Der zeitliche Abstand zum erzwungenen Wegzug der St. Blasier Mönche 1807 mag noch so groß werden, die grundlegenden Veränderungen, die die damaligen Ereignisse brachten, wird dennoch verblüffen. Es ist nun 200 Jahre her, dass der Fabriklärm in den einstigen Klostergebäuden einen Namen bekam.

Zwei Jahre nach dem Abschied der Benediktiner baut der Zürcher Mechaniker Georg Bodmer in den geistlichen Räumen Spinnereimaschinen und stellt sie auf. Ein Herr Heinrich Duggly (auch einmal mit i geschrieben), ebenfalls aus Zürich, gesellt sich mit einer Gewehrfabrik dazu. Als Dritter im Bunde erscheint Ende 1810 der Bankier jüdischen Glaubens David Se(e)ligmann, der 1815 von seinem Vater Aaron Elias Se(e)ligmann den vom bayerischen König verliehenen Adelstitel Freiherr von Eichthal erbt.

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Seligmann-Eichthal erwirbt am 9. Januar 1821 die gesamte ehemalige Klosteranlage und gilt als Gründer der frühesten Maschinenfabrik Deutschlands. Ein Jahr später wird er Alleininhaber der Spinnerei mit Gewehr- und Spinnmaschinenfabrik, die Blütezeit mit bis zu 800 Arbeitern hatte ihn dazu ermutigt. In allen Beschreibungen erscheint er als durchsetzungsstark, straff, starr und herrschsüchtig. So verwundert es nicht, dass er sich mit Genehmigung der Großherzoglichen Verwaltung in Karlsruhe als Bürgermeister der Fabrikgemeinde bezeichnen lässt. Als zweitgrößter Gewerbesteuerzahler Badens waren ihm Gewicht und Einfluss im Großherzoglichen Haus zugewachsen.

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Während seiner St. Blasier Zeit, aber auch später durch Aufenthalte in Karlsruhe und München, entwickelt er Beziehungen zu den Künstlerbrüdern Winterhalter aus Menzenschwand. Ohne ihm zu nahe zu treten, darf man wohl eine eigennützige Absicht unterstellen. Jedenfalls erhält der 1775 in Leimen geborene und 1850 in Karlsruhe gestorbene Freiherr von bayerischen Gnaden 1834 ein Porträt in Öl auf Leinwand aus den Händen Franz Xaver Winterhalters. Die ganze Familie Winterhalter hat wohl die berechnende Gunst des Freiherrn von Eichthal verspürt, die sich im jahrelangen Austausch verfestigte.

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Im Brief des Vaters vom 27. Oktober 1825 taucht sogar der denkbare Einsatz Eichthals gegen einen möglichen Einzug der Söhne als Soldaten auf. Alle Winterhalter-Fachleute verschweigen nicht die unterstützende Rolle des Freiherrn von Eichthal für die begabten Menzenschwander, denen er auch hilfreiche Kontakte zum Großherzoglichen Hof verschaffte.

Wie darf nun das Porträt gewertet werden? Jedenfalls kaum als geschuldete und geschönte Gefälligkeit. Bei anderen Arbeiten bekannter Persönlichkeiten zeigten sich die Winterhalters eher wohlwollend und freundlich-glättend. Beim Eichthal-Gemälde (Original im Augustiner-Museum Freiburg, Kopie im Winterhalter-Museum Menzenschwand) treten die in den biografischen Studien genannten Wesensmerkmale realistisch hervor – nicht abschätzig und verächtlich, aber doch so, wie man sich einen beherrschenden Willensmenschen vorstellt.

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Kein Glanz leuchtet dauerhaft, Jahre nach dem Kauf des Klosterareals und der Alleinherrschaft gerät der geadelte David Seligmann in finanzielle Bedrängnis und überlässt den Betrieb seinem Schwiegersohn Karl Joseph Berckmüller (Architekt und späterer Oberbaurat in Karlsruhe, Planer des Kirchenbaus in Bonndorf). Noch bis in die ausgehenden 1920er Jahre (Weltwirtschaftskrise) beherrschen die Maschinen der Familie Krafft das einstige Klosterareal. Der erste Fabrikherr und die letzten Spinnereibesitzer leben in überlieferter Geschichte und erzählten Geschichten weiter.