Herr Dümmig, ein Wechsel in die Heimatstadt wird einem selten übel genommen – auch wenn den Abschied viele schade finden. Ist das bei Ihnen auch so?

Das kann man so sagen. Es war schon von Anfang an meine Hoffnung, dass ich in meine Heimatstadt zurückkehren kann. Und jetzt kam sehr kurzfristig die Chance, das Revier in Emmendingen zu leiten, und es war klar, dass ich da sofort zuschlagen würde. Dafür hatte auch jeder Verständnis; hier im Haus, aber auch außerhalb. Ich hatte hier allerdings dreieinviertel Jahre, von denen ich keines missen möchte.

Ihre Zeit in Schopfheim war sehr ereignisreich; vor allem das vergangene Jahr hat viel Neues gebracht. Hätten Sie zu Beginn gedacht, dass Sie eines Tages eine Ausgangssperre überwachen werden müssen?

Nein. Es ist ja in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in der wir glücklicherweise leben, eigentlich unvorstellbar, dass persönliche Freiheiten dermaßen eingeschränkt werden. Und wir alle sehen ja täglich, wie schwer es uns fällt, sich daran halten zu müssen. Für uns als Polizei ist es doppelt schwer, da den Schiedsrichter spielen zu müssen und Menschen daran zu hindern, sich zu treffen. Wir sind alle soziale Wesen. Als das im März losging, hat es eine Weile gedauert, bis wir das verinnerlicht hatten.

Wie sehr musste sich die Polizei auf die neue Aufgabe umstellen? Und wie sehr ist die Polizei in der Pandemie Ordnungshüter und wie sehr Schlichter und Sozialarbeiter?

Es war am Anfang vor allem wichtig, unsere internen Prozesse umzustellen. Wir sind eine Bürgerpolizei, die gerne Kontakt zu den Menschen hat. Das ist unsere Aufgabe. Wir mussten sicherstellen, dass wir uns selbst beim Kontakt mit den Bürgern – 24 Stunden am Tag – nicht infizieren. Während der ersten Welle im März gab es fast jeden zweiten Tag eine neue Verordnung, die vieles wieder über den Haufen geworfen hat. Wer die Umsetzung von Verordnungen überwachen soll, muss aber Rechtssicherheit haben. Hier war die Hauptaufgabe, diese neuen Regeln aufzubereiten und an die Kollegen weiterzugeben. Denn die müssen den Bürgern kompetent Auskunft geben können. Inzwischen hat das Nachschlagewerk für die Kollegen neun Seiten Umfang.

Was ist denn in der Pandemie mit ihren vielen Verordnungen das Auffälligste, was Sie bei den Bürgern beobachten?

Wir haben strenge Ausgangsbeschränkungen. Und trotzdem treffen die Beamten jeden Abend auf Menschen, die einfach nur spazieren gehen. Wir treffen jeden Abend noch auf Autos, in denen vier junge Männer aus vier verschiedenen Haushalten zu einem Umtrunk bei einem Freund fahren. Wir haben jede Nacht Jugendliche, die sich treffen. Das sind keine triftigen Gründe, die man eigentlich bräuchte. Am Anfang haben wir da sehr lange ermahnt und erinnert, aufgeklärt und gebeten. Inzwischen sind wir zur Sanktionspraxis übergegangen und schreiben Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten.

Haben Sie den Eindruck, dass es in Schopfheim und Umgebung problematischer ist, diese Verordnungen umzusetzen?

Ich denke, dass wir im Wiesental eine sehr verantwortungsbewusste Bevölkerung haben. Dabei hilft sicher, dass wir hier mehr Raum haben als in Ballungsgebieten. Die Menschen können raus und stehen sich nicht in der Stadt gegenseitig auf den Füßen herum. Es gibt einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung, der eine andere Ansicht hat. Es gibt auch die mit einem gefährlichen Hang zur Ignoranz. Aber wir haben auch viele, die einfach in Sorge sind. Und wenn da im Rahmen der Möglichkeiten protestiert wird, ist das völlig in Ordnung. Da blieb alles im Rahmen.

Sind die Diskussionen um die Maskenpflicht nicht ermüdend?

Das gehört bis zu einem gewissen Punkt dazu. Diskussionen sind unser tägliches Brot, das machen wir auch gerne. Ich finde es allerdings gefährlich, dass sich mittlerweile vereinzelt auch Mediziner, die es sicher besser wissen könnten, den Corona-Leugnern bewusst anschließen und wir es vermehrt mit nicht zutreffenden Gesundheitszeugnissen zu tun haben. Das macht es uns schwer und bringt außerdem all die Menschen in Misskredit, die wirklich gesundheitliche Probleme beim Tragen einer Maske haben.

Wie sehr stellt Corona denn die Polizeistatistik auf den Kopf?

Da gibt es in der Tat auch erfreuliche Entwicklungen. Wir haben zum Beispiel viel weniger Wohnungseinbrüche – das ist ja auch kein Wunder, wenn die Menschen abends zu Hause sind. Und wir stellen zum Glück fest, dass eine Befürchtung nicht eingetroffen ist: Der Lockdown hat aus unserer Wahrnehmung zumindest hier und zumindest bis jetzt nicht zu einer deutlichen Zunahme von häuslicher Gewalt geführt. Es gingen ja viele davon aus, dass es einen eklatanten Anstieg geben würde. Wir haben auch weniger Fälle von Vandalismus. Das Leben in der Öffentlichkeit geht drastisch zurück, nach 20 Uhr ist die Stadt wie ausgestorben. Es ist befremdlich, aber es ist eben genau das, was wir zurzeit brauchen.

Weiten wir den Blick von Corona auf Ihre gesamte Dienstzeit in Schopfheim. Was sind denn Ihre Eindrücke von der Entwicklung in Schopfheim?

Man kann insgesamt mit der Entwicklung zufrieden sein. Das Polizeirevier Schopfheim bedient einen riesigen Bereich bis zu Feldberg und Belchen. Da ist es anspruchsvoll, in der Fläche so präsent zu sein, wie wir uns das vorstellen. Die Jugendkriminalität hat mir in den vergangenen Jahren vor allem im Oberen Wiesental Sorgen bereitet. Heute haben wir alle Partner in diesem Zusammenhang an einen Tisch geholt und die Situation hat sich erheblich verbessert. Wir haben das Problem nachhaltig an der Wurzel gepackt. Was den Revierbereich außerdem besonders macht, ist die hohe Zahl an Betäubungsmitteldelikten. Das bereitet einem dann Sorgen, wenn sich Schwerpunkte herauskristallisieren, wie etwa in Maulburg an der Tribüne des Alemannenstadions. Dort konnten wir einen großen Erfolg verbuchen. Ich hoffe, dass wir solche Dinge weiterhin vermelden können. Die Ermittlungen in diesem Bereich sind allerdings sehr zeitintensiv und binden sehr viel Personal.

Stichwort Personal: Wie ist das Polizeirevier Schopfheim da denn inzwischen ausgestattet?

Es freut mich, dass wir zahlreiche Abgänge mit motivierten jungen Kollegen kompensieren können. Es gab da eine Talsohle und einen Mangel an Nachwuchs. Dem wurde von Landesseite aus mit einer Ausbildungsoffensive gegengesteuert und das bekommen wir nun zu spüren. Wir erfahren im Frühjahr in erstmals seit langem wieder eine Verstärkung der Personaldecke.

Wie ist die Polizei in Schopfheim am Ende Ihrer Dienstzeit grundsätzlich ausgestattet?

Das Revier ist bald technisch wie baulich auf einem ganz anderen Stand als vor meiner Zeit. Wir konnten im Bereich der digitalen Anbindung des Polizeireviers eine deutliche Verbesserung erzielen. Der Gewahrsam in unserem Polizeirevier wird nun nach der aktuellsten technischen Richtlinie umgebaut. Kommende Woche beginnen Bauarbeiten.

Gibt es in Sachen Sanierung noch weitere Pläne?

Mittelfristig wird dann das komplette Gebäude generalsaniert. Denn die Entscheidung steht, dass die Polizei an diesem Standort in der Hebelstraße bleibt. Das ist der richtige Platz, die Polizei gehört hierher. Ich kann jetzt zwar leider nicht mehr aus unmittelbarer Nähe sehen, wie sich die Dinge, die wir in vielen Diskussionen angestoßen habe, entwickeln. Aber ich kann das Revier verlassen im Wissen, dass man mit der Ausstattung hier gute Polizeiarbeit leisten kann.

Was erwartet Sie in ihrer Heimatstadt Emmendingen im neuen Job?

Ich bin froh, dass ich dort auch Revierleiter sein darf. Ich habe dort 1996 mit einem Praktikum meine Karriere bei der Polizei begonnen. Im Vergleich zu Schopfheim gibt es einen Polizeiposten und einige Beamte mehr. Ich kenne das Gebiet sehr gut, weil ich dort mehrere Jahre im Streifendienst tätig war. Das war im Wiesental anfangs etwas schwierig, weil ich das Gebiet kaum kannte. Deshalb war es hier umso wichtiger, dass ich hier immer auf sehr offene Türen und sehr nette Menschen gestoßen bin.

Wie wird denn Ihr Abschied aufgefasst?

Mit vielen Partnern – zum Beispiel Feuerwehr und Rotes Kreuz – habe ich sehr eng und sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet. Das macht den Abschied natürlich nicht leichter. Das soll aber unter meinem Nachfolger, der hoffentlich spätestens Anfang Februar feststeht, so bleiben.

Fragen: Nicolai Kapitz