Krisen sind miteinander nicht vergleichbar – weder in den Ursachen und Auswirkungen, noch in der Annahme durch die Bevölkerung und der Bekämpfung durch die Verantwortlichen. Aber jede Krise kann Erinnerungen und Rückblenden auslösen. Die derzeitige Problemlage mag beispielsweise die bedrohliche Wirtschaftskrise mit ihren tief schneidenden Nöten vor knapp einem Jahrhundert wachrufen.

Die Entwicklung

„Die Kosten der Widerstandsaktionen gegen die Ruhrbesetzung 1923 und die industriellen Produktionsausfälle stürzen die deutsche Wirtschaft in eine finanzielle Katastrophe. Die als Folge der Kriegsverschuldung und der Reparationsverpflichtungen ohnehin schon galoppierende Inflation geht nun in die Hyperinflation über. Binnen weniger Monate verliert die deutsche Währung nahezu jeden Wert.“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog „Fragen an die deutsche Geschichte – Wege zur parlamentarischen Demokratie“). Die ungeheuerlich lastende Sorge spiegelt das überlieferte Wort der Frau eines St. Blasier Handwerkers wider, dass sie nicht wisse, womit sie am nächsten Tag das Brot bezahlen soll. Zumindest dieser Vergleich kann in der aktuellen Situation ausgeschlossen werden.

Die Inflation

Das St. Blasier Rathaus und die mehr oder weniger politisch und wirtschaftlich unabhängige Baumwollspinnerei im einstigen Klosterensemble mussten sich an finanzielle Größenordnungen von Millionen- und Milliardenbeträgen gewöhnen. Im Sommer 1923 zahlte die Stadtgemeinde an den Überbringer eines Papierscheins eine Million Mark aus, wenige Monate später war ein ähnlicher Schein 100 Milliarden Mark „wert“.

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Für die Auszahlung der Millionenbeträge gab es auf der Rückseite noch die irgendwie moralisch zu empfindende Garantie oder Aufmunterung durch das Foto der ehemaligen Klosteranlage (damals eben eine Spinnerei) mit der Kuppelkirche.

So sieht die Rückseite des Notgeldscheins aus, den die Stadt St. Blasien vor knapp 100 Jahren ausgegeben hat.
So sieht die Rückseite des Notgeldscheins aus, den die Stadt St. Blasien vor knapp 100 Jahren ausgegeben hat. | Bild: Repro Thomas Mutter

Beim „Milliardenwert“ im Spätherbst war dieser Schmuck unterblieben. Die im Wert rasant sinkenden Auszahlungsversprechen waren für den Gemeinderat unterschrieben von Albert Strittmatter, zunächst Amtsverweser und dann Bürgermeister, seine Amtszeit dauerte von Sommer 1923 bis 30. Juni 1924.

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Der in St. Blasien gebürtige Schneidermeister amtierte zwar bis zur Wahl seines Nachfolgers nur ein knappes Jahr. Er war aber nichtsdestotrotz populär und respektiert, nicht zuletzt wegen seines besonnenen Handelns in einer kommunalpolitischen Krise, die dann durch den Höhepunkt der Inflation noch gesteigert wurde.

Aus Millionen werden Milliarden

Die erwähnte Spinnerei hatte schon Ende Oktober des Krisenjahres 1923 in die Vollen gehen müssen und stellte einen Scheck über 50 Milliarden Mark aus. Dieser wurde bei der St. Blasier Bank aus dem Spinnerei-Guthaben in Bargeld eingelöst – mit dem bekannten geringen Wert und dem galoppierenden Wertverfall.

Eigentlich nicht vergleichbar mit heute

Die gesamte deutsche und die kleine örtliche Gemeinschaft haben seinerzeit die Wirtschaftskrise mit dem in der Größenordnung „verführerischen“ städtischen Notgeld und dem schwachen Spinnerei-Scheck überstanden – mit neuen Opfern und Entwicklungen, die eine ganz andere Geschichte sind und – man darf wohl sagen gottlob – mit der jetzigen Problemsituation nicht verglichen werden können.