Mit den Bestimmungen des zweiten Corona-Lockdowns musste auch in Schopfheim nahezu der komplette Einzelhandel die Ladentüren zusperren. Geöffnet bleiben dürfen nur Lebensmittelgeschäfte und solche, deren Anteil an „erlaubten Waren“ 60 Prozent oder mehr beträgt. Dazu zählen auch Drogeriemärkte – nur dass diese oft auch eine große Palette an Waren haben, deren Verkauf den Einzelhändlern gleichzeitig verboten ist. In Schopfheim will das nicht jeder klaglos hinnehmen.

„Vorweg“, sagt Franz Stutz, „ist es mir wichtig zu betonen, dass wir nicht jammern wollen. Wettbewerb ist gut und wichtig.“ Er hält eine Innenstadt und ihr Gewerbe lebendig, so wie in Schopfheim. Deswegen waren Franz Stutz und seine Kinder Catherine und Philip, die mit ihm gemeinsam die im Jahr 1906 gegründete Parfümerie in der Hauptstraße führen, auch dankbar, dass im Herbst 2019 die Drogerie Müller in das neue Uehlin-Areal in der ebenfalls neuen Fußgängerzone Scheffelstraße zog. Mehr Angebot bringt mehr Publikumsverkehr – das schien sich zu bestätigen.

Doch dann kam Corona und mit der Pandemie im März der erste und schließlich im November der zweite Lockdown. Und inzwischen kann keine Rede mehr davon sein, dass die kleineren Einzelhandelsgeschäfte wie die Parfümerie vom großen Nachbar profitieren – im Gegenteil. „Uns geht es um Gerechtigkeit“, sagt Franz Stutz. „Wie kann es sein, dass sich ein Unternehmen, das im Spielwarengeschäft, im Schreibwarengeschäft und auch Parfümeriegeschäft zu den ganz großen Playern in Deutschland gehört, im Zuge dieser Pandemie plötzlich auf eine angeblich kleine Drogerie zusammenschrumpft?“ Der Schopfheimer Müller-Markt bleibt geöffnet, der Konzern hat angegeben, dass mehr als 60 Prozent des Sortiments in Schopfheim erlaubt sind. Anders als beispielsweise in Freiburg, wo große Bereiche der dortigen Filiale abgesperrt werden mussten, bleiben in Schopfheim auch die Parfüm- und Spielwarenabteilung zugänglich.

Die Kritik der Familie Stutz trifft keineswegs die großen Drogerie-Ketten wie Müller, die von den aktuellen Verordnungen profitieren. „Die Drogerien nutzen letztendlich nur clever Lücken aus, die ihnen die Verordnungen bieten“, sagt Franz Stutz. „Die Politik hat durch eine völlige Wischiwaschi-Verordnung solche Möglichkeiten offen gelassen“, sagt der 68-Jährige. „Und die Politik“, ergänzt seine Tochter Catherine, „hat die Verantwortung weggeschoben zu den Ordnungsämtern.“ Und die würden mit der Überprüfung von Angaben – wie groß ist das erlaubte Sortiment wirklich? Auf welcher Grundlage wurde es berechnet? Waren dafür Gewinn, Quadratmeter oder Sortimentanteile maßgeblich? – meistens allein gelassen.

Das beobachtet das Familienunternehmen Stutz nicht nur in Schopfheim, sondern auch in Rheinfelden, wo es eine Stutz-Filiale gibt. Es sei auch kein lokales, sondern ein deutschlandweites Problem. Und Catherine und Franz Stutz beziehen sich dabei keineswegs nur auf ihre Branche. „Es betrifft beispielsweise genauso Schreibwarenläden und Spielzeuggeschäfte.“

Das bestätigt eine Nachfrage: „Über die Weihnachtszeit sind wir gar nicht mehr in die Stadt gegangen. Da hätten wir uns nur geärgert“, sagt Gerhard Reif von Sigrids Bastellädele, ein paar Meter weiter die Hauptstraße hinunter. Die Wut im Bauch entstand vor allem deshalb, weil das Weihnachtsgeschäft an den kleineren Läden vollständig vorbei ging, „während die Leute vor der Drogerie in der Scheffelstraße Schlange gestanden haben“, berichtet Reif.

Zwar gäbe die geltende Verordnung für Geschäfte mit Schreibwaren und Büroartikeln für den täglichen Bedarf tatsächlich eine Öffnung her. „Aber diese Dinge sind bei uns nur ein Teil des Sortiments und überall im Geschäft in den Regalen verteilt“, sagt Reif. „Wir hätten den ganzen Laden umräumen müssen und dem Ordnungsamt alles nachweisen müssen.“ Diesen Aufwand konnten die Reifs nicht betreiben, und so mussten sie den Laden schweren Herzens geschlossen lassen. Ebenso die Parfümerie Stutz. Über Weihnachten war noch nicht einmal Abholung erlaubt.

Abholung und Lieferservice sind oft kaum machbar

„Für den Einzelhandel in Deutschland bedeutet das Weihnachtsgeschäft rund 25 Prozent des Gesamtjahres. Das ist weggebrochen, und das bei Kosten die weiterlaufen“, erklärt Franz Stutz. Zwar wurde den Händlern erlaubt, einen Lieferservice einzurichten, wodurch die Parfümerie vor allem ihre Stammkunden weiter versorgen konnte. Und seit dem Jahreswechsel sind auch Abholungen nach Bestellung wieder möglich. „Nur sind das leider Optionen, die sich in der Theorie zwar gut anhören, die aber vom Aufwand her – finanziell wie personell – für viele kleinere Geschäfte gar nicht umsetzbar sind“, sagt Catherine Stutz. „Schon gar nicht von jetzt auf nachher“, so die 39-Jährige.

„Es wird dauernd darüber gesprochen, dass die Innenstädte nicht aussterben dürfen. Wenn dann aber der Gesetzgeber Regelungen so gestaltet, dass nur die Großen übrig bleiben, ist das völlig widersprüchlich“, sagt Franz Stutz. Die Parfümerie habe „gute Jahre gehabt, es geht uns gut“, sagt Catherine Stutz. „Aber so langsam werden die Ressourcen knapp.“ Im Bekanntenkreis habe es schon Insolvenzen gegeben. „Bei manchen ist schon alles zu spät, andere brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können“, sagt Franz Stutz. Und das in einer Zeit, in der sich kleinere Geschäfte allerorten sowieso schon der schier übermächtigen Konkurrenz aus dem Internet – Stichwort: Amazon – stellen müssen. Es geht die Sorge um, dass sich viele Kunden umorientieren, entweder Richtung Großhandelskette oder gleich Richtung Online-Handel. Die Befürchtung: Wer einmal dem Einzelhändler den Rücken gekehrt hat, kommt nicht wieder.

„Wir fordern von der Politik mehr Gleichbehandlung“, sagt Franz Stutz. Es müsse nach Regeln laufen, die für alle gleich sind. „Wir wollen mehr Gerechtigkeit“, sagt auch Gerhard Reif. Die Hoffnung der Händler liegt nun einerseits darauf, dass die Behörden gleiches Recht für alle schaffen; sprich: verhindern, dass große Ketten nicht nur erlaubte Waren, sondern das komplette Sortiment anbieten dürfen. Und andererseits wünschen sich die Einzelhändler baldige Lockerungen der Verordnungen.

Das Schopfheimer Ordnungsamt wollte auf eine Nachfrage am Montag keine Stellung beziehen.