Das Programm im letzten Konzert der Reihe der Internationalen Domkonzerte St. Blasien 2020 drehte sich um Gegensatzpaare, wie der Leiter der Seelsorgeeinheit, Pfarrer Jan Grzeszewski, erläuterte. Er hatte für den künstlerischen Leiter Bernhard Marx die Einführung übernommen.

Die Kontraste von Leben und Tod, Licht und Dunkelheit, Schmerz und Freude spiegelten sich wider. Dies demonstrierte die Organistin Giulia Biagetti aus dem italienischen Lucca, die das Abschlusskonzert bestritt, sowohl an Werken unterschiedlicher Komponisten als auch an jeweils ganz verschieden gestalteten Kompositionen desselben Schöpfers.

Von Bach hatte Giulia Biagetti drei Stücke ausgewählt, das Choralvorspiel „Valet will ich dir geben“ nach dem Text von Valerius Herberger, gedichtet vor dem Hintergrund der Pestepidemie 1613. Es sieht den Tod als Befreiung aus der grausamen und falschen irdischen Welt an. Außerdem eine Orgelfassung von „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ und eine Fantasie über „Jesu, meine Freude“. Schon diese drei Werke spannten den Kosmos auf zwischen diesseitigem Schmerz und Freude im Sinne von Vorfreude auf himmlische Wonnen.

Ebenfalls als freudige Erwartung himmlischen Heils zu verstehen ist das Trio über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ des von Mendelssohn beeinflussten Ernst Friedrich Richter. Er umspielt das Thema, durch die kontrastreiche Registrierung von Biagetti deutlich hervorgehoben, mit fröhlich anmutenden Begleitfloskeln. Mit einem tiefen Wechselbass wartet dagegen die Begleitung zum Choralvorspiel „Der Tag ist hin, mein Jesu bei mir bleibe“ von Johann Christoph Oley auf, möglicherweise in Analogie zum Textinhalt ein Hinweis darauf, dass sich die himmlische Melodie noch nicht aus ihrer irdischen Umklammerung zu lösen vermochte. Ganz von kindlichem Vertrauen auf Gott durchdrungen hingegen ist das außerordentlich liedhaft innig gestaltete Choralvorspiel „Herzlich tut mich verlangen“ Johann Philipp Kirnbergers. Und beinahe wie ein irischer Segensspruch in Form von sanft auf der Harfe begleitetem Gesang klingt das kurze „Sheebeg and Sheemore“ des irischen Komponisten und Harfenspielers Turlough O’Carolan.

Von dem Engländer Percy Fletcher, dem Italiener Marco Enrico Bossi, beide um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert aktiv, und der 1962 geborenen Carol Williams hatte Giulia Biagetti jeweils zwei kontrastierende Stücke mitgebracht. Fletchers „Fountain Reverie“ setzte in der Begleitung hörbar das sanfte Plätschern von Wasser um zu einer traumverloren schwebenden Legatomelodie. Bossis „Cantilena pastorale“ stellte seine idyllische Melodie zunächst solistisch vor, harmonisierte sie dann und gesellte ihr schließlich einen Orgelpunkt bei, wobei sie sich aber stets in ihrem einschmeichelnden Charakter behauptete. Carol Williams‚ „Twilight“ zeigte sich sowohl harmonisch als auch melodisch angesiedelt in einem nebulösen Zwischenreich zwischen Dunkel und Licht.

Sinfonische Verdichtung und die volle Wucht typischer Toccatenvertonungen konnte Giulia Biagetti dagegen in Fletchers „Festival Toccata“, Bossis „Studio Sinfonico“ und Williams‘ „Venus Toccata“ auf der St. Blasier Orgel ausleben, was sie auch mit virtuoser Energie tat.

Für ihr lebendiges, engagiertes und meisterliches Spiel ebenso wie für ihre hoch interessante Werkauswahl erhielt die Organistin begeisterten Beifall, den sie mit drei Zugaben belohnte, die von liedhafter Anmut über tänzerische Lebensfreude bis zu rhythmischem Überschwang reichten – ein furioser Abschluss der diesjährigen Konzertreihe. Sie soll am 24. Oktober mit zwei Sonderkonzerten der Regensburger Domspatzen, um 16 und um 20 Uhr, ihre Fortsetzung erfahren.