50 Jahre alt muss man mindestens sein, um ein echtes kleines duftendes Drogeriegeschäft noch selbst erlebt zu haben. Margit Novak hatte zu dieser Zeit, Mitte der 1970er Jahre, gerade ihre Ausbildung zur Drogistin abgeschlossen. Ihre Lehrherrin war Berta Schneider, die ihr Ladengeschäft damals in der St. Blasier Hauptstraße hatte. Die kleine Reformhausabteilung, die es da gab, war für Margit Novak eine neue und auch spannende Welt. Jetzt wird sie 66 Jahre alt und arbeitet immer noch im Reformhaus Schneider – im 51. Berufsjahr.

Margit Novak stammt aus der Nachbargemeinde Häusern. Sie war 15 Jahre alt, als sie ihre Ausbildung in der Drogerie Schneider begann. In der Hauptschule in Häusern habe sie so gute Noten gehabt, dass ihre Lehrer ihr empfahlen, weitere Bildungsabschlüsse ins Auge zu fassen. Aus familiären Gründen hatte sie abgelehnt und stattdessen die Drogistenausbildung begonnen.

Bereut habe sie das nie. Drogist sei damals ein angesehener Beruf gewesen, und die Ausbildung ziemlich anspruchsvoll. Fast alle Auszubildenden hätten damals einen Realschulabschluss gehabt. In der Fachschule in Freiburg, in der die angehenden Drogisten zweimal in der Woche ganztägigen Unterricht hatten, standen so unterschiedliche Fächer wie Fotografie, Chemie, Farben- und Lackkunde, Giftkunde oder Botanik auf dem Stundenplan.

„Wir haben damals viele Produkte von Kosmetik bis Arzneien selbst hergestellt.“ Zum Beispiel Wasserstoff-Verdünnungen, die früher gerne zum Blondieren benutzt wurden. Oder Salmiakgeist-Mischungen zum Ablaugen von Farben. Oder selbstgemischte Tees, die bei gesundheitlichen Problemen Abhilfe schaffen sollten. Im Sortiment seien auch Medikamente gewesen, Herzmittel zum Beispiel, Medikamente, die schon seit langem nur noch in Apotheken verkauft werden dürfen.

„Im Reformhaus darf man das Wort Medizin heute nicht in den Mund nehmen“, sagt Margit Novak. Dann begann die Zeit der Drogeriemärkte, die nach und nach die damaligen Drogeriegeschäfte verdrängten. „Das Berufsbild in den Märkten ist heute sehr anders, die frühere Bandbreite der Tätigkeiten gibt es nicht mehr.“ Wer von den ehemaligen Drogerien überleben wollte, musste sich spezialisieren. Aus den Ladengeschäften der Familie Schneider wurden die Parfümerie Schneider und das Reformhaus Schneider.

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In einem der beiden Drogeriegeschäfte, die damals von Berta Schneider, der Mutter des jetzigen Reformhaus-Inhabers Peter Schneider, geführt wurden, gab es in den 1970er Jahren auch eine kleine Reformhausabteilung. Um Kunden fachkundig hier beraten zu können, besuchte Margit Novak einige Wochen lang die Reformfachschule in Oberursel. Unterrichtet wurden dort unter anderem Ernährungskunde und auch medizinisches Wissen. Das hat Margit Novak als Bereicherung erfahren. „Man hat gewusst, dass das Ungesunde ungesund ist“, sagt sie.

Grundsätzlich habe man in Oberursel vegetarische Ernährung als gesund empfohlen, was damals alles andere als eine verbreitete Überzeugung gewesen sei. Margit Novak aber war von all dem begeistert: „Mich hat das sehr angesprochen“, sagt sie. Und das sei bis heute so geblieben. Ihrem Mann und ihren beiden Töchtern sei das manchmal zu viel gewesen und sie habe sich wegen dem, was zu Hause auf den Tisch kam, auch schon mal Klagen anhören worden. „Mama, was haben wir verbrochen, dass es heute Vogelfutter gibt“, nennt sie ein Beispiel.

An ihrem Beruf hat Margit Novak laut eigener Aussage heute noch Freude, auch an den regelmäßigen Fortbildungen. Aus familiären Gründen arbeitet sie jetzt nur noch in Teilzeit im Reformhaus. Wie lange sie weitermacht, weiß sie noch nicht. Sie mag den Kontakt mit den Kunden, auch und gerade ihre beratende Tätigkeit, an die manchmal hohe Ansprüche gestellt werden. „Aber das macht mir nichts, dafür geht man ja schließlich in ein Fachgeschäft.“

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