Der Fleisch-Großindustrie drohen harte Einschnitte – was aber eine Chance für kleine Schlachthäuser sein kann, von denen Schopfheim gleich zwei hat. Aus Sicht der Ortsteilchefs und Nutzer gibt es gute Gründe, an ihnen festzuhalten statt sie aus Spargründen zur Schlachtbank zu führen. Gerade für die Direktvermarktung geht es in dieser Frage buchstäblich um die Wurst.

In Raitbach teilen sich Feuerwehr und Schlachtraum dasselbe Gebäude.
In Raitbach teilen sich Feuerwehr und Schlachtraum dasselbe Gebäude. | Bild: Martin Klabund

Fleisch ist in aller Munde, selbst bei jenen, die es nicht essen. Wird doch die industrielle Schlachtung derzeit in der öffentlichen Debatte zerlegt. Frei nach dem Motto: Geiz ist eben nicht immer geil. Genau so argumentieren auch Gersbachs Ortsvorsteherin Ann-Bernadette Bezzel und Raitbachs Ortsvorsteher Wilhelm Tholen, wenn sie auf ihre Schlachthäuser angesprochen werden – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Weil beide Einrichtungen jährlich mit einem Minus abschneiden, sorgt sich mancher, dass ein Schlachthaus geopfert werden könnte. Zwar muss die Stadt jetzt nicht allzu sehr bluten, aber mit einem Minus von 8600 Euro (Gersbach) und rund 3000 Euro (Raitbach) im Jahr 2019 sind beide ein Zuschussgeschäft. Abwegig ist es da nicht, dass in Zeiten der Sparschwein-Schlachtungen auch die Schlachthäuser in den Blick geraten. Wie Bürgermeister Dirk Harscher auf Nachfrage sagt, „stehen die Schlachthäuser aktuell zwar nicht zur Debatte“. Allerdings: „Wie alle städtischen Gebäude werden wir uns auch die Schlachthäuser ansehen.“

Nutzer und Ortsvorsteher sind alarmiert. Sind die Schlachthäuser doch aus vielerlei Gründen eine Art heilige Kuh. Ann-Bernadette Bezzel etwa weist darauf hin, dass das Schlachthaus „wichtig fürs Dorf ist“. So wird es etwa für viele Feste – nicht zuletzt das große Weidefest – benötigt, erklärt Willi Greiner von der Erzeugergemeinschaft Gersbach-Wies. Ganz abgesehen davon steckt im Gersbacher Schlachthaus wie in vielen Einrichtungen – seien es Vereinsräume, Bergkopfhalle oder Info-Pavillon – viel Eigenleistung. In diesem Fall ganz gewaltig viel: Praktisch das ganze Schlachthaus, Anfang der 1990er Jahre als EU-Pilotprojekt gebaut, ist mit Ausnahme von Dachaufbau und Kühlanlage in Eigenleistung entstanden. Aber vor allem geht es um die Bedeutung für die Landwirte.

Ein Stichwort fällt dabei immer wieder: Direktvermarktung. Es sind jene Bauern, die Fleisch selber verkaufen, die den Schlachthof nutzen, erläutert Willi Greiner. 2019 wurden 76 Tiere in Gersbach geschlachtet (Vorjahr 65), überwiegend Großvieh. Drei Metzger gibt es in Gersbach, sagt Ann-Bernadette Bezzel. 16 Bauernbetriebe nutzen das Schlachthaus, buchen sich bei den Metzgern ein oder bringen Metzger von außerhalb mit.

Schlachtungen vor Ort stärken das Tierwohl

Für Direktvermarkter sei es existenziell wichtig, dass sie vor Ort schlachten und verkaufen können, sagt Willi Greiner. Kommen weite Fahrwege dazu – etwa nach Waldshut, wo seit der Schließung des Lörracher Schlachthofs jene Tiere geschlachtet werden, die an eine hiesige Einzelhandelskette gehen, – wird es für Direktvermarkter unattraktiv. Zumal bei traditionellen Rassen wie dem Hinterwälder-Rind. Diese Tiere geben weniger Fleisch her als neuere Züchtungen und würden deshalb schlechter vergütet, wenn sie an den Handel verkauft würden. „Sie entwickeln nicht solche Muskelberge, dadurch ist der Preis schlechter“, erklärt auch Ann-Bernadette Bezzel. „Überhaupt sind die Verkaufsketten, die hinten dran stehen, daran interessiert, die Ausgaben zu minimieren.“ Abgesehen davon: Mancher Direktvermarkter hat nicht nur Rinder, sondern auch Schweine, Ziegen oder Schafe. Doch noch ein anderer Punkt spreche für ortsnahes Schlachten: das Tierwohl. „Natürlich ist der Tierschutz besser gewährleistet, wenn die Wege kurz sind. Und das sind sie hier: Das Tier kann direkt von der Weide ins Schlachthaus laufen.“

