Sie haben an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg Ethnologie und Geografie studiert. Welches Berufsziel strebten sie mit diesen Fächern an?

Ulla K. Schmid: Mein Ziel war es immer, einmal im Museum zu arbeiten. Dieser Wunsch hat sich auf wunderbare Weise erfüllt. Noch während meiner Promotion nach dem Studium suchte die Stadt Schopfheim jemanden, der oder die sich hauptamtlich ums Museum kümmert. Das war damals noch im ehemaligen Hirtenhaus untergebracht und wurde ehrenamtlich von der Museumsgesellschaft betreut. Als ich die Stelle erhielt, stand das Museum kurz vor dem Umzug ins heutige Museum. Ich freute mich sehr über die Stelle, denn ich wollte gern in meine Heimatstadt zurück.

Ihr Studium war ja nicht fürs Museum ausgerichtet. Wie fanden Sie sich in Ihrer neuen Aufgabe zurecht?

Das stimmt. Ein Fach Museum gab es an der Uni nicht und ich hatte bis dahin nur stundenweise in den Völkerkundemuseen von Freiburg und Basel mitgearbeitet.

Viele meiner Kollegen hatten Geschichte und Volkskunde studiert. Ich musste selbst in meinen Aufgabenbereich hineinwachsen. Dabei gab es eine Vorgabe der Stadt. Meine Hauptaufgabe bestand darin, Sonderausstellungen zu machen und mit der Museumsgesellschaft zusammenzuarbeiten. Als ich am 1. Oktober 1986 begann, war meine Stelle eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die nach zwei Jahren in eine Festeinstellung mündete.

War Ihnen Ihr Studium für die Arbeit überhaupt in irgendeiner Form nützlich?

Ethnologie heißt Völkerkunde und bezieht sich auf außereuropäische Kulturen. Anfangs habe ich Aspekte davon in Sonderausstellungen mit einfließen lassen können. Zum Beispiel beim Thema Gesellschaftsspiele, die andere Kulturen mit einbindet. Den wesentlichen Anteil meiner Arbeit macht aber die örtliche Geschichte aus. Da ist es von Vorteil, wenn man in der Stadt geboren und aufgewachsen ist. Als Museumsleiterin habe ich an der neueren Stadtchronik mitgearbeitet und auch Beiträge fürs Jahrbuch der Stadt verfasst.

Wie viele Sonderausstellungen hat es in den 35 Jahren Ihrer Museumsleitung gegeben?

Insgesamt wurden seit 1987 167 Sonderausstellungen gezeigt, davon waren 84 von mir konzipiert, 36 waren Leihausstellungen oder Ausstellungen privater Sammler und 47 Ausstellungen vom Kunstverein Schopfheim.

Auch wenn Sonderausstellungen sicher viel Arbeit machen, gab es aber bestimmt mehr Aufgaben als Museumsleiterin. Wie sah Ihr normaler Arbeitsalltag aus?

Ganz wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Da gab es bei mir nie Probleme. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis und mir liegt Verwaltungsarbeit generell. Der Aufsichtsdienst für das Museum muss organisiert werden. Die Inventarisation der Museumsobjekte muss ständig durchgeführt werden. Außerdem gilt es, viele Anfragen von außen zu beantworten.Dabei geht es um Heimatforschung, um die Geschichte der Brunnen oder bestimmter Häuser, um nur ein paar wenige zu nennen.

Ich habe mich auch um Neuanschaffungen gekümmert, darunter ein Friesenegger-Bild und Spiele aus der Biedermeierzeit. Zudem verfügt das Museum über eine umfangreiche Taschensammlung. Auch von Privatleuten kommen Schenkungen ans Museum. Dazu muss man wissen, dass ich seit 1993 auch zu 100 Prozent fürs Stadtarchiv verantwortlich bin. Viel Zeit hat die Umgestaltung der Dauerausstellung im Museum zur Wohnkultur in Anspruch genommen. Die Stadtgeschichte ist dabei selbstverständlich integriert, aber anders gestaltet, einfach lebendiger.

