Seid umschlungen, Millionen“: Ironisch kommentierte SPD-Stadtrat Thomas Gsell am Ende der Ratssitzung am Dienstag die teils heftig diskutierten Beschlüsse zum Friedrich-Ebert-Schulcampus. Zusatzkosten waren zwar erwartet worden, doch es wurden sogar noch mehr – auch, weil sich beim Thema Technikgebäude die Grünen erfolgreich durchsetzten. Bürgermeister Dirk Harscher sagte am Ende: Es sei zwar „ein negativer Tag für die Ausgaben, aber die Beschlüsse waren teilweise die richtigen.“

Mehrkosten beim Jahrhundert-Prestigeprojekt Campus sind an und für sich keine Neuigkeit. Der ursprüngliche Kostendeckel von 23,7 Millionen ist längst gesprengt. Letzter Stand vor der Sitzung am Dienstag war, dass das Vorhaben um die 33,3 Millionen Euro kosten könnte. Nun wird es wohl noch etwas teurer, die Gemeinschaftsschule, die Johann-Peter-Hebelschule (mittlerweile zusammen mit der Zeller Heilförderschule) sowie das JUZ am Standort der Friedrich-Ebert-Schule (FES) zusammenzuführen. So ganz exakt war das am Dienstag nicht zu beziffern – weil teils überraschende Beschlüsse fielen und umgekehrt die Stadtverwaltung nicht näher bezifferte Einsparungen in Aussicht stellte. Thomas Gsell schätzte die Mehrkosten am Ende des Tages auf 3,7 Millionen, Bürgermeister Dirk Harscher auf rund 2,5 Millionen Euro.

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  • Technikgebäude: Schätzungsweise eine Million Euro dabei geht auf das Konto der Grünen-Fraktion, die sich mit ihrem Antrag durchsetzte, das 17 Jahre alte Technikgebäude zu erhalten – wobei allerdings mehrere Grünen-Räte hinter dieser von der Stadtverwaltung geschätzten Summe ein dickes Fragezeichen setzen und meinen, dass es billiger gehe. Zwar war ein Erhalt des Gebäudes in der mehr als vierjährigen Planungsgeschichte zweimal geprüft und verworfen worden – insbesondere, weil damit das Außengelände beschnitten und ein Sportfeld entfallen würde. Die Grünen sahen jetzt aber Gründe, den Erhalt nochmals ins Spiel zu bringen. So habe sich etwa der Raumbedarf erhöht, weil die Johann-Faller-Förderschule in Zell zwischenzeitlich in die Johann-Peter-Hebelschule integriert wurde. Zudem setzte eine gute Weiterentwicklung der FES-Gemeinschaftsschule „eine gewisse Flexibilität in der Raumnutzung voraus“. Fraktionssprecher Ernes Barnet wies darauf hin, dass ja eigentlich an der Gemeinschaftsschule auch Unterricht auf „Gymnasialniveau“ angeboten werden könnte. Da tue es „in der Seele weh, wenn wir die FES schwächer werden lassen, und das THG platzt aus allen Nähten“. Ziel müsse es sein, die „FES zu stärken mit ausreichend Räumen und Ausstattung. Jeder Raum, den wir vernichten, ist nicht tragbar.“ Barnet wies darauf hin, dass er selbst stets kritisch bei den Ausgaben gewesen sei. Im Gegensatz aber zu vielen anderen Mehrkosten, die auf „Vergessenes und Fehlplanung“ zurückzuführen seien, handle es sich hier um „rentierliche Kosten“. Thomas Gsell (SPD) indes war überzeugt: „Eine Million reicht nicht.“ Der Campus sei anfangs „als Leuchtturmprojekt beschrieben worden, aber für mich wird er immer mehr zur Büchse der Pandora. Wir müssen irgendwo mal die Bremse reinhauen.“ Wie Gsell war auch Hildegard Pfeifer-Zäh (Freie Wähler) „verwundert, dass dieser Vorschlag kommt“, da gerade Barnet die Kosten stets moniert habe. Für sie wäre es ein gravierender Fehler, den Freibereich zu beschneiden. Die Außenplanung sei einer der Faktoren gewesen, warum sich der Gemeinderat beim Architektenwettbewerb „für genau dieses Konzept“ ausgesprochen habe. Felix Straub (Grüne) stellte Raumgewinn und Kosten in Vergleich – das Gebäude habe einen Wert von drei bis vier Millionen Euro, „da ist der Erhalt mal wirklich preiswert“. Letztlich setzten sich die Grünen durch – gegen die Stadtverwaltung, die empfohlen hatte, den Antrag abzulehnen. 13 Räte aus Reihen von Grünen, CDU und Unabhängigen stimmten zu, neun dagegen. Bau-Fachbereichsleiterin Karin Heining („ich bin fast geschockt“) kündigte daraufhin an, dass nun Umplanungen vonnöten werden. Bürgermeister Harscher sagte, dass „uns das zurückwerfen wird, aber wir schauen, wie wir das stemmen.“
  • Mensa: Zugestimmt hat der Gemeinderat auch einer geänderten Mensa-Planung, die mit bis zu 493.000 Euro Zusatzkosten zu Buche schlagen könnte, wobei die Stadtverwaltung aber Einsparungen in Aussicht stellt. Statt mit einer Küche, bei der warm angeliefertes Essen ausgeteilt wird, wird jetzt mit einer Regenerationsküche geplant, in der Speisen endgegart/erwärmt werden. Zwischenzeitlich habe sich gezeigt, dass über kurz oder lang sowieso eine Regenerationsküche erforderlich sein werde. Die Geräte brauchen allerdings mehr Platz, der verbliebene sei dann zu klein für die angedachten Nutzungen (Verköstigung, Schulversammlungen). Deshalb soll die Decke nicht zurückgebaut, das erste Obergeschoss erhalten werden. Trotzdem seien Umbauarbeiten erforderlich.

Peter Ulrich (SPD) fragt sich: „Warum bleiben wir nicht bei dem, was wir beschlossen haben?“ Marianne Merschhemke (Grüne) indes sprach sich aus Gründen der Zukunftsfähigkeit für mehr Platz aus. Für Thomas Kuri (CDU) war dieses Thema „ein wunderbares Beispiel, wie es nicht funktionieren sollte“, weil nicht frühzeitig für ein funktionierendes Controlling gesorgt worden sei. Allerdings sei diese Änderung im Sinne der Nutzer. Es wäre „ein Treppenwitz, wenn wir schon bei der Eröffnung feststellen, dass die Räume nicht reichen.“ Kai Horschig (Freie Wähler) warnte, dass es bei Projekten „nichts Schlimmeres, gibt, als ständig das Ziel zu ändern, dann wird es richtig teuer“. Allerdings könne er sich mit einem zusätzlichen Stockwerk anfreunden. Ernes Barnet (Grüne) hatte ebenfalls Verständnis für den Antrag. Ähnlich wie beim Technikgebäude stelle sich die Frage: „Warum soll man nicht klüger werden?“ Ute Zeh (CDU) pochte darauf, dass im Beschlusstext explizit die Einsparungszusage festgehalten wird. Mit 14 Ja-, vier Nein-Stimmen und vier Enthaltungen wurde zugestimmt.

  • Weitere Vergaben: Diskussionslos genehmigt wurden mehrere Vergaben wie Personalaufzug und Fassadenarbeiten. Hingegen gab es nochmals Grundsatzdebatten, als es um die Abdichtung des feuchten Kellergeschosses (416.000 Euro) und die akustische Sanierung im Altbau ging (rund 747.800 Euro) – beides kam ebenfalls erst nachträglich auf den Tisch. Thomas Kuri (CDU) hatte wegen der Vorgehensweise bei der Trockenlegung (von außen komplett freilegen und abdichten) Bedenken wegen der Bauphysik und brachte alternativ eine Lüftung ins Spiel. Thomas Gsell (SPD) war „schlicht erschüttert“ über die Summen. Er erinnerte daran, dass noch das Thema Haushaltskonsolidierung anstehe, „aber das scheint im Moment keine Rolle zu spielen – wie Corona und Einnahmeeinbrüche. Ich bin total geplättet.“ Sven Hendrik Wünsch (Freie Wähler) stimmte Gsell „von ganzem Herzen zu“. Es sei zwar „alles höchst sinnvoll und nachvollziehbar“, was auf den Tisch komme, aber ihm werde „schwindlig bei den Zahlen. Wenn man das Geld nicht hat, kann man es auch nicht ausgeben“. Peter Ulrich (SPD) wunderte sich, dass die Akustik zu einem früheren Stadium als notwendig bekannt gewesen sei, dann aber herausgenommen wurde. Das sehe so aus, als ob von vorneherein geplant gewesen sei, es hinterher reinzunehmen – „das wäre skandalös“. Gisela Schleidt (Grüne), die als Elternvertreterin direkten Einblick in die Planung hatte, berichtete, dass Lehrer und Schüler bei der Planung gar nicht zu Wort gekommen seien. Es sei wahnsinnig laut im Gebäude und vor allem im Treppenhaus – „aber das hat keinen Vorrang gehabt.“ Auch der Schimmel im Keller sei bekannt gewesen. Die Planung sei darauf ausgelegt worden, „dass alles schön aussieht“. Letztlich wurde die Trockenlegung (zehn Ja-, neun Neinstimmen) und die Akustiksanierung (14 Ja, fünf Nein) beschlossen. Harscher gab Gsell am Ende insofern Recht, als die finanzielle Entwicklung „dramatisch ist und mir Sorgen und Bauchweh bereitet“, aber es seien großteils die richtigen Beschlüsse. „Die Qualität für den Unterricht muss einfach stimmen – deshalb müssen wir den Weg gehen, auch wenn es weh tut“.

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