Lange lag das Buch in einem Bankschließfach, dann hatte Helga Christoph es zusammen mit weiteren Erinnerungsstücken zu sich nach Hause geholt und in eine Schublade gelegt. Schließlich nahm sie das Kriegstagebuch ihres Vaters doch in die Hand – und tippte es vollständig ab. Jetzt ist es eine für jeden lesbare Erinnerung an eine schwere, schmerzhafte Zeit.

Das Kriegstagebuch ihres Vaters hat Helga Christoph aus St. Blasien abgetippt und damit lesbar gemacht.
Das Kriegstagebuch ihres Vaters hat Helga Christoph aus St. Blasien abgetippt und damit lesbar gemacht. | Bild: Sebastian Barthmes

„Eigentlich habe ich ziemlich kaltblütig abgeschrieben“, erzählt Helga Christoph. Sie sei darauf konzentriert gewesen, zu entziffern, was ihr Vater als junger Erwachsener handschriftlich zu Papier gebracht hatte. Ihr und ihrem vier Jahre älteren Bruder habe der Vater nie vom Ersten Weltkrieg und seinen Erlebnissen erzählt. Der sei schon zu weit weg gewesen – der Zweite Weltkrieg war aktuell. „Wir haben im Keller geschlafen, denn es war sowieso jede Nacht Alarm“, erzählt Helga Christoph.

Die Einberufung

Er sei gerade von einem Verwandtenbesuch nach Hause gekommen, als er den „bekannten roten Zettel, den Gestellungsbescheid“ vorfand. Mit einem Sonderzug ging es nach Frankenburg, wo die harte Rekrutenzeit anfing, wie der junge Soldat schreibt. Am 13. Juni 1917 kam sein Zug in Brügge in Belgien an. „Wahrscheinlich durch Versehen der Fahrtnummer wurden wir gleich dem aktiven Regiment 104 als Ersatz zugewiesen, das bei den schweren Kämpfen von Witschaete erst kürzlich starke Verluste erlitten hatte“, schreibt er. Noch hatte der junge Mann Zeit, sich die Stadt anzuschauen. Die kaiserliche Marine sei sehr präsent gewesen. Er notiert: „In den Kaufläden gab es noch alles, was das Herz begehrte, allerdings für recht teures Geld.“ Doch der Krieg kommt in den folgenden Tagen näher, nachts wird er durch „eine heftige Kanonade“ wach. Sein Bataillon wird in Alarmbereitschaft versetzt. Am 19. Juli kam er an der Front an.

Lange lag das Tagebuch aus dem Ersten Weltkries unbeachtet in einem Schließfach.
Lange lag das Tagebuch aus dem Ersten Weltkries unbeachtet in einem Schließfach. | Bild: Sebastian Barthmes

In seinem Tagebuch beschreibt der junge Soldat das Geschehen in seinem Umfeld, den Tagesablauf, er berichtet, wie es den Neuankömmlingen geht. Er notiert, wie viele Tote und Verletzte sein Bataillon nach einem Einsatz zu beklagen hatte. Immer heftiger wurde das Kriegsgeschehen, zu lesen ist beispielsweise von einem Fliegerangriff, „dessen Explosionen den nächtlichen Himmel blutig rot färbten“. Manche Tage erhielten nur knappe Einträge, wenn mehr Zeit ist, wird er wieder ausführlich. Der Leser kann erahnen, welche Ängste und Sorgen den jungen Menschen plagen, wenn er schreibt: „schiebe ich meine Stunde Gaswache vor unserem bombensicheren!? Wellblechunterstand. Vor mir tobt ein unheimliches Arifeuer und Leuchtsignale in verschiedenen Farben lassen das Ganze wie ein ausgedehntes, großes Feuerwerk erscheinen, dazu eine höllische Platzmusik“.

Die Verletzung

Am 21. Juli 1018 wurde er dann verletzt. Gerade war das Bataillon dabei, sich einzugraben, als jemand rief: „Der Franzmann kommt.“ Ab und zu habe er seinen Kopf gehoben, „da plötzlich schlägt mir etwas gegen den Stahlhelm und wie ich nachsehe, ist es direkt über der Stirn von einem französischen Geschoß durchbohrt, das aber meinen Kopf glücklicherweise nur streifte und eine ganz geringfügige Wunde verursachte“. Kaum war der Helm wieder aufgesetzt, „als ich im Rücken einen peitschenartigen Schmerz verspürte“. Es war ein Rückendurchschuss.

Das Ergebnis

Das Tagebuch sei ein historisches Dokument, sagt Helga Christoph. Sie selbst habe keine Kinder, weshalb sie überlege, an welcher Stelle die Erinnerungen ihres Vaters gut aufgehoben sein könnten. Bis dahin wolle sie aber noch alle genannten Orte im Atlas nachschlagen, um besser nachempfinden zu können, wo ihr Vater als junger Soldat durchgekommen ist.