Ein kurzweiliges, ausdrucksstarkes Programm hatte der Organist der päpstlichen Kapelle in Rom, Juan Paradell, beim fünften Konzert der Internationalen Domkonzerte St. Blasien im Gepäck. Was der künstlerische Leiter der Domkonzerte, Bernhard Marx, als „Toccatissima“ betitelt hatte, war in der Tat eine ganze Reihe von Toccaten, die Paradell mit kurzen, liedhaft geprägten Stücken kontrastierte, wofür die Zuhörer in den bei Einhaltung aller Abstandsregeln gut gefüllten Bankreihen durch ihren reichhaltigen Applaus zwei Zugaben herausklatschten – auch diese ein Gegensatzpaar von melodischer Grazie der ersten und der Toccatenwucht der zweiten.

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Bachs wohl bekanntestes Orgelwerk, Toccata und Fuge d-Moll BWV 565, an der charakteristischen ersten kurzen Floskel der Toccata sofort eindeutig zu erkennen, machte den Anfang des Programms. Bereits hier erwies sich Paradells Spiel als außerordentlich lebendig, selbstbewusst die Gegensatzpaare von machtvoll anschwellender Akkordik auf der einen und federleicht dahinfliegendem Laufwerk auf der anderen Seite betonend. Auch von einem ungewollten zusätzlichen Orgelpunkt, verursacht durch das Hängenbleiben einer Taste, ließ sich der routinierte Organist nicht beeindrucken, sondern setzte seine Interpretation unbeirrt fort.

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Die zweite Toccata stammte von Gaston Bélier, einem französischen Organisten, der nur zwei Werke hinterlassen hat. Seine Toccata von 1912 beginnt mit einem markanten, die Komposition prägenden Doppelschlag. Daneben wird das Werk charakterisiert durch schnelle Läufe, aus denen deutlich eine staccato abwärts geführte Linie heraussticht. Die klar strukturierte Linienführung und das rasante Tempo von Paradells Spiel machten diese Komposition zu einem Hörerlebnis. Die Toccata des Elsässers Léon Boellmann aus seiner Suite Gothique springt quasi mitten in den Satz hinein, führt ein spannungsgeladenes, filmreifes Thema in sequenzierenden Steigerungen zum verdichteten Höhepunkt, an dem zudem ein musikalischer Gegenspieler auftaucht.

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Zwischen diese wuchtigen, basslastigen, von der strukturellen Auffüllung zum volltönenden Akkordschluss gekennzeichneten Kompositionen setzte Paradell sanfte, melodiöse, zart begleitete kurze Sätze, angefangen beim Largo aus einem Violinkonzert Antonio Vivaldis in der Orgelbearbeitung Bachs. Glasklare Melodik, ausgezierte Melismen und weiche, sanft gedeckte Begleitung sorgten hier für wohliges Behagen. Verstärkt wurde dieser Eindruck bei Alexis Chauvets Andante con moto aus den „20 pièces célèbres“ durch die romantische Abdunklung der Stimmen. Die Orgelbearbeitung von Gabriel Faurés Klavierstück „Après un rêve“ schließlich regte mit ihrer frei schweifenden Melodieführung über dem ostinaten Rhythmus der Begleitung die Gedanken an zum träumerischen Flug in die helle Weite der hohen Kuppelkirche.

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Eine Zusammenfassung dieser Kontraste von Wucht und Melodik bot der letzte Komponist Louis Vierne, von dem Paradell das Scherzetto op.31,14 die Berceuse op. 31,19 sowie die Toccata op.53,6 ausgewählt hatte. Wie ein neckischer Waldgeist, der zwischen Bäumen hin und her springt, sich sehen lässt, wieder verschwindet, weiterhuscht, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen, gebärdete sich das in Stacctomotiven durch die Stimmlagen wandernde Thema des Scherzettos, um sich nach einer ruhigeren Passage im Legato und durchsetzt mit Tupfern erneut seinem neckischen Versteckspiel hinzugeben. Weich fließend im Charakter, dazu harmonisch angereichert, erklang die Melodie der Berceuse, ein Wiegenlied, mit Höhenflug am Ende. Der Gegenpart war die basslastige, mit Staccatoakkorden aufgefüllte, flinke Linienführung der Toccata, einschließlich ihres wuchtigen Abschlusses.

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