Liegt mit giftigem Teer belastetes Material in den Wäldern des Kleinen Wiesentals? Diese Frage tauchte am Mittwoch in der Gemeinderatssitzung auf, als Alexander Ziegler nachfragte, ob und wenn ja wo genau in den Wäldern der Gemeinde Erdaushub und geschredderter Asphalt aus den Nahwärmenetz-Baustellen für die Waldwegebefestigung genutzt wurde. Laut Bürgermeister Schönbett ist das Material ungiftig – es wurde allerdings Anzeige wegen eines Umweltvergehens erstattet und die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach.

Es war schon spät geworden in der Mehrzweckhalle, als Alexander Ziegler beim Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ das Wort ergriff. Er habe gehört, dass im vergangenen Jahr mit sogenannten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen – abgekürzt PAK – belasteter Erdaushub und gefräster Asphalt von den Nahwärme-Baustellen Lkw-weise an verschiedenen Stellen im Kleinen Wiesental zum Ausbessern der Waldwege benutzt worden sei. Mehr noch: Das Zeug sei an verschiedenen Stellen im Wald in großem Umfang abgelagert worden. PAK gelten als krebserregend. Ziegler fürchtete, dass dieses Material irgendwie Eingang in die Wasserversorgung – Stichwort: Quellgebiete – finden und so zu einer Gesundheitsgefahr werden könnte.

Außerdem wollte der Gemeinderat aus Elbenschwand wissen, wer für eventuelle Folgen haftet und wer finanziell dafür geradestehen muss, wenn dieses Material für viel Geld wieder aus den Waldwegen ausgegraben werden muss. Überdies gebe es inzwischen eine Strafanzeige gegen unbekannt wegen möglicher Umweltgefährdung.

Die angesprochene Anzeige existiert tatsächlich. Lanciert hat sie der Verein „Schwarzwald Vernunftkraft“, besser bekannt als Bürgerinitiative Schwarzwald Gegenwind um ihren Sprecher Bernd Fischbeck, die Anzeige liegt uns vor. Über eine Karlsruher Anwaltskanzlei wird hier der „dringende Verdacht der rechtswidrigen Verbringung und Ablagerung von PAK-haltigem Straßenabraum im Wald und in Quellgebieten und auch in einem Gewässer durch Abrutschen aufgrund unsachgemäßer Lagerung“ vorgebracht. Der Abraum stamme aus den Nahwärme-Baustellen in Wies, Tegernau und Neuenweg. Zudem hätten Anwohner beobachtet, dass auch Schutt von einer Baustelle der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) ins Kleine Wiesental gefahren worden sei.

Auch Alexander Ziegler stellte am Mittwochabend die Frage, ob Schutt aus Schönau im Spiel sei. Er monierte überdies auch, dass man sich „im Gemeinderat oft stundenlang über einen Scheißdreck“ streite (nämlich um Einsparungen im niedrigen dreistelligen Bereich), während die Gemeinde gleichzeitig riskiere, für teure Umweltschäden aufkommen zu müssen. Bürgermeister Gerd Schönbett reagierte im Gemeinderat ungewohnt aufgebracht auf Zieglers Anfrage. Es seien „haltlose Vorwürfe, die hier einfach in den Raum gestellt werden“. Es sei „garantiert nirgends belastetes Material irgendwo in Quellgebieten ausgebracht“ worden. Schon gar kein Fräsmaterial aus dem Straßenbelag.

Bürgermeister droht Ziegler mit Rauswurf

Angesichts der mit Kraftausdrücken garnierten Anwürfe drohte der Bürgermeister, Ziegler des Saals zu verweisen. Schönbett erklärte, dass sämtliches Material, das an verschiedenen Stellen zur Ausbesserung der Waldwege eingebaut worden sei, seines Wissens nach gründlich beprobt und als unbedenklich eingestuft worden sei. Er bot Ziegler eine Begehung im Wald an, damit sich dieser selbst ein Bild machen könne – „und wenn sich herausstellt, dass nichts dran ist, erwarte ich eine öffentliche Entschuldigung“, so der Bürgermeister. Er räumte allerdings auch ein, dass – falls an diesem Verdacht irgendetwas Wahres sei und Kosten für die Beseitigung belasteten Materials anfielen – „derjenige haftbar ist, der das veranlasst hat“. Und das sei in diesem Fall die Gemeindeverwaltung in Absprache mit der Forstverwaltung gewesen.

Der Wieser Ortsvorsteher Rolf Vollmer versuchte, etwas zur Aufklärung beizutragen: Zumindest das Material, das rund um Wies in den Waldwegen verbaut worden sei, „ist sogar doppelt beprobt und als unbedenklich eingestuft worden“. Was bei der Beprobung als belastet aussortiert wurde, sei als Sondermüll entsorgt worden. Es gebe dazu einen entsprechenden Laborbericht. Auch Gemeinderätin Patricia Fromm – vor einigen Wochen hatte sie sich im Ortschaftsrat Wies noch gegen die Ausbringung des Materials ausgesprochen – erklärte, dass ihre Bedenken vom Tisch seien, nachdem sie Kenntnis von diesem Laborbericht bekommen habe.

Gleichwohl räumte auch Rolf Vollmer ein, „dass nicht jedes Körnli“ einer Probe unterzogen worden sei. Und so liegt der Fall jetzt wegen der Anzeige der Bürgerinitiative bei der Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen. Deren Sprecher Michael Blozik bestätigte auf Nachfrage den Eingang der Anzeige. Es sei ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet worden, „um zu prüfen, ob der Anfangsverdacht eines Umweltvergehens besteht“. Wann hier mit einem Ergebnis zu rechnen ist und ob anschließend tatsächlich Ermittlungen aufgenommen werden, ist noch unklar.

Bürgermeister Schönbett erklärte auf Nachfrage am Donnerstag, es sei für ihn nicht überraschend, dass sich die Bürgerinitiative nun „ein neues Betätigungsfeld gesucht“ habe, nachdem es auf deren eigentlichem Fachgebiet – der Verhinderung des geplanten EWS-Windparks am Zeller Blauen – keine neuen Entwicklungen gebe. Es sei ein „bekanntes Spiel, Anzeige gegen unbekannt zu erstatten, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen“.