Was hat sich in den 35 Jahren im Museum verändert? Und was wird gemacht, um das Interesse an Heimatgeschichte am Leben zu erhalten oder gar neu zu

In der Museumslandschaft hat sich viel verändert. In der Anfangszeit hatten die Besucher und Besucherinnen keine Probleme damit, auch längere Texte zu lesen. Die Bildung stand im Vordergrund. Heute ist das visuelle Museumserlebnis dominierend und die Kulturinteressierten erwarten mehr Action. Die Menschen möchten gern selbst etwas machen, Dinge anfassen dürfen und mehr erleben. Ich habe das lebendige Museum angeboten, indem das alte Tafelklavier zu neuem Leben erwachte, Lesungen und Matineen im Museum stattfanden oder Aktionspunkte im Museum für Kinder und Erwachsene angeboten wurden. Das Museum zum Anfassen ist gut angekommen und zog viel Publikum an. Zu Matinéen kamen – je nach Angebot – nicht nur einmal bis zu 60 Interessierte. Und ich habe darauf geachtet, dass bei den Sonderausstellungen viel fürs Auge geboten wurde. Die Gestaltung ist ein ganz wesentlicher Faktor.

Neu ist auch das Schopfheim-Spiel herausgekommen, das sich mit der Stadtgeschichte befasst. Doch Achtung: Meiner Meinung nach sollte ein Museumsleiter nicht zum Event-Manager verkommen, auch wenn der Trend ein wenig in die Richtung geht.

Welche Eigenschaften sollte ein Museumsleiter beziehungsweise eine Leiterin mitbringen?

Natürlich sollte er oder sie an Geschichte interessiert sein und entsprechende Kenntnisse mitbringen. Pädagogische Fähigkeiten sind gefragt, wenn es um Führungen durchs Museum mit Erwachsenen, Schülern oder Auszubildenden geht. Er oder sie sollte auf keinen Fall menschenscheu sein, darf keine Berührungsängste haben und sollte im Umgang mit Menschen geübt sein. In die Kulturarbeit muss man sein ganzes Herzblut stecken, sonst klappt es nicht. Der Termindruck ist immens, so dass man belastbar sein sollte.

Welche Ereignisse oder Begegnungen werden Sie nie vergessen?

Beeindruckend für mich war die persönliche Begegnung mit Nikolaus von Gayling im Schloss Ebnet bei Freiburg. Nie vergessen werde ich die historische Modenschau anlässlich der 1200-Jahrfeier, die ich konzipiert habe. Historisch gesehen war sie die Quintessenz meiner Arbeit.

Das Coronavirus begleitet uns nun schon seit nahezu zwei Jahren. Wie erleben Sie die Pandemie?

Ich empfinde sie als schlimm. Bei meiner Arbeit hat sie mir schwer zu schaffen gemacht, nicht zuletzt bei den Sonderausstellungen. Die Vorstellung, dass alles umsonst sein könnte, was an Kraft und Arbeit reingesteckt wird, lähmt. Es fehlt die Planungssicherheit. Schlimm ist aber auch, dass der Kontakt zu den Menschen total gekappt wurde, es an Resonanz fehlt. Das ist wirklich sehr betrüblich.

Hätten Sie die Wahl – würden Sie diesen Beruf wieder ergreifen?

Auf jeden Fall. Ich hatte ein herrliches Arbeitsleben und habe fast nur Positives erlebt. Ich bin gern zum Schaffen gegangen. Daher fällt es mir nicht so leicht, jetzt in den Ruhestand zu gehen.

Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Ich bin Mitglied im Dikome-Verein und könnte mir vorstellen, beim Kaffeeprojekt mitzuhelfen. Vielleicht kann ich mich auch in der Museumsgesellschaft intensiver einbringen. Auf jeden Fall möchte ich gern weiterhin in Kooperation mit der VHS und der Touristik Stadtführungen anbieten. Schön wäre es auch, wenn es wieder Fahrten ins Theater nach Freiburg gäbe. Ich möchte versuchen, zusammen mit Andreas Gsell ein historisches Gewerbekataster von Schopfheim in Angriff zu nehmen. Es ist sicher spannend, sich damit zu befassen, wann was wo an Gewerbe in der Stadt angesiedelt war. Na ja, mal sehen.