Gemeinsame Aktivitäten wie Wandern helfen gegen Einsamkeit.
Gemeinsame Aktivitäten wie Wandern helfen gegen Einsamkeit. | Bild: Monika Weber

Zum „Welttag für seelische Gesundheit“, am vergangenen Samstag, wurde unter dem Motto „Psychische Gesundheit für alle“ Werbung für mehr Investitionen und einen besseren Zugang zu Hilfsangeboten für psychisch Kranke gemacht. „Für jeden, überall“, heißt es in der Kampagne des Landessozialministeriums. Anlass genug, den Blick auf ein Tabu-Thema zu lenken, das auch in der Region Menschen beschäftigt. Das Evangelische Sozialwerk um Geschäftsführer Martin Mybes möchte Angebote für suizidgefährdete Senioren machen.

„Der Gedenkgottesdienst für Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, wird voller“, berichtet Martin Mybes von sichtbaren Zeichen eines immer größer werdenden Problems. Wenn Menschen freiwillig aus dem Leben scheiden, wird darüber normalerweise nicht berichtet, um Nachahmung zu vermeiden. Dies hat aber auch zur Folge, dass das erschreckende Ausmaß nicht wahrgenommen wird. Der Leiter des Evangelischen Sozialwerks schlägt Alarm: „Die Zunahme von Depression ist Fakt mit allen fatalen Folgen bis hin zur Selbsttötung. Es verändert sich was. Den Menschen geht es im Alter nicht gut.“

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention nennt Zahlen, die aufrütteln sollten: In Deutschland nehmen sich mehr als 10.000 Menschen jährlich das Leben. Davon sind über 40 Prozent über 60 Jahre und älter, bei einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von knapp 28 Prozent. Fast alle zwei Stunden stirbt ein Mensch über 60 Jahre in Deutschland durch die eigene Hand. Durch die demographische Entwicklung werde das Problem noch zunehmen, spricht Mybes an. Häufig sei es ein stiller Tod, weshalb eine deutlich höhere Dunkelziffer vermutet wird, etwa wenn lebenswichtige Medikamente nicht mehr eingenommen werden oder die Nahrung verweigert wird. Es sei kein Massenphänomen, doch man solle sich das Problem bewusst machen und nicht aus Rücksichtnahme verschweigen, sondern angehen.

Der Freitod älterer Menschen erscheint akzeptabler als die Selbsttötung von Jüngeren. Bei ihnen werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dies zu verhindern. Trotz des deutlich höheren Suizidrisikos im Alter gibt es hier vergleichsweise geringe Anstrengungen zur Prävention. „Das kann nicht sein“, findet Mybes. Er schätzt, dass es in Schopfheim aktuell etwa zwei Dutzend ältere Menschen gibt, die akut gefährdet seien, ihrem Leben ein Ende zu setzen. „Die holen sich aber keine Hilfe.“ Männer sind sogar noch viel stärker betroffen als Frauen. 85-jährige Männer hätten eine fünfmal höhere Suizidrate als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Um helfen zu können, müsste man jedoch erst einmal davon erfahren. Dann dürfe man sich aber nicht mit einem Helfersyndrom draufstürzen, da brauche es Fachleute. Martin Mybes schwebt eine Art Task Force, eine schnelle Eingreiftruppe von geschulten Fachleuten vor, die dann zum Einsatz kommt, „wenn wir von so einer Situation hören“. Es sind einige Faktoren bekannt, die zu einer gewissen Lebensmüdigkeit führen können und in einem schleichenden Prozess schließlich im Freitod enden können. Menschen im Umfeld von Senioren zu sensibilisieren, erste Anzeichen einer Gefährdung wahrzunehmen, könnte ein erster Schritt sein. So, wie es zum Thema Demenz Veranstaltungen gibt, wäre dies auch für das Suizidthema denkbar. „Das ist allerdings deutlich anspruchsvoller als bei Demenz“, so Mybes. Noch gebe es zu wenig professionelle Hilfsangebote für alte Menschen, und die Vorhandenen würden zu selten angenommen.

Falsche Ernährung führt zu Depressionen

Altersarmut, Alkoholabhängigkeit, Verwahrlosung mit verschmutzter Kleidung, mangelnder Hygiene bis hin zu einer vermüllten Wohnung – die Palette der Faktoren, die in die Depression führen, ist lang. Wenn das eigene Leben als nutzlos empfunden wird, insbesondere, wenn der Partner bereits verstorben ist, ziehen sich viele ältere Menschen mehr und mehr zurück. Wenn es dann keine geregelten Mahlzeiten mehr gibt, Frisches nur selten auf den Tisch kommt, weil man kaum mehr zum Einkaufen geht, gar verdorbene Lebensmittel isst, wirkt schon der daraus resultierende Nährstoffmangel fatal. Dass falsche Ernährung depressiv macht, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Geht man nur wenig vor die Tür und bekommt wenig Sonnenlicht ab, kommt ein gravierender Vitamin-D-Mangel hinzu, der allein schon in die Depression führen kann. Beim Erkennen der altersbedingten Defizite und der daraus oft entstehenden Angst vor Kontrollverlust oder einem quälenden, langen Sterbeprozess mit großen Schmerzen scheint dann ein Suizid als einziger Ausweg. „Ein großes Problem ist auch die Medikamentenabhängigkeit“, weiß Mybes. Dabei sind hier die Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer. Von Schlaf- und Beruhigungsmitteln werden zu viele regelmäßig und in viel zu großen Mengen genommen.

Eine lebensbejahende Altenhilfe, die nicht nur darin besteht, zu Pflegende bis zum Tod zu begleiten, sodass das Leben aktiv und sinnvoll gestaltet werden kann, ist daher das Ziel des Sozialwerks. Damit könne man die Faktoren ausschalten, die in einem schleichenden Prozess zum Freitod führen können. Auch könne man die meisten Schmerzen in den Griff bekommen, ermutigt Mybes. Die Rückmeldungen von Senioren, die sich in den verschiedenen Wohnformmöglichkeiten mit abgestimmtem Hilfsangebot gut aufgehoben fühlen, zeigten das. „Mir hat das Herz geblutet, das eigene Haus aufzugeben, doch jetzt bin ich froh, denn hier geht es uns gut und es ist alles da, wenn man es braucht“, zitiert Mybes eine Bewohnerin einer altersgerechten Wohnung des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Schopfheim. Corona hat vor allem die älteren Menschen mit voller Wucht getroffen, die nicht Teil eines sozialen Netzwerkes sind. Die Selbstisolation hat dadurch stark zugenommen und damit auch die Suizidgefahr. Allerdings habe es durch Corona auch positive Aspekte gegeben. Es gibt jetzt mehr Hilfsangebote, um die größte Not abzufedern. Jetzt, wo auch wieder Angehörige die Bewohner in Pflegeheimen besuchen dürfen, kehre langsam ein Stück Normalität ein.

Als größter Altenhilfeträger in Schopfheim fühlt sich das Evangelische Sozialwerk verpflichtet, etwas zu tun. Die Berücksichtigung der Suizidproblematik soll in den Betriebskonzeptionen berücksichtigt werden. Für die eigenen Kunden und mit Beteiligung an einem professionellen Netzwerk sollte eine Unterstützungsstruktur aufgebaut werden. Dies solle aber kein Strohfeuer sein und man wolle auch kein Angebot schaffen, das man nicht durchhalten könne. „Wir haben die Lösung noch nicht, aber wir machen uns Gedanken.“

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