Das 19. Jahrhundert in St. Blasien war weitgehend geprägt durch die beherrschende Baumwollspinnerei in der seit 1807 zwangsweise verlassenen Klosteranlage. Das vorindustrielle Unternehmen setzte eine revolutionäre Wasserturbine zur Gewinnung mechanischer Energie ein. Um 1890 herum begann die Spinnerei mit der Stromerzeugung. Die Gemeinde und seit 1897 Stadt St. Blasien ließ nicht lange mit der eigenen Stromproduktion auf sich warten.

Das Hirschenwehr an der Hauptstraße in St. Blasien.
Das Hirschenwehr an der Hauptstraße in St. Blasien. | Bild: Thomas Mutter

Mit der städtischen Eigenleistung im eigens erbauten Elektrizitätswerk oberhalb der alten Volksschule (jetzt Luisenheim) am Übergang zum Philosophenweg (am Platz des heutigen Appartementhauses „Tannenblick“) war es allerdings nicht so weit her. Ein Großteil des Stroms musste damals bei einem Strombezugsverband mit Sitz in Laufenburg eingekauft werden, dem städtischen „EW“ blieb die Aufgabe, den Strom auf die damals in St. Blasien üblichen 110 Volt umzuformen. Zum Feinsten in der Werbung des Sanatoriums, des Kurhauses und der gehobenen Pensionen gehörte indes der Hinweis auf elektrisches Licht.

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Auch die Spinnerei belieferte nach der Jahrhundertwende die Stadt, die von der doppelten Stromversorgung gar nicht unbedingt begeistert war. Vorreiter der Stromerzeugung war die Spinnerei mit ihrem kleinen Kraftwerk in der Füllenmatt am Ostausgang der Stadt. Den notwendigen Betriebsstoff Wasser erhielt das Spinnereikraftwerk vom sogenannten Hirschenwehr (gegenüber dem Gasthaus „Alter Hirschen“).

Hier wird bis heute das Albwasser geteilt: Die Hauptmasse fließt dem seit Mitte November 1941 voll aufgestauten Albsee zu, ein Teil wird abgezweigt in einen beim Hirschenwehr beginnenden unsichtbaren Kanal, der hinter dem Gebäude nach der Tankstelle über eine oberirdische Wasserbrücke und nach einem kurzen, verdeckten Steilgefälle das Kraftwerk bedient.

Proteste gegen den Fortschritt

Jeder echte Fortschritt ist oft anfänglich von nachvollziehbaren Protesten begleitet. So auch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts im gerade strahlend aufblühenden Kurort St. Blasien. Das städtische E-Werk verfügte lediglich über eine ordentliche Batterieanlage und einen im Juli 1905 errichteten Dieselgenerator. In den vielfältigen Unterlagen zur Geschichte der St. Blasier Stromproduktion wird auch ein namenloser Leser aus der nicht bezeichneten „lokalen Presse“ zitiert (es dürfte wohl die in der örtlichen Druckerei Weißenberger herausgegebene „St. Blasier Zeitung“ sein).

Jener offensichtlich recht aufgebrachte Leser schrieb: „Dank der Fürsorge des Elektrizitätswerkes für besseres Licht haben wir nun den Gestank… Dieser bestialische Gestank verbreitet sich mehrmals in der Woche über St. Blasien. Warum wurde hier bis heute keine Abhilfe getroffen und der Betrieb mit diesem Stinkmotor eingestellt? Der Einsender glaubt, dass die Kurgäste lieber bei einer Petroleumlampe oder Kerze in ihrem Zimmer sitzen würden, als diesen für die Gesundheit schädlichen Gestank einzuatmen.“

Unvorhergesehene Belästigung

Die tatsächliche Belästigung mit dem Abgasgeruch war nicht vorherzusehen gewesen. Sowohl die Nürnberger Herstellerfirma des Betriebsstoffs als auch die Großherzogliche Badische Fabrikinspektion hatten Beeinträchtigungen der Nachbarschaft durch die Auspuffgase ausgeschlossen. Diese seinerzeit berechtigten Sorgen, offenbar ausgelöst durch minderwertige Brennstoffe (beispielsweise „zwischen Lampen-Petroleum und Schmieröl liegende Destillationsfraktionen“), sind heute nachträglich ganz leicht beschmunzelte Vergangenheit.

Mit dem sich bis 1932 dahinschleppenden Ende der Spinnerei in St. Blasien seit der Weltwirtschaftskrise 1929 endete auch die Stromerzeugung durch die Spinnerei. Eine „Kraftwerk AG“ bildete sich zur Übernahme der Anlage im einst klösterlichen Nordosttrakt (heute Studienhaus Endres) – die Aktiengesellschaft wurde übrigens initiiert vom Unternehmer und Reichstagsabgeordneten Albert Hackelsberger, der dann führend wurde bei der Übersiedlung der Jesuiten im Jahr 1933/34 nach St. Blasien.

Die Stromversorgung im Doppelpack mit der Stadt wurde fortgesetzt, ehe 1952 das Badenwerk die private Stromgruppe übernahm. Zwei Jahre später gelangte auch die städtische Stromerzeugung in die Regie des Badenwerks, das gleich von 110 auf die längst üblichen 220 Volt umstellte.