870 wurde beim Ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes proklamiert. Es entstand eine starke Bewegung, die dieses Dogma nicht anerkannte. 1872 wurde in Stühlingen ein Badischer Katholikenverein gegründet, dessen Statuten damals 41 Stühlinger unterzeichneten. Ende des Jahres 1873 war ein Viertel der Stühlinger Bürger Anhänger der altkatholischen Kirche. Die Klosterkirche und die dazugehörenden Pfründe wurde ihnen 1874 vom Innenministerium Karlsruhe zugewiesen.

 

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