Dass auf dem Schopfheimer Wochenmarkt Maskenpflicht gilt, ist bekannt. Dass das Ordnungsamt hier kontrolliert – manchmal ermahnt, manchmal verwarnt. Nach eigenen Angaben machen die Mitarbeiter der Behörde das mit „Augenmaß“. Nun hat sich Marktbeschicker Gerhard Brombacher an die Zeitung gewandt: Er habe nach Ende des Marktes zum Abbau seines Standes nur kurz die Maske abgelegt – und muss sofort saftige 128,30 Euro Strafe zahlen. Augenmaß, so der 82-Jährige, sieht anders aus. Er fühlt sich ungerecht behandelt.

Gerhard Brombacher ist seit mehr als 50 Jahren Standbetreiber auf dem Schopfheimer Wochenmarkt. Keiner baut seinen Stand seit längerer Zeit hier auf. Der Senior aus Kandern-Holzen verkauft vor allem Eier und Geflügel aus eigener Herstellung. Auch die Corona-Krise mitsamt ihren vielen Auflagen nicht nur für Marktbesucher, sondern auch für die Standbetreiber hielt ihn nicht ab, jeden Mittwoch und jeden Samstag seinen Stand aufzubauen und seine Erzeugnisse zu verkaufen. So tat er das auch am 16. Januar, einem verschneiten Samstag in diesem Frühjahr. „Der Markt war bereits beendet, es war kurz vor 13 Uhr“, berichtet Gerhard Brombacher.

Brombacher spricht von Provokation ersten Ranges

Es war kaum noch etwas los, seine Standnachbarn hätten ihre Stände längst abgebaut oder waren am Einpacken – so begann auch Brombacher mit dem Abbau. „Unter schwierigen Verhältnissen, mit Schnee und Parkplatzproblemen“, schildert der Senior, der betont, dass er am Marktstand während des Verkaufs „den ganzen Vormittag Maske getragen“ habe. Weil er mit 82 Jahren mit Bronchialasthma beim anstrengenden Schleppen seiner Kisten ordentlich nach Luft schnappen muss, habe er die Maske abgelegt. „Ich habe gerade die letzten Teile eingeladen, da kommt kurz vor ein Uhr ein Mitarbeiter des Ordnungsamts. Es war niemand mehr da. Es war eine Provokation ersten Ranges.“

Er sei – obwohl um ihn herum kein Mensch mehr zugegen gewesen sei und er die Maske unverzüglich wieder angelegt habe – zu einer saftigen Strafe verdonnert worden. Ein ärztliches Attest wegen seines Asthmas, das ihn von der Tragepflicht der Maske befreien würde, habe er vom Hausarzt nicht bekommen, bei einem entsprechenden Facharzt seien kaum Termine frei.

100 Euro Strafe zuzüglich 25 Euro Verfahrenskosten und 3,50 Euro Auslagen – 128,50 Euro muss der Senior insgesamt berappen, und darüber ärgert er sich. „Ich gebe zu, ich habe in diesem Moment keine Maske getragen. Aber auf der einen Seite gibt es Vorschriften, auf der anderen Seite die Frage, wie man sie auslegt“, sagt der Marktbeschicker. „Ich denke, in diesem Fall war es eindeutig überzogen – vom Zeitpunkt und den Umständen her.“ Der betreffende Mitarbeiter des Ordnungsamts sei außerdem unter den Verkäufern bereits als „Marktschreck“ berüchtigt. Es gebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die deutlich kulanter seien.

Brombacher ärgert noch eine zweite Sache: Er habe beobachtet, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. „Passanten ohne Maske werden bei Missachtung vom Ordnungsdienst ermahnt“, sagt Gerhard Brombacher. „Bei den Marktbeschickern wird mit erheblichen finanziellen Folgen unverzüglich Anzeige erstattet.“ Das sei nicht nur in seinem Fall zu beobachten gewesen. Gerhard Brombacher betont, dass er grundsätzlich überhaupt nichts gegen die Maskenpflicht und die Corona-Maßnahmen habe.

37 Anzeigen seit Jahresbeginn 2021

Er sei eigentlich ein gewissenhafter Maskenträger und habe sich gemeinsam mit seinem Sohn auch schon erfolgreich um einen Impftermin bemüht. Aber die Durchsetzung der Maskenpflicht auf dem Wochenmarkt könnte in den Augen des Marktbeschickers doch etwas gerechter gehandhabt werden – werden doch unter anderem im Gemeinderat auch immer wieder Stimmen laut, die eine zu lasche Handhabung der Kontrollen unter den Marktbesuchern monieren.

Wie positioniert sich das Ordnungsamt? „Grundsätzlich gilt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vollzugs die Vorgabe, mit Augenmaß zu kontrollieren“, schreibt Marcus Krispin, Pressesprecher der Stadtverwaltung, auf Nachfrage. „Eine Anzeige wird erstattet, wenn überhaupt keine Maske in den dafür vorgesehenen Bereichen getragen wird.“ Zum vorliegenden Fall könne die Stadt keine Informationen geben.

Im Jahr 2021 wurden auf dem Markt insgesamt 37 Anzeigen ausgesprochen. „Wichtig ist, dass die Stadt Schopfheim in den genannten Bereichen mit Maskenpflicht erst seit dem 19. Februar für die Bußgeldbescheide verantwortlich ist“, so Krispin. Davor wurden die Anzeigen an das Landratsamt Lörrach übermittelt. In welchen Fällen ein Bußgeld ausgesprochen wurde, ist der Stadt nicht bekannt. Dass es dabei eine Ungleichbehandlung von Marktbeschickern und Marktbesuchern gebe, kann Krispin nicht bestätigen. Gerhard Brombacher hat da seine eigene Interpretation: „Marktbesucher müsste man anhalten, sie befragen und die Personalien aufnehmen, bevor man eine Strafe aussprechen kann“, sagt der 82-Jährige. „Das ist aufwendig. Die Personalien und Anschriften der Marktbeschicker sind bekannt.“