Bei einem Sonne-Regen-Mix ging es am Samstag dreieinhalb Stunden lang bergab und bergauf in dem ebenso spannenden wie unterhaltsamen Landschaftstheater-Krimi „Der Herr der Augenringe und die Brille der Macht“. Bei der Premiere dieser Jubiläumsproduktion zum zehnjährigen Bestehen des Theaters in den Bergen in Häg-Ehrsberg wanderten rund 120 Besucher mit – wegen der Corona-Situation wird die Größe der Zuschauergruppe reduziert.

Firmenpatriarch Billy Bob König (Birgit Lorenz), seine Frau Berta (Marianne Tittel) und der Anwalt (Hermann Tittel) in einer Szene.
Firmenpatriarch Billy Bob König (Birgit Lorenz), seine Frau Berta (Marianne Tittel) und der Anwalt (Hermann Tittel) in einer Szene. | Bild: Roswitha Frey

Der neue Open-Air-Krimi von Regisseur und Autor Arnd Heuwinkel startete dort, wo das Theater in den Bergen vor zehn Jahren sein erstes Stück begonnen hat: vor dem alten Schulhaus. Dort tauchen schon mal die wichtigsten Personen dieser abenteuerlichen Geschichte um eine Familie und ein Unternehmen auf: Firmenpatriarch Billy Bob König, gespielt von Birgit Lorenz in einer Hosenrolle als weißhaariger Clanchef, seine mondäne, elegante Frau Berta, die den Laden zusammenhält (Marianne Tittel als Grande Dame), und der loyale Anwalt Gundolf (Hermann Tittel als distinguierter Advokat), genannt der Graue, weil er stets graue Anzüge trägt.

Und da wären noch der Erbe Frido, verkörpert von Aurin Köhler als sympathischer, schüchterner Strebertyp, und seine patente Schwester Marie (Mathilda Tittel), die als Erzählerin auftritt. Vor dem Firmenschild „Brillenkönig – einfach brilliant“ drillt Arnd Heuwinkel als strenger Optikermeister Sauermann im weißen Kittel die Belegschaft mit Brillenputzen und Sehtests.

Mit Klapphockern ausgestattet ziehen die Zuschauer durchs Dorf zum nächsten Spielort vor einem Bungalow. Mit Partyhütchen, Sekt und fröhlichem Gesang feiern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Jubiläum „750 Jahre Brillenkönig“. Firmenchef Billy Bob tritt gerührt ans Pult und erinnert an seinen Vorfahren, der 1271 eine weitsichtige Erfindung gemacht habe. Die Jubelfeier endet jäh, als der Patriarch ein Schlückchen Sekt trinkt und zusammensackt. Er kann noch seinem Sohn verraten, dass im Tresor etwas Wertvolles liegt, das er in Sicherheit bringen muss, dann bricht Wehklagen aus: „Der König ist tot. Es lebe der König.“ Frido, seine Schwester und weitere Gefährtinnen, in Mittelalter-Kluft gewandet, öffnen den Safe und holen ein Kästchen mit einer mysteriösen Brille hervor. Was hat es mit dieser Sehhilfe auf sich, die eine gefährliche Waffe sein soll? Wer hat den Firmenchef vergiftet, der mit einer Brillen-Erfindung auf dem Weltmarkt expandieren wollte? Rätsel über Rätsel bauen sich in dem Stationentheater auf, in dem die 45 Mitwirkenden vor Spiellaune nur so sprühen.

Bald wird klar, dass die Brille, die nicht in falsche Hände geraten darf, eine Metapher ist für eine Gesellschaft, die den Durchblick verloren hat und Verantwortung und eine klare Sicht auf die Dinge braucht. Wie immer in seinen Stücken verpackt Heuwinkel aktuelle Ereignisse, Gesellschafts-, Sozial- und Konsumkritik mit viel Humor, ironischem Augenzwinkern, aberwitzigen Szenen und skurrilen Figuren. Auch bringt er Anspielungen auf Figuren und Charaktere aus dem Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“ ein. Auch die fantasievollen Kostüme (Antonia Tittel) und die Theatermusiker mit ihren Live-Klängen illustrieren diese Zeitreise.

Mit reichlich Action und Spielwitz mischt die geldgierige Verwandtschaft die Jagd nach der Brille der Macht auf. Diabolisch in zirkusreifen rot-schwarzen Kostümen fallen Oliver Dib als krimineller Stiefonkel Kuno, Kristina Musolt als „Tante Karla“ samt ihren ungezogenen Gören und rotzfrechen Jungs über das Jubiläumsbuffet her und stürmen dem Erben Frido hinterher.

Filmreife Auftritte hat die Profischauspielerin Lena Drieschner als durchgeknallte Kommissarin Schimpansky, die in Jeans, Lederjacke und Cowboystiefeln auf lässig und supercool macht und sich wie ein weiblicher James Bond gebärdet. Eine Klasse-Szene, wie sie mit ihrer „Pozilei“-Truppe im Auto mit dem Nummernschild „Poz-Blitz“ heranbraust, wild mit der Knarre herumfuchtelt und den ominösen Fall um eine Leiche und eine geheimnisvolle Brille lösen will, wird köstlich mit Rollenklischees gespielt, wenn Frau Kommissarin nach einem „Harry“ in ihrer tölpelhaften Gurkentruppe ruft und sich tierisch aufregt: „Ihr seid so was von Flaschen!“ Wenn die „Soko Brille“ den Verbrechern hinter her stolpert, sind die Lacher programmiert. In idyllischer Landschaft mit traumhaftem Ausblick machen die Zuschauer auf einer Wiese Halt, wo unter einem Baum die Götter und Comic-Helden auf Sesseln und Sofas herumhängen und „chillen“.

Superman, Batman, Ritter, griechische Göttinnen sind zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft und wollen mithilfe der Brille zu alter Stärke zurück. Kaum sind die Mini-Götter und Comic-Heroen samt Mobiliar abgezogen, braust Witwe Berta mit ihrem treuen Anwalt im Cabrio auf dem Feldweg heran. Wie Marianne Tittel als glamouröse lustige Witwe dem verklemmten Herrn Avancen macht, ihm ein Liebesständchen singt, löst riesigen Sonderapplaus.

Vorbei an Kühen auf der Weide geht es steil bergab zu einer Hütte, wo Erbe Frido mit seinen Gefährten in der Mittelalter-Kneipe „Zum singenden Wallach“ einkehrt, Met trinkt und die wundersame Brille aufsetzt – und wie in einem psychedelischen Rausch die Gedanken der anderen lesen respektive hören kann. Und schon starten der Gauner-Clan um Kuno und die „Pozilei“ wilde Verfolgungsjagden. Nach einer Atempause auf der Wiese, wo die Feuerwehr Getränke und Wurst und Weggen offeriert, geht es actiongeladen weiter über Feld und Flur zielstrebig Richtung Showdown vor einer Scheune. Dann wird nach turbulenten Stunden geklärt, was es mit dem ominösen Tod des Brillenkönigs auf sich hat.

Die weiteren Vorstellungen bis 17. Oktober sind bereits ausverkauft.