Mit ihm gehen vier Jahrzehnte Erfahrung und Wissen, er wird zweifelsohne eine große Lücke hinterlassen: Artur Cremans, seit 1980 ununterbrochen Stadtrat, davon 25 Jahre als Fraktionschef der SPD und einige Jahre als ehrenamtlicher Bürgermeisterstellvertreter, verlässt das Gremium. Er blickt auf eine bewegende und bewegte Zeit in der Lokal- und Regionalpolitik zurück – auf wegweisende Beschlüsse, bittere Erlebnisse und Treffen mit Polit-Prominenz wie zum Beispiel Helmut Schmidt.

„Komm, jetzt setzen wir uns mal“, hat der damalige Kanzler zu Artur Cremans gesagt. Es war am Rande der Bundesversammlung 1979, als der junge SPDler aus Schopfheim zu jenen gehörte, die den CDU-Politiker Karl Carstens zum Bundespräsidenten wählten. „Helmut Schmidt war sehr nett, hatte überhaupt keinen Dünkel und hat sich mit mir zehn Minuten sehr freundschaftlich unterhalten.“

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Artur Cremans hatte keine Berührungsängste, den Bundeskanzler bei der Versammlung anzusprechen. „Ich habe ja keine Kommunikationsprobleme“, sagt er heute, Jahrzehnte später.

Die hatte er tatsächlich wohl nie. Weder im Gespräch mit dem Regierungschef der Bundesrepublik, noch mit den Regierungschefs des Schopfheimer Rathauses. „Eigentlich habe ich vier Bürgermeister erlebt“, berichtet der 75-Jährige. Neben den drei Bürgermeistern Fleck, Nitz und Harscher, mit denen er im Gemeinderat zu tun hatte, war es der langjährige Bürgermeister Hans Vetter, der in den 60er Jahren in dem jungen Sozialdemokraten die Lust an der Lokalpolitik weckte: „Eine der Ursachen für meine Begeisterung in der Politik war, dass ich meine Ausbildung unter Vetter im Schopfheimer Rathaus gemacht habe.“

Die Laufbahn zum Verwaltungsbeamten brachte es mit sich, dass man sich mit Dingen wie Gemeindeordnung, Gemeindefinanzen und Politik auseinandersetzt. 1965 wurde Cremans Stadtkassenverwalter. „Aber die Tätigkeit als Kassenverwalter hatte ich relativ früh erreicht. Und ich dachte, das will ich nicht das ganze Leben lang machen.“ Und so kehrte er dem Rathaus den Rücken und fing in der Personalabteilung bei der damaligen Ciba – heute Novartis – in Wehr an.

„Als ich das Rathaus damals verließ, wusste ich, dass ich irgendwann wieder zurückkommen würde“, sagt der gebürtige Schopfheimer. „Aber nicht als Beamter, sondern als Stadtrat. Das hat sich auch bewahrheitet.“ Denn politisch interessiert und aktiv war Artur Cremans schon immer. „Spätestens seit dem Gemeinschaftskundeunterricht bei Meinrad Rümmele“, sagt Cremans und lacht. Rümmele – späterer SPD-Bürgermeisterkandidat und einer von Cremans‚ Förderern – war es auch, der den jungen Mann schon 1963 in die SPD geholt hat. Cremans arbeitete dann zwischendurch von 1969 bis 1972 beim SPD-Bundestagsabgeordneten Walter Faller als Referent. „Da habe ich eine Menge dazugelernt und konnte mir ein Netzwerk aufbauen“, erinnert er sich. 1979 wurde er Mitglied der Bundesversammlung, an deren Rand er Helmut Schmidt traf. Mit einem Grinsen im Gesicht berichtet er vom Besuch der damaligen Bundestagspräsidentin und SPD-Genossin Annemarie Renger in Schopfheim, die er – notgedrungen – ins damalige Kaufhaus Dreikönig führte, um eine zerrissene Strumpfhose zu ersetzen. Eine Begebenheit, die später an der Fasnacht für viele Lacher sorgte.

