Im Rahmen des Literaturcafés las Jürgen Glocker seine neueste Erzählung „Aus dem Schwarzen Walde“. Vordergründig das Anschreiben eines Lokalreporters an die Redaktion eines Literatur- und Altertumsvereins über einen Manuskriptfund, birgt diese Erzählung die Biographien gleich mehrerer mit dem Schreiben befasster Zeitgenossen und stellt im Grunde die Frage, wie ein Leben erzählbar gemacht werden kann, so dass sich ein Bild einer Person ergibt.

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Matti, der Briefschreiber, Redakteur im Hochschwarzwald, holt weit aus, um seinen Textfund anzubieten. Er beginnt bei seinem ehemaligen Chef, einem Zeitungsmacher aus Überzeugung. Dieser habe ihm beigebracht, ein echter Zeitungsmann sei der letzte Alchemist, und wenn es ihm gelänge, den Geist der Zeit zu erfassen, dann erschaffe er reines Gold. Matti selbst hält sich allem Anschein nach nicht für ein solch hehres Exemplar seiner Zunft, bis er aus Zufall in der Schublade des Küchentischs seiner Mietwohnung eben das unvollständige Manuskript findet, das er nun anbietet, denn immerhin attestiert er sich selbst eine gute Nase für spannende Geschichten.

Tagebucheintrag in der dritten Person

Das gefundene, in Teilen immer wieder abbrechende, unleserliche oder geschwärzte Manuskript trägt den Titel „Aus dem Schwarzen Walde“ und berichtet als eine Art erweiterter Tagebucheintrag, verfasst allerdings in der dritten Person, vom Erlebnis eines gewaltigen Schneesturms im Feldberggebiet, in dem sich Schorsch, der Protagonist dieses Manuskripttorsos, bis zur Orientierungslosigkeit verliert und sich schließlich auf einem Sofa wiederfindet, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist. Wer ist dieser Schorsch, der sein Studium abgebrochen hat, in das heimische Schopfloch zurückgekehrt ist und sich aufmacht, im Novembernebel seine Großmutter in den Bergen zu besuchen?

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Das Bild dieser drei Personen bleibt bei aller meisterlich formulierten Detailbeschreibung im Grunde ebenso nebelverhangen wie die Landschaft, um so ungreifbarer wird – ein erzählerischer Schachzug von außerordentlicher Raffinesse. Und überhaupt wäre der Autor Glocker nicht der umfassend belesene, zitierfreudige Literatur- und Kunstexperte, als der er seit Jahrzehnten bekannt ist, wäre da nicht die Vielschichtigkeit seines Textes, wären da nicht die zahllosen Anspielungen, sei es an die Schnitzelorgien eines Bruckner oder an die Erzählung „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth im Zusammenhang mit Sepp Hilpert. Glockers gekonnter Umgang mit unterschiedlichen Sprachebenen, seine hochgradig atmosphärischen Beschreibungen von Landschaft und Unbilden der Witterung machen die Lektüre auch ohne das Ahaerlebnis jeder dieser Anspielungen zum wahren Genuss.

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Und nicht zuletzt macht diese Lektüre nachdenklich, nicht nur, weil die Darstellung des Schneesturms die Reflexion über Klimawandel und Umgang mit der Natur befördert, sondern auch, weil mit der Thematisierung dieser dreifachen ausschnittweisen Biographien auch die notgedrungene Subjektivität allen Schreibens deutlich wird.

In der anschließenden Diskussion betonte Jürgen Glocker den Wert des Meinungspluralismus‘ seriöser Journalistentätigkeit und verriet, beim eigenen Schreiben überlasse er seinen Personen den Gang der Entwicklung. Die Entscheidung, was geschehe, falle erst im Moment des Schreibens.

Die Erzählung „Aus dem Schwarzen Walde“ von Jürgen Glocker ist erschienen in der Zeitschrift Das Plateau, Nr. 174 (1. August 2019), Radius Verlag Stuttgart.