Die launische Schicksalsgöttin Fortuna war am Ende doch noch gnädig, nachdem sie am Nachmittag in Form von Regenfällen ihr boshaftes Antlitz gezeigt hatte. Als die Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ eigentlich beginnen sollte, wurden die Besucher in den St. Blasier Dom gebeten, wo das Organisationsteam in kurzen Intervallen die Wettervorhersagen bekannt- und kurz nach 17.30 Uhr die Aufführung freigab.

Vielfältige mittelalterliche Welt

Glücklicherweise harrten die meisten Besucher aus, denn die prognostizierte Regenpause bis 19 Uhr reichte fast minutengenau aus, um das Chorwerk aufzuführen, ohne die empfindlichen Instrumente zu gefährden. Und so erlebten die Besucher eine ebenso klangmächtige wie farbenreiche Aufführung der von Orff so kongenial vertonten mittelalterlichen Lieder. Diese zeigten auf Latein und Mittelhochdeutsch eine Welt, die keineswegs düster, sondern bunt, heiter, lebensdurstig, spöttisch und manchmal auch melancholisch war.

Ein populäres Werk

Wie nur wenige Werke der klassischen Musik versteht es die „Carmina Burana“, Kunstanspruch und Popularität zu verbinden. Statt der komplizierten spätromantischen Harmonien herrscht weitgehend eine klare Tonalität. Vor allem lebt das Werk durch rhythmischen Elan, die Eindringlichkeit der Wiederholungsfiguren und auch hinreißende lyrische Gesänge.

Philharmonie setzt Akzente

Dem Dirigenten Michael Neymeyer gelang es, die Massen an Mitwirkenden um den Festspielchor zu einem homogenen Ensemble zusammenzuführen, das nichts an Klarheit, Transparenz, Flexibilität und Intonationssicherheit vermissen ließ. Auch die Staatsphilharmonie Brest zeigte sich in bestechender Form: Sie spielte triumphal auf und setzte brillante Bläser- und Schlagzeugakzente. Gleichzeitig bewies sie hohe Sensibilität und Sinn für Klangschönheit, wenn es darum ging, die Sänger mit sparsamer Begleitung im delikaten Pianissimo zu unterstützen.

Eindrucksvolle Chorstücke

Besonders wirkungsvoll war der Eingangs- und Schlusschor mit seinem ostinaten Rhythmus, den lapidaren melodischen Motiven und den überaus textverständlich deklamierten Versen. Sie stellten das bunte Treiben am Liebeshof und in der Taverne unmissverständlich in den „richtigen“ ideellen Rahmen: Es wurde klar, dass der Mensch dem Spiel des Schicksals ausgeliefert und das Leben nur eine kurze Episode ist.

Die Menschen genießen das Leben

Freilich hinderte dies die Menschen im Mittelalter nicht daran, das vergängliche Leben in vollen Zügen zu genießen. So kündigten ätherisch-zarte Klänge den Frühling an. Gerhard Nennemann zeigte sich hier als lyrischer, samtig timbrierter Bariton, der die Erneuerung der Natur in schönstem Belcanto feierte. Der Chor beschrieb das Frühlingserwachen mit teils bänkelsängerischer Heiterkeit und teils zarten Kantilenen, die dann, vom nervös tremolierenden Orchester unterstützt, in zupackender Fröhlichkeit mündeten.

Ausdrucksstarke Szenen gab es bei der Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana" in St. Blasien.
Ausdrucksstarke Szenen gab es bei der Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana" in St. Blasien. | Bild: Michael Gottstein

Noch irdischer ging es im zweiten Bild, der Taverne, zu: Nennemann sang mit Emotion und Mut zum pathetischen Ausdruck das Baritonlied von der Wurzel- wie Zügellosigkeit des Menschen. Anschließend vollzog er durch Ablegen von Hemd und Hose eine Metamorphose zum Schwan (in rotem Trainingsanzug) und gab mit köstlich anzuhörendem „gequältem“ Falsett das Lamento des gebratenen Vogels zum Besten. Damit der szenischen Anreicherung nicht genug, denn dann mutierte er zum „Abt der Säufer“, der sich in tiefer Stimmlage vergeblich um würdevolles Auftreten bemühte. Diese Bravourstücke gelangen dem Sänger dank seiner vokalen Vielseitigkeit und Charakterisierungskunst ausgezeichnet.

Die Bitterkeit der Liebe

Ganz anders wiederum wirkte das Bild des Liebeshofes, in dem freilich nicht nur die sublimierte Form der „hohen Minne“ herrschte. Hier war auch ein Kinderchor mit von der Partie, der die Bitterkeit der Liebe besingen durfte. Vokale Glanzlichter setzte die Solistin Sonja Bühler, die ihre klare, lyrische Sopranstimme hervorragend unter Kontrolle hatte. Sie hielt leuchtende Töne im Pianissimo lange aus und zeichnete überzeugend das Charakterbild einer hingebungsvoll Liebenden. Im Liebeslied „Dulcissime“ gelangen ihr auch scheinbar mühelos Koloraturen bis jenseits des hohen Cs, und Gerhard Nennemann zeigte, dass er auch mit der Tenorlage gut zurechtkam. Nach der Wiederholung des Eingangschors belohnte verdienter Beifall die Musiker und Sänger, die tapfer dem Wetter getrotzt hatten.