Eigentlich war die Gams im Schwarzwald im 19. Jahrhundert schon ausgerottet. Jahrzehnte später wanderte sie aus der Schweiz wieder ein und vermehrt sich seitdem in den Höhenlagen recht ungebremst – so wie jetzt am Belchen. Weil Gämsen durch sogenannten Verbiss die natürliche Verjüngung der Natur im Natura-2000-Gebiet bedrohen, sollen sie nun nach einem Vorschlag im Managementplan für den Belchen stärker bejagt werden.

Der Managementplan für das FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat-Gebiet) am Belchen hatte in den vergangenen Wochen für diverse Diskussionen gesorgt – unter anderem, weil in ihm ein Bade- und Angelverbot für den Nonnenmattweiher bei Neuenweg und eine Ausweitung der FFH-Fläche auf weitere landwirtschaftlich genutzte Gebiete vorgeschlagen werden. Der Plan, der bis zum 25. April öffentlich auslag und rege diskutiert wurde, beinhaltet allerdings auch noch eine bemerkenswerte Randnotiz: Weil sich die eigentlich ausgestorbene Gams am Belchen ungestört vermehren konnte, hat die Population mittlerweile eine Größe erreicht, die der Flora zusetzt.

Wer das Wörtchen „Verbiss“ im Entwurf des Managementplans sucht, wird es vor allem im Zusammenhang mit der Gams finden. Die Tiere beißen die jungen Triebe von Nadel- wie Laubbäumen ab, zum Beispiel von Weißtannen und Buchen. Die Hinterlassenschaften der Gämsen dagegen sorgen für eine „Eutrophierung“ des Bodens – sprich: für eine Übersättigung des Bodens mit Nährstoffen, was die Pflanzenwelt beeinträchtigt. Die Landesforstverwaltung meldete das Problem vor der Erstellung des Managementplans ans zuständige Regierungspräsidium. Im Entwurf findet sich nun im Kapitel „Erhaltungsmaßnahmen“ auch der Vorschlag, „Bejagungsschwerpunkte bilden“, was ausschließlich die Gams betrifft. „Eine intensive Bejagung mit dem Ziel einer deutlichen Reduzierung der Gamswild-Population wird der Verarmung der Boden- und Felsvegetation in den stark durch Verbiss und Tritt belasteten Lebensraumtypen“ entgegensteuern. Die Fläche der intensiveren Gamsjagd solle zunächst auf die am stärksten durch Verbiss beeinträchtigten Bereiche beschränkt werden, könne jedoch auch darüber hinaus „nötig werden beziehungsweise jetzt schon zur Verbesserung der Bodenvegetation und Verjüngungssituation umgesetzt werden“, heißt es im Text.

Walter Kemkes, Geschäftsführer des Biosphärengebiets Schwarzwald, kennt sich in Sachen Gämsen und Gamsjagd am Belchen bestens aus. „Die Gams ist eine per Gesetz jagbare Wildart“, sagt Kemkes. Im Zeitraum September bis Ende Januar sei eine Jagd auf Gämse möglich. Das Tier sei nach seinem Aussterben im 19. Jahrhundert in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder im Schwarzwald aufgetaucht und habe sich ohne natürliche Feinde schnell vermehrt.

Die Gams besiedelt gerne die Hochlagen der europäischen Gebirge. Im Schwarzwald lebt sie in den höheren Waldlagen. Und genau dort sucht das Tier nach Nahrung, „damit kommen wir nun zum eigentlichen Problem“, sagt Kemkes. „In unserer Region wird versucht, absterbenden Fichtenwälder mit kleinen Tannen und Buchen und der einen oder anderen weiteren Baumart eine Chance zu geben.“ Angesichts des Klimawandels sei es wichtig, die lange vorherrschende Fichte durch diverse Baumarten zu ergänzen beziehungsweise auch zu ersetzen – Kemkes nennt Trockenheit, Stürme und den Borkenkäfer als Bedrohungen für die Bergwälder. „Junge Bäume schmecken aber besser als alte. Das weiß auch die Gams.“ Folglich sei diese Verjüngung durch die Tiere gefährdet. „Der Prozess, der normalerweise 30 bis 50 Jahre dauern würde, kann vielleicht 100 Jahre oder länger dauern, wenn die Bäume immer wieder zurückgebissen werden.“

Auch Bodenerosion ist ein Gams-Problem

Auf Nachfrage nennt RP-Sprecherin Heike Spannagel zahlreiche Beispiele für die Probleme, die die Gams verursacht. Daraus lässt sich ablesen, dass die Natur angesichts des Gamsverbisses vor allem in Steillagen kaum in der Lage ist, sich selbst zu regenerieren; die Pflanzen- und damit auch die Lebewesenvielfalt in diesen Steilhängen sei gefährdet. „Können Wälder in Steillagen nicht natürlich verjüngt werden, verlieren sie ihren natur- und artenschutzschutzfachlichen Wert und sie können ihre vielfältigen Waldfunktionen nicht mehr erfüllen“, heißt es in einer Antwort des Regierungspräsidiums auf die Anfrage. „Insbesondere die Bodenschutzwaldfunktion leidet. Erosionserscheinungen wie zum Beispiel Muren können als negative Folgen auftreten. Aufwändige, teure Pflanzaktionen werden erforderlich und müssen ihrerseits wieder gegen Wildverbiss geschützt werden.“

In welchem Umfang Gämsen rund um den Belchen bejagt werden sollen, ist im Entwurf des Managementplans noch nicht enthalten. Derzeit werden die eingegangenen Stellungnahmen zum Plan gesichtet, eine Endfassung liegt noch nicht vor.