Das Kind ist zwar noch nicht ganz in den Brunnen gefallen. Was die Geschichte der Schopfheimer Brunnen angeht, ist es für Robert Bartlett aber bis dahin nicht mehr weit – und in einigen Fällen schon zu spät. Die kürzliche Debatte um das Abstellen von Brunnen aus Kostengründen hatte ihn neugierig gemacht – und Bartlett stellt fest, dass das Wissen über die Brunnen große Lücken hat. Die Stadt Schopfheim sei dabei, „einen Teil ihrer Seele zu verlieren“. Daher recherchiert er jetzt weiter – und hofft auf Unterstützung.

14 Jahre ist es her. Da hat der damals erst wenige Jahre zuvor in die Markgrafenstadt gezogene Brite Robert Bartlett das Schopfheimer Straßenpflaster geadelt. Der auf Geoinformationssysteme sowie Stadt- und Verkehrsplanung spezialisierte Ingenieur würdigte in einer Fachschrift für Architekten und Städteplaner die Besonderheiten des Schopfheimer Straßenbelags in der Innenstadt – und machte auf diese Weise nebenbei auch touristische Imagewerbung.

Nun, 21 Jahre danach – Bartlett hat mittlerweile die doppelte Staatsbürgerschaft –, arbeitet er an einem neuen Werk, das ebenfalls im Tourismusbüro einen Platz finden könnte. Allerdings wäre es wohl ebenso gut im Stadtarchiv aufgehoben – und im Bauamt. Denn was der mittlerweile 74-Jährige derzeit unter dem Titel „Die Brunnen von Schopfheim“ zusammenstellt, ist ein Mix aus allem: eine Übersicht über die Brunnen, ihre Geschichte, aber auch ein „Ranking“, eine Bewertung der Brunnen nach Kategorien. Welche sind die schönsten Brunnen? Welche die teuersten? Welche Brunnen haben die höchsten Sanierungskosten? Welche kosten am meisten im Unterhalt? Welche bieten die beste Aufenthaltsqualität? Diese Bewertungen könnten eine gute Entscheidungshilfe etwa bei der Frage sein: Welche Brunnen saniert man? Das Ganze wird garniert mit grundsätzlichen Gedanken eines Verkehrs- und Stadtplaners zum Thema Innenstadtgestaltung, Aufenthaltsräume und zur Bedeutung, die Brunnen dabei spielen.

Bartlett geht das Thema zwar mit britischer Sorgfalt an – aber ebenso auch mit britischem Humor. So finden sich etwa in der Einleitung augenzwinkernd-provokative Fragen wie: „Wozu den Brunnen behalten, da heutzutage wenige Pferde in der Stadt zu sehen sind?“ Was ihn selbst „stark überrascht hat“: Gerade mal vier Wochen hat Bartlett recherchiert und einerseits festgestellt, dass ganz viel Wissen fehle – andererseits auch schon wieder einiges herausbekommen. Klar ist schon jetzt: Die Unterlagen, die der Gemeinderat vorliegen hatte, als er kürzlich beschloss, aus Kostengründen in diesem Jahr einigen Brunnen das Wasser abzustellen, waren unvollständig.

Statt um die 45 Brunnen gibt es in Schopfheim weit mehr. Obwohl Bartlett noch gar nicht in allen Ortsteilen war, kommt er schon jetzt auf rund 60. Bartlett war unter anderem in Eichen, Fahrnau und auf dem Entegast unterwegs („gerade auf dem Entegast gibt es ganz viele Brunnen, die nirgends vermerkt sind“), hat mit Stadtarchiv-Leiterin Ulla K. Schmid gesprochen („im Stadtarchiv gibt es aber leider nur wenig“) und im 1987 erschienenen Buch von Ingrid Schubert über die Brunnen im Wiesental gestöbert. Auch die lückenhafte Liste der Kleindenkmäler hat er zu Rate gezogen. Bartlett ist zwar noch nicht fertig, kommt aber schon jetzt zu der Erkenntnis: Nicht nur das Wissen über vorhandene Brunnen gehe verloren, sondern auch jenes über ihre Namen und ihre Geschichte. Mancher Brunnen heiße in Wahrheit anders. Und noch etwas blieb dem Auge des Ingenieurs nicht verborgen: „Praktisch alle, die ich bisher gesehen habe, wurden schlecht instandgehalten.“

Broschüre hat bereits 93 Seiten

Das sei denn wohl auch der Grund dafür, dass sich jetzt so ein Sanierungsstau angesammelt habe. Bartlett will weitermachen – und hofft auf Unterstützung der „Einheimischen“, wie er augenzwinkernd sagt. Zwar wohnt er nun auch schon mehr als 20 Jahre in Schopfheim. Doch irgendwie seien die Brunnen dennoch „nicht meine Geschichte. Ich bin Engländer.“ Brunnen seien ein wichtiges Stück Geschichte und Identifikation. Einst seien sie „teuer erkauft“ worden. Nun „werden die alten Namen vergessen, die Geschichte der einzelnen Brunnen wird vergessen, das Wasser soll nicht mehr laufen. Und so verliert die Stadt Schopfheim einen Teil ihrer Seele.“ Gerade in den Ortsteilen könnte mancher noch etwas wissen über die Geschichte der Brunnen – oder wo sich noch Brunnen befinden, die nicht erfasst sind. „Vielleicht hat ja auch jemand noch alte Fotos, die zeigen, wie die Brunnen früher aussahen?“ Der 74-Jährige hofft, dass sein Aufruf einen Info-Fluss anregt.

Bisher hat seine Broschüre etwa 93 Seiten – das aber soll noch lange nicht das Ende sein. Bisher existiert sie im Prinzip auch nur als Datei, um sie fortlaufend ergänzen und aktualisieren zu können.

Kontakt: Wer etwas zur Brunnengeschichte Schopfheims beisteuern will, kann sich per Mail über die Adresse der Bürgerinitiative „Attraktive verkehrsfreie Innenstadt“ (kontakt@verkehrsfreie.de) an Robert Bartlett wenden.