„Bella Auerbacher – deportiert 1940 – 1942 Auschwitz ermordet“: Das steht auf dem ersten der drei Stolpersteine, die am Mittwochvormittag in einer feierlichen Zeremonie vom Künstler Gunter Demnig, dem Erfinder der goldenen Denkmal-Steine, höchstselbst in das Pflaster der Wallstraße vor dem Auerbacher‘schen Haus eingelassen wurden. Zur Verlegung der drei Stolpersteine für Bella, Wilhelm und Melitta Auerbacher waren neben Demnig zahlreiche Gäste erschienen, darunter auch Ronny McMurphy, der Großneffe von Bella Auerbacher, aus Israel.

Die Stolpersteine für Bella Auerbacher (deportiert und ermordet) sowie Wilhelm und Melitta Auerbacher (beide in die USA geflohen)
Die Stolpersteine für Bella Auerbacher (deportiert und ermordet) sowie Wilhelm und Melitta Auerbacher (beide in die USA geflohen) | Bild: Nicolai Kapitz

Es war symbolisch, was sich da am Mittwochvormittag vor dem Haus Wallstraße 5, dem Auerbacher‘schen Haus, abspielte: Die Straße war abgesperrt, um dem Trubel des Alltags zumindest für eine gute Stunde Einhalt zu gebieten. Dieser Alltag machte sich zwar doch durch allerlei Geräusche bemerkbar – so mussten die Redner sowie Musiker Andreas Wäldele sich gegen durch die Altstadt rumorende Bagger und Lkw der nahen Kita-Baustelle ebenso behaupten wie gegen Handy-Klingeltöne und die akustischen Tücken der Funkmikrophone. Doch es gelang trotzdem, diese Verlegung zu einem speziellen, feierlichen Moment zu machen.

Ronny McMurphy, Großneffe von Bella Auerbacher, vor dem Haus Wallstraße 5, aus dem seine Vorfahren vertrieben wurden. Das linke Schwarz-Weiß-Foto zeigt seine Mutter (links) und seine Tante als Kinder, dahinter seine Großtante Bella Auerbacher.
Ronny McMurphy, Großneffe von Bella Auerbacher, vor dem Haus Wallstraße 5, aus dem seine Vorfahren vertrieben wurden. Das linke Schwarz-Weiß-Foto zeigt seine Mutter (links) und seine Tante als Kinder, dahinter seine Großtante Bella Auerbacher. | Bild: Nicolai Kapitz

Denn an der Symbolkraft dessen, was Gunter Demnig da wortlos ins Pflaster der Wallstraße einfügte, ändern keine Nebengeräusche der Welt etwas: Über die drei goldenen Steine mit den Namen der von den Nazis vertriebenen, gedemütigten und in einem Fall auch ermordeten Schopfheimerinnen und Schopfheimer jüdischen Glaubens soll in Zukunft buchstäblich gestolpert werden. So hatte es die Initiative „Stolpersteine Wiesental“ seit Jahresbeginn geplant, und so ist es nun gekommen. Hinter jedem Stein steckt eine persönliche Geschichte und diese Geschichten standen am Mittwoch im Mittelpunkt. Welchen Stellenwert die Verlegung der ersten Stolpersteine Schopfheims hat, zeigt ein Blick auf die Namensliste derer, die der Zeremonie beiwohnten: Die neu gewählten Bundestagsabgeordneten Diana Stöcker (CDU) und Takis Mehmet Ali (SPD) waren ebenso unter den Gästen wie zahlreiche Schopfheimer Stadt- und Ortschaftsräte, Vertreter der Kirchen, der Stadtverwaltung und natürlich viele Schopfheimer, die Anteil nahmen am Schicksal ihrer früheren Mitbürger.

Mitten unter ihnen auch Ronny McMurphy, der Großneffe von Bella Auerbacher, 69 Jahre alt, mit schottischem Nachnamen und Wohnsitz in Israel. McMurphy hielt eine bewegende Ansprache im Angesicht seines Ahnenhauses. „Leider hatte Bella nicht die Zeit und das Glück, Deutschland zu verlassen“, sagte McMurphy, als er an die Geschichte seiner Großtante erinnerte, die 1940 zunächst ins Lager Gurs nach Südfrankreich und später über Drancy ins Vernichtungslager Auschwitz weiter verschleppt und dort 1942 schließlich ermordet worden war. „Ich stehe hier heute nicht nur als Nachfahre der Familie und als Jude, sondern auch als Israeli“, sagte der Großneffe. „Was passiert ist, ist passiert. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber man muss lernen und verhindern, dass das wieder passieren kann.“

Der badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann griff das in einer kurzen Ansprache und in einem Gebet auf. Er sei, sagte Flomenmann, „mit gemischten Gefühlen“ nach Schopfheim gefahren. Einerseits voller Trauer um die Schicksale der Opfer, andererseits voller Freude über die Tatsache, dass es nun auch in Schopfheim und im Wiesental zahlreiche Menschen gibt, die sich „aktiv dafür einsetzen, Vorurteile abzubauen. Das ist heutzutage gar nicht so einfach.“

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Mit den Stolpersteinen, so Flomenmann, werde dem Leid „ein Name gegeben. Und wenn die Namen der Opfer weiterleben, leben die Menschen weiter. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass das, was geschah, nie wiederholt werden kann.“

„Hinter jeder Zahl steckt ein Mensch und ein Name“, so CDU-Politikerin Diana Stöcker. „Mit den Stolpersteinen leisten wir einen Beitrag zur Erinnerungskultur.“ Die goldenen Steine seien „ein dezentrales Mahnmal“ und „verbinden Menschen, die sich gegen das Vergessen aussprechen“, sagte sie weiter. „Die Stolpersteine ermöglichen eine Art der Begegnung mit einem historischen Erbe, mit dem nur schwer umzugehen ist“, sagte der städtische Beigeordnete Eddi Mutter. „Sie berühren uns mit ihrer Direktheit, damit uns immer in Erinnerung bleibt, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf.“ Mit der Verlegung der Steine könne „in Schopfheim der Anfang gemacht werden“.

Daran, dass die jetzige Verlegung nur der Anfang war, wollen auch Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums teilhaben, die nicht nur am Mittwoch aufrüttelnde Gedichte zur Zeremonie beisteuern, sondern die auch in Arbeitsgruppen recherchiert haben und weiter recherchieren, welche Schicksale in Schopfheim und im Wiesental zur Verlegung weiterer Stolpersteine führen können. „Dass sich so etwas nicht wiederholt, erreicht man nur, wenn man sich mit der Geschichte auseinandersetzt“, sagte THG-Schulleiterin Claudia Tatsch. Am Gymnasium werde die Arbeit intensiv fortgesetzt. „Wir werden weiterforschen, Archive untersuchen und dann überlegen, wie wir uns mit den Schicksalen auseinandersetzen und dazu beitragen, dass so etwas nicht mehr passiert.“