Samstag, 22. Juni, 2.45 Uhr: Als Claus Böhler aus Stühlingen in der Nacht vom Freitag auf Samstag nach einem schönen Abend glücklich und beschwingt auf dem Heimweg ist, ahnt er noch nicht, welche dramatische Wende diese entspannte Fahrt für ihn gleich nehmen wird.

Er ist unterwegs in Lauchringen, vorbei am Lauffenmühle Areal und passiert gerade die Kreuzung Richtung Stühlingen, als ihn plötzlich größere Äste, Zweige und Grasbüschel auf der Straße irritieren. Sekunden später entdeckt er ein seitlich gekipptes Fahrzeug im Straßengraben.

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Aus dem Auto quillt Rauch. Weit und breit ist niemand zu sehen. Als erfahrener Feuerwehrmann weiß Claus Böhler, dass jetzt jede Sekunde zählt. Er stellt sein Auto mitten auf die Bundesstraße, schaltet den Warnblinker ein und sichert die Unfallstelle, gleichzeitig verständigt er den Notruf und nähert sich dem verunfallten Fahrzeug.

Der Rauch aus dem Auto wird immer stärker

„Ich hatte keine Ahnung und Angst davor, was mich erwartet, denn den Unfall selbst habe ich nicht gesehen“, schildert der 48-jährige Maurermeister seine Gefühle in diesem Moment.

Kein Mensch war zu dieser späten Stunde auf der Straße unterwegs, die verständigte Rettung würde noch einige Minuten brauchen und der Rauch aus dem Auto wurde immer stärker.

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Aus dem Wageninneren hörte er Klopfen und Hilferufe. Claus Böhler zögerte nicht, stellte seine Krücken zu Seite und kletterte über die Leitplanke zu dem Unfallauto. Sein eigenes Handicap und seine Angst waren ihm in diesem Moment nicht wichtig. „Ich wollte den Insassen des Wagens in ihrer Not einfach nur helfen.“

Türen lassen sich nicht öffnen

Am Auto angekommen stellte er fest, dass außer dem Fahrer niemand im Auto war. Der junge Mann schien ansprechbar und bat um Hilfe.

Selbst konnte er sich aus dem umgekippten Auto nicht befreien und auch Claus Böhler war es nicht möglich, die verriegelten Türen zu öffnen.

Aus diesem Fahrzeug befreite Claus Böhler den verletzten Autofahrer.
Aus diesem Fahrzeug befreite Claus Böhler den verletzten Autofahrer. | Bild: Peter Umstetter

Der verunfallte Fahrer wies auf sein Panoramadach hin. Claus Böhler überlegte nicht lange, ein Stück der durchbrochenen Leitplanke lag in der Nähe, er griff danach und schlug mit aller Kraft auf das stabile Glasdach. Ein Kraftakt für Claus Böhler, der nach einem sehr schweren, unverschuldeten Arbeitsunfall mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen hat.

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Irgendwann splitterte das Glas und mit der Unterstützung des verletzten Fahrers und Claus Böhler konnte ihn aus einem Loch im Glasdach ins Freie ziehen und in Sicherheit bringen. „Wir waren beide unglaublich froh“. Der junge Mann bedankte sich bei seinem Retter, der ihm versprach bei ihm zu bleiben, bis Krankenwagen und Feuerwehr eintreffen.

Blutende Schrammen nach der Rettung

Claus Böhler erinnert sich: „In meinem Arm konnte er ein paar Schritte gehen und mir auch erzählen, wie er heißt, wo er her kommt und dass er 20 Jahre alt ist. Ich war sehr erleichtert, dass er offensichtlich nicht allzu schwer verletzt war.“ So konnten die Rettungssanitäter bei ihrem Eintreffen den jungen Mann zwar verletzt, aber gut betreut in Empfang nehmen.

Claus Böhler war mit einigen blutenden Schrammen davon gekommen und wollte nicht ins Krankenhaus gefahren werden. „Ich versicherte den Sanitätern, dass ich keine Hilfe brauche und fahrtüchtig bin.“

Claus Böhler lässt das Erlebnis nicht los

Die innere Aufruhr nach diesem Erlebnis können Außenstehende wohl nur erahnen. Auch einige Tage später lässt Claus Böhler dass Erlebnis noch nicht ganz los. Die äußeren Schrammen verheilen bereits, die schmutzigen Kleider liegen wieder sauber im Schrank, doch der Schrecken ist so schnell nicht verarbeitet. „Ich bin froh, dass ich als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr wusste, was zu tun war. Im Frühjahr erst hatte ich meinen Rot-Kreuz-Kurs aufgefrischt, nachdem ich in den letzten Jahren gesundheitsbedingt dazu nicht in der Lage war“, erzählt Claus Böhler. In der Unfallsituation war er dann sehr dankbar dafür.

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„Es war für mich selbstverständlich, dem jungen Mann zu helfen. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, ob ich dazu in der Lage bin oder ob ich mir dabei selbst schade. Nach meinem Unfall saß ich im Rollstuhl und war selbst lange Zeit auf Unterstützung angewiesen. Jetzt konnte ich jemandem anderem wertvolle Hilfe leisten.“

Claus Böhler ist auch heute, Jahre nach seinem schweren Unfall, von Schmerzen geplagt und auf Therapien und Krücken angewiesen. Doch in dem Moment, als der junge Mann im Auto Hilfe brauchte, stellte er sein eigenes Handicap hintenan, die Krücken beiseite und riskierte seine eigene Gesundheit, um Retter in der Not zu sein.