Vor Ort zu schlachten und verkaufen habe überhaupt viele Vorteile, sagt Ann-Bernadette Bezzel: „Der Kunde kennt den Bauern, das Tier, weiß, wie es gehalten wird und dass es nicht stundenlang durch die Gegend gekarrt werden muss. Denn das ist für Tiere eine enorme Belastung.“ Schlachten vor Ort bedeute „einen wesentlich geringeren Stressfaktor“. Christian und Anita Schmidt, die regelmäßig das Schlachthaus nutzen (zehn bis 15 Tiere im Jahr) können das bestätigen: „Die Tiere werden bis zum letzten Atemzug vom Bauern begleitet“, das bedeute weniger Adrenalinausstoß und somit „eine bessere Fleischqualität“. Auf die kurzen Wege weist auch Landwirt Christian Strütt hin. „Das nächste Schlachthaus ist weit und alle schreien im Moment nach Tierwohl. Das ist mit langen Fahrtwegen aber nicht mehr gegeben.“ Bei einer Schließung hätten insbesondere junge Landwirte „keine Zukunft, ihre Selbstvermarktung zu realisieren“.

Raitbachs Ortsvorsteher Willi Tholen sieht das mit den Wegen genauso. Wenn Tiere erst nach Waldshut zum Schlachten, dann nach Emmendingen zum Zerlegen und dann zurück in die Verkaufsregale transportiert werden, „ist das nicht mehr regional“. In Raitbach waren es im vergangenen Jahr rund 200 Schlachtungen, allerdings darunter im Vergleich zu Gersbach mehr Kleinvieh. Genutzt wird der Schlachtraum von Raitbacher Bauern – im Dorf gibt es noch fünf Voll- und sechs Nebenerwerbslandwirte –, aber etwa auch von Landwirten aus Eichen und aus Zell beziehungsweise dem Oberen Wiesental. Raitbach werde von Auswärtigen gerne genutzt, weil es gut gelegen und erreichbar sei. Die Diskussion über die Schlachthäuser sei nicht neu, „sie ist schon lange im Gange“. Tholen hat als Schlachthofleiter aus Kostengründen auch schon Schäden selber ausgebessert. Auch in Gersbach gibt es Überlegungen, die Zahlen zu verbessern, indem etwa kleinere Wartungen selbst erledigt werden und der Stromverbrauch gesenkt wird. Wie Willi Greiner erläutert, wäre Letzteres in den Sommermonaten denkbar, wo nicht geschlachtet werde. Dann nutze eigentlich nur der Forst das Schlachthaus für die Jagd.

Fleisch aus Direktvermarktung ist nicht unbedingt teurer

Zerschlagen hat sich indes die Idee, das Schlachthaus an einen Metzger vom Hotzenwald zu vermieten. Dieser bot laut Ann-Bernadette Bezzel zwar eine Zusammenarbeit mit den Landwirten an, hätte dann aber ausschließlich selber schlachten wollen. Daran sei die Sache gescheitert. Allerdings weist sie noch auf etwas ganz anderes hin: Würde Direktvermarktung nicht nur gelobt, sondern auch mehr genutzt, würde sich das positiv auf die Zahlen und damit die Einnahmen (Schlachthausgebühren) auswirken. „Wenn die Direktvermarktung noch besser laufen würde, würden auch noch mehr Bauern schlachten. Doch da klemmt es, obwohl ja viele für das Tierwohl sind. Dabei ist das Fleisch aus der Direktvermarktung gar nicht teuer. Im Gegenteil. Es ist sogar günstig – nur muss man eben größere Mengen abnehmen und benötigt eine Gefriertruhe.“ Sie fände es sinnvoll, wenn beide Schlachthäuser erhalten blieben. „Die Defizite sind nicht so brutal. Ja, es ist ein Zuschussbetrieb – aber auch eine Förderung der lokalen Bauern.“