Die Obdachlosenunterkunft im Dammweg sind offenbar in einem viel maroderen Zustand als bislang bekannt. Wie Bewohner berichten, ist