Ihn selbst hat die Landes- oder Bundespolitik nie gereizt – obwohl er mehrfach als Zweitkandidat des SPD-Abgeordneten Peter Reinelt für den Landtag kandidiert hat. „Man muss seine Grenzen kennen“, sagt Artur Cremans. Die Lokal- und Regionalpolitik sollte es sein. Bei der Kommunalwahl 1980 war es soweit, er zog auf der Liste der SPD in den Gemeinderat seiner Geburtsstadt ein. Und dort sollte er 40 Jahre lang bleiben. Im Gemeinderat saßen in dieser Zeit prägende Personen: Meinrad Rümmele, Walter Faller, Karl Selz, Dieter Leppert und Kurt Härzschel waren für ihn echte Mentoren, sagt Cremans. „Ich habe gelernt, wie man mit den Menschen umgeht und wie man ihnen helfen kann.“

Die Themen, die Schopfheim bewegten, bewegten und bewegen auch ihn. Es waren unzählige. „Ich bereue, dass ich kein Tagebuch geführt habe“, sagt er. Ein paar sehr wichtige Eckpunkte: „Ich habe mich zum Beispiel von Anfang an für den Bau der Umgehungsstraße eingesetzt“, erzählt Artur Cremans. „Ich war Mitbegründer der IG Umgehungsstraße und Ideengeber für eine Demonstration in der Stadt.“ 1994 wurde die Straße schließlich auf ganzer Länge eingeweiht.

Ein weiterer Dauerbrenner: „Bis der SVS ein neues Sportheim bauen konnte, ging es fast über die gesamten 40 Jahre“, berichtet Cremans. „Ich erlebe die Einweihung zwar nicht mehr als aktiver Stadtrat, aber es freut mich sehr, dass es im Gang ist.“ Artur Cremans weiß auch noch, welche heftigen Diskussionen es um das früher noch städtische Krankenhaus gab. „Es gab ständig Reibereien zwischen Bürgermeister und Krankenhausleitung. Wir hatten in der Fraktion irgendwann genug davon und haben forciert, dass das Krankenhaus an den Landkreis ging.“ Ein Thema, das ihn in den vergangenen Jahren im Kreistag, in dem er von 2012 bis 2019 saß, wieder einholte: „Das war eine Verhöhnung der Demokratie“, erinnert er sich an die aus Schopfheimer Sicht bittere Abstimmung für den Zentralklinik-Standort in Lörrach. „Da war von Anfang an klar, dass das Klinikum nach Lörrach soll“, Argumente aus Schopfheim hätten nichts mehr gezählt. „Und heute stöhnt der Lörracher Gemeinderat darüber, was da alles finanziert werden muss.“

Weiterer wichtiger Punkt: „Die Ärzteversorgung ist mir immer noch ein großes Anliegen“, sagt Cremans. „Das wurde im Rathaus lange nicht als kommunale Aufgabe gesehen. Inzwischen ist das anders, Bürgermeister Harscher das im Wahlkampf angekündigt und er hat Wort gehalten.“ Es gibt auch Themen, an denen er bis zuletzt hartnäckig weitergekämpft hat, die aber noch offen sind: Die Zukunft der maroden Uehlin-Häuser, die berühmten „Ohren“ (die kreuzungsfreien Auffahrten auf die B 317) und die Hangentwässerung Eichen. „Bei einem Starkregen und einem eventuellen Hochwasser in Eichen kann ich jedem Eichener nur empfehlen, das Regierungspräsidium zu verklagen“, rät der künftige Alt-Stadtrat. „Politik“, sagt Cremans, „war für mich immer ein Hobby.“ Er habe stets Freude daran gehabt, sich in Themen einzuarbeiten und kritisch nachzuhaken. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt der 75-Jährige rückblickend auf die 40 Jahre im Gemeinderat. „Neugierde, Beharrlichkeit und Ungeduld“, zählt Cremans auf, sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein Stadtrat braucht. Seine Frau und sein Sohn hätten ihn stets unterstützt, ohne die Familie wäre dieses Engagement nicht möglich gewesen.

Warum er jetzt nach 40 Jahren nach nur einem Jahr der neuen Legislaturperiode aufhört? „Als ich erneut kandidiert habe, war mir klar, dass ich nicht die volle Zeit im Rat bleiben werde“, sagt er. Seine Nachfolge sei gut geregelt worden, er sieht die Zukunft der SPD-Fraktion trotz der Verkleinerung auf vier Mandate bei der letzten Kommunalwahl optimistisch. „Ich habe gemacht, was ich konnte und habe mich auch etwas verheizt bei dieser Aufgabe. Und außerdem bereitet mir die jetzige Zusammensetzung des Gemeinderats nicht mehr unbedingt Freude“, ergänzt Cremans, ohne dabei ins Detail zu gehen. „Es gab zuletzt einige komische Beschlüsse, die ich nicht unbedingt mittragen will.“