Frau Trautwein-Domschat, Schwörstadt ist mit rund 2500 Einwohnern ein kleiner Ort. Hat die Krise die Gemeinde deshalb stärker oder schwächer getroffen als zum Beispiel Rheinfelden oder Grenzach-Wyhlen?

Natürlich war die Zeit herausfordernd. Aber ich würde schon sagen, dass wir bisher ganz gut weggekommen sind, gerade auch finanziell. Wir sind keine reiche Gemeinde und haben keine großen Gewerbebetriebe. Daher haben uns Steuerausfälle längst nicht so hart getroffen.

Bürgermeisterin Christine Trautwein-Domschat.
Bürgermeisterin Christine Trautwein-Domschat. | Bild: Verena Pichler

Ist es also von Vorteil, eine kleine Einheit zu sein?

Wir sind und waren der Ort der kleinen Schritte und das hat sich in der Krise bewährt. Schon vor der Krise war das Credo, möglichst alles vor Ort zu kaufen und zu erledigen. Wir haben ja alles, was man zum täglichen Leben braucht: einen Metzger, Bäcker, einen Supermarkt und sogar einen kleinen Wochenmarkt. Kleine Schritte heißt es aber auch bei den Investitionen: Wir setzen das um, was wir können.

Anders als größere Verwaltungen haben Sie aber nur wenig Personal zur Verfügung. Wie viele Überstunden sind aufgelaufen?

Das kann ich Ihnen genau sagen: 740, was vier Wochen Zusatzarbeit entspricht. Die Anfangszeit war wahnsinnig, man hatte das Gefühl, man wird aus allen Kanonen beschossen. Wir waren im Krisenstab gut koordiniert, aber zu Beginn war alles schlichtweg zu kurzfristig. Ein Beispiel: Um 23.53 Uhr kam der Erlass einer neuen Verordnung, gültig am Folgetag. Den Behörden blieben also sieben Minuten Zeit, das umzusetzen. Anfangs war das ja auch gar nicht differenziert: Für welche Gruppen, welches Alter gelten welche Regeln? Wir mussten das vor Ort umsetzen und zeitgleich die Bürger informieren oder falsche Informationen aus der Welt schaffen.

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Wie groß war Ihr Krisenstab?

Vier Frauen – hier arbeiten nur Frauen (lacht). Wir mussten alles bearbeiten, und weil wir keinen Gemeindevollzugsdienst haben, auch raus, wenn uns Verstöße gegen die Corona-Regeln gemeldet wurden.

Gab es davon viele?

Das ist alles relativ. Eines muss ich sagen: Die Schwörstädter waren sehr diszipliniert. Aber es gab einige Meldungen von Menschen, die am Rhein größere Gruppen angetroffen haben. Einmal, in der Hochphase im April, habe ich mich dann auf den Amtsschimmel – unser Fahrrad – geschwungen und bin hingefahren. Da war eine lustige Truppe beisammen, die mit drei Cabrios vom Bodensee gekommen war. Auf meine ironische Frage, ob es ihnen hier gefalle, meinten sie: Ja, total schön, wir wurden schon von vielen anderen Orten vertrieben. Übrigens hatten die nicht nur gegen die Corona-Verordnung verstoßen, sondern auch das Durchfahrt-Verboten-Schild ignoriert.

Gab es etwas, das Sie während der Krise geärgert hat?

Von politischer Seite eigentlich nicht, ich bin so froh über unsere Krisenkanzlerin und auch unsere Landrätin, die sehr besonnen agiert haben. Mich und viele Schwörstädter hat allerdings die Werbeaktion von Aldi maßlos geärgert, der den Schweizern nach der Grenzöffnung Gutscheine in die Hände gedrückt hat. Das kam nicht gut an, schließlich haben die Bürger während der Krise dort eingekauft und unterstützt.

Apropos – auf Facebook haben Sie sehr rührig für die Restaurants und deren Abholservice geworben.

Ja, das war mir wichtig. Ich weiß, dass sich nicht jeder dieses Essen leisten kann, schon gar nicht jeden Tag. Aber ich zähle es auch zu meiner Fürsorgepflicht, das örtliche Gewerbe und die Restaurants persönlich zu unterstützen.

Wie schätzen die Sie die Lage der hiesigen Gewerbetreibenden ein?

Ich denke, dass es die meisten relativ unbeschadet überstanden haben. Unser Kebab-Haus konnte Essen zum Abholen anbieten, die Restaurants auch. Das Hotel „Schlossmatt“ hat weiterhin Zimmer an Monteure vermietet, die auch noch Arbeit hatten.

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Gibt es Projekte in der Gemeinde, die wegen Corona nicht umgesetzt werden können?

Leider wird der Rheinuferweg extended nicht so schnell fertig, wie gedacht. Das ist bedauerlich. Andere Investitionen sind auf Kurs, einiges wurde schon vor der Krise umgesetzt, etwa neue Schultoiletten.

Für die Schule hat Corona einen Digitalisierungsschub bedeutet. Ist das in der Schule am Heidenstein auch so?

Ja, unsere Grundschule hat schon länger aus Mitteln des Fördervereins Geld erhalten und bereits Tablets angeschafft, und diese konnten die Grundschüler schon vor Corona nutzen und üben. Das Kollegium dort hat eine Mordsarbeit geleistet, um sich weiterhin gut um die Kinder zu kümmern. Das ist gelungen.

Gibt es auch positive Erfahrungen, die Sie aus der Krise mitnehmen?

Gar nicht wenige. Da wäre zum einen mal die akribische Dokumentation im Pandemieplan, das war eine gute Übung. Dann natürlich das gesamte Feld Digitalisierung – auch wenn wir hier wirklich besseres Internet brauchen. Es ist eine enorme Zeitersparnis, wenn man nicht zu jeder Sitzung fahren muss. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Redebeiträge kürzer und konzentrierter sind, wenn man sich virtuell trifft. Außerdem hatte ich das Gefühl, noch mal einen ganz anderen Überblick zu bekommen, was die Vereine oder Gruppen im Ort brauchen, um ihr Engagement umsetzen zu können. Das war wertvoll.

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Was haben Sie vermisst?

Die Menschen! Das mag ich ja am Bürgermeisterin sein: das Zusammensitzen an Festen oder Vereinsveranstaltungen. Aber auch das kulturelle Leben geht mir ziemlich ab, etwa Ausstellungen oder auch die Brückensensationen.

Sie wirken heute recht entspannt. Gab es bei Ihnen während der vergangenen Monate auch mal schlaflose Nächte?

Nein, ich bin jemand, der unter Druck sehr gut funktioniert. Das war schon immer so, wie ich mich aus meinen beruflichen und privaten Erfahrungen kenne. Das Durchschnaufen kommt erst dann, wenn die Last von mir abfällt. Aber Corona ist noch nicht vorbei.

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