Vorsichtig hält Jürgen Jäckh ein historisches Dokument in Händen: das erste Protokollbuch des Krankenunterstützungsvereins Fahrnau, der am 30. Juli 1881 gegründet wurde. 140 Jahre lang hatte der Verein eine wichtige soziale Aufgabe im Ort inne. Doch nun stand bei der nächsten Versammlung, gestern, Freitagabend, 26. November, die mögliche Auflösung im Raum.

Ins Leben gerufen wurde der Verein in einer Zeit, als es noch keine Krankenversicherung gab. Ziel war es, die Arbeitenden aus dem Ort finanziell zu unterstützen, wenn sie krank wurden. „Der Verein war damals eine wichtige Institution für die arbeitende Bevölkerung, das war eigentlich die erste Krankenversicherung, die es überhaupt gegeben hat“, sagt der heutige Vorsitzende Jürgen Jäckh, der die alten Protokollbücher durchgeblättert hat. Das Gründungsprotokoll wurde von sieben engagierten Fahrnauer Bürgern unterschrieben. „Das war die Vorstandsschaft damals“, so Jäckh, „bei der Gründung hatten sie schon 85 Mitglieder“. Der Verein leiste nach Maßgabe für erkrankte und verstorbene Mitglieder Unterstützung, hieß es in der alten Satzung. Es seien von Anfang an nur Männer aufgenommen worden, weil zur Entstehungszeit des Vereins die Frauen noch nicht in großer Zahl berufstätig waren.

In den Jahren, als es sonst keine soziale Absicherung im Krankheitsfall gab, war es für viele Beschäftigte und ihre Familien eine wertvolle Hilfe, wenn Krankengeld bezahlt wurde. In einer frühen Satzung aus der Zeit nach dem Krieg sei vermerkt, dass eine Deutsche Mark am Tag bezahlt wurde, wenn jemand erkrankt war, und im Sterbefall erhielten die Hinterbliebenen 80 Mark Sterbegeld. Damals hätten die Mitglieder eine Mark pro Monat Beitrag zahlen müssen, um dann im Krankheitsfall eine Mark pro Tag zu erhalten. „Das haben sie nachweisen müssen mit Attest“, so Jäckh, „das ist genau vorgeschrieben gewesen“.

Eine Seite aus dem Gründungsprotokoll.
Eine Seite aus dem Gründungsprotokoll. | Bild: Roswitha Frey

Beim Blättern in den historischen Dokumenten stieß Jäckh auf folgenden Eintrag: „Eintrittsberechtigt sind alle gesunden und unbescholtenen männlichen Beschäftigten und Wohnhaften von 16 bis 50 Jahren.“ Damals seien die meisten direkt nach der Hauptschule zum Schaffen gegangen, mit 14 oder 15 Jahren, sagt Jäckh. Über 50-Jährige seien früher nicht aufgenommen worden, weil damals die Lebenserwartung nicht so hoch war. Gefunden hat Jäckh auch folgenden Vermerk: „Bei Krankheit, die durch sträfliches Selbstverschulden, namentlich durch Schlägerei, Trunksucht und Ausschweifungen verursacht werden, gewährt der Verein kein Krankengeld.“ Das sei streng geregelt worden. Ansonsten wurde bei allen Krankheitsfällen etwas bezahlt, das konnten Arbeitsunfälle oder Erkrankungen sein, die nicht ursächlich mit der Arbeit zusammenhängen mussten.

Aufbewahrt wurden nicht nur die historischen Protokollbücher, darunter das erste aus der Zeit von 1881 bis fast 1900, sondern auch die alten Kassenbücher, in denen fein säuberlich aufgelistet wurde, wer das Krankengeld oder Sterbegeld erhalten hat. Auch heute noch werde genaue Rechenschaft verlangt, heute sei die Versicherungsaufsicht des Regierungspräsidiums zuständig, so Jäckh. „Wir schreiben heute noch alle Protokolle von Hand, das ist Tradition geblieben“.

Wie viele Fahrnauer Kranken- oder Sterbegeld in den Jahrzehnten in Anspruch genommen haben, kann Jäckh nicht genau beziffern. In den Anfangszeiten seien es wohl hauptsächlich Fabrikarbeiter aus der Textilindustrie gewesen. „Fahrnau hat eine große Weberei gehabt und die Schuhfabrik Krafft, ich nehme an, dass die Arbeiter aus dieser Branche kamen“, meint Jäckh. In diesen Fabriken seien sehr viele Fahrnauer beschäftigt gewesen. Für die Leute sei es eine hilfreiche Unterstützung gewesen, da sie sonst nirgendwo her etwas erhielten bei Verdienstausfall wegen Erkrankung. Viele Familien konnten sich so in schwierigen Notzeiten behelfen, in denen sonst kein Geld ins Haus gekommen wäre. „Eine Mark war früher schon viel Geld“.

Nach dem Vorbild des Fahrnauer Vereins hätten sich auch in umliegenden Ortschaften Krankenunterstützungsvereine gegründet, die zwischenzeitlich aber aufgelöst seien. Der Fahrnauer Verein hat sich bis heute über die lange Zeit gehalten, bis auf die Kriegsjahre, wo er stillgelegt war. Zeitweise hatte der Verein 100 Mitglieder, aktuell sind es noch 50.

Die Mitgliedsbeiträge haben sich nicht groß geändert. „Früher war es eine Mark im Monat, heute nehmen wir einen Euro im Monat“, sagt Jäckh. Im Krankheitsfall werde heute symbolisch 1,50 Euro pro Tag bezahlt, und wenn jemand sterbe, erhalte die Familie 150 Euro. „Das ist eher ein symbolischer Wert“, wie Jäckh sagt, denn die ursprüngliche soziale Funktion und Notwendigkeit des Vereins sei „ganz klar nicht mehr da“ angesichts der stark veränderten Lebensumstände, Berufssituationen und sozialen Absicherungen. Wenn heute jemand eine Woche krank wäre, würde er 10,50 Euro erhalten, „das ist den meisten zu viel Aufwand, dafür Nachweise zu erbringen“, weiß Jäckh. So sei in jüngster Zeit mehr Sterbegeld bezahlt worden.

Nach 140 Jahren sei die Zeit gekommen, zu entscheiden, ob man weitermache oder nicht. „Wir finden niemanden mehr, der mitmachen und die Vorstandsarbeit machen will“, schildert Jäckh das Problem, dass zum Teil nicht alle Positionen besetzt werden konnten. So stand am Freitagabend die Auflösung des Vereins zur Diskussion. „Es sei denn, jemand steht auf und sagt, er macht das weiter. Das kann immer noch passieren.“