St. Blasien Die Waldeinsamkeit der St. Blasier Äbte

Im 13. Jahrhundert lebten drei Klostervorsteher St. Blasiens im Wald beim sogenannten Lusthaushaldenkopf. Doch der Grund für den Rückzug war nicht etwa eine freiwillige Auszeit, sondern eine Erkrankung an Aussatz – und das gleich im Dreierpack.

Was für die einen ein modernes Zauberwort der Urlaubsgestaltung ist, war für andere einstmals eine Art Verbannung oder zumindest durch schwerwiegende Umstände erzwungener Rückzug: Dieses Schlüsselwort heißt "Waldeinsamkeit". Modernen und vielleicht stressgeschädigten Urlaubern wird die naturverbundene Einsamkeit in schönster Waldheimat als verlockendes Heilmittel empfohlen, vor nicht ganz 800 Jahren war eine einsame Waldstelle der Verbleib für drei St. Blasier Äbte hintereinander.

Aus den üppigen Klosterquellen überliefert hat die bizarre und verwunderlich anmutende Geschichte Oberamtmann Xaver Weiss (unterschiedlich auch mit "ß" geschrieben). Dieser Beamte war vom Dezember 1867 bis Juli 1875 Leiter des politisch und heute auch historisch bedeutenden, nachklösterlichen Bezirksamtes St. Blasien (das dann 1924 einer Verwaltungsreform geopfert wurde). Vom ersten Tag seines Hierseins an fühlte sich der Bezirksamtsleiter in den Bann des benediktinischen Jahrtausends gezogen. Nahezu jede freie Stunden verbrachte er mit seinen geschichtlichen Forschungen, deren Ergebnisse er im sechsbändigen Werk „Sankt Blasien“ festhielt.

Da findet sich dann der neugierig machende Satz: „Die Umgebung des Lusthaushaldenköpfles nach Nordosten heißt Klausur“. Heutzutage werden gehobene Prüfungsarbeiten im Gymnasium und an der Universität als Klausur bezeichnet. Von Alters her ist der den Mönchen oder Nonnen vorbehaltene Klosterteil die Klausur. Aber eine Klausur mitten im urtümlichen, dichten und einsamen Wald?

Nochmals zur kurzen Erinnerung: Die Lusthaushalde ist die Wald- und Bergwand gegenüber der Tankstelle, neben der Umgehungsstraße aufsteigend. Die Spitze dieser eindrucksvollen, voralpinen Wand wird als Kopf oder Köpfle bezeichnet. Nach Nordosten, also zum heutigen Albsee und Richtung Häusern hin, soll sich dieser mit Klausur bezeichnete Wohnbezirk dreier Äbte befunden haben. Die Jahrhunderte haben längst ihr Werk getan, die Gegend ist verwuchert, verwachsen und unergründlich verändert. Jeder Fund eines Überbleibsels gliche dem Sechser im Lotto.

Hier nun, im zum Albsee abfallenden Gelände, sollen vor sage und schreibe acht Jahrhunderten drei Äbte des aufstrebenden Klosters St. Blasien gewohnt, besser gesagt: gehaust haben. Nach 1230 muss am Klosterort der Aussatz, eine chronische Infektionskrankheit, gewütet haben. Das erste prominente Opfer war Abt Hermann II., der seit 1223 regierte und angesichts der Unheilbarkeit seiner Erkrankung 1237 auf seine Funktion verzichtete und sich in die für ihn eingerichtete Waldklausur zurückzog.

Sein Nachfolger Heinrich I. blieb von der heimtückischen Erkrankung nicht verschont und trat schon vier Jahre später, 1241, von seinem Amt zurück, um in der Waldeinsamkeit, ziemlich weit entfernt von den Mitbrüdern, die Hoffnung auf Gesundheit zu nähren. Und auch dessen Nachfolger, Abt Arnold I., wurde vom Aussatz befallen, so dass er aus Rücksicht auf die Mönchsgemeinschaft 1247 auf sein Amt verzichten musste. Es blieb ihm wiederum die Klausur jenseits der Lusthaushalde.

Hinter dem Krankheitsbefall im „Dreierpack“ verbirgt sich kein böser Geist oder ein Fluch, auch keine geheimnisvolle Todesserie, sondern wohl einfach die Summe unglücklicher, damals kaum vermeidbarer Umstände: Fehlende Desinfektionsmöglichkeiten für das von allen drei Kranken bewohnte Abtzimmer; die mit ziemlicher Sicherheit von allen drei vom Aussatz Heimgesuchten gemeinsam benutzten Gewänder und Ornate (besonders heimtückisch die Pelze); und schließlich das immer wieder gleiche Geschirr – alles nur notdürftig gereinigt, weit entfernt von heutiger Gegenwehr und Hygiene.

Das nicht fototaugliche anzunehmende Klausurgelände aus verwitterten Baumbeständen, wogenden Gräsern, Wiesen- und Moosflächen, Steinen und Altholz birgt mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit nicht den Hauch einer Rarität. Aber es liegt wie eine riesengroße Naturdecke über dem jahrhundertealten Geschehen von Krankheit, Verzicht und Vergehen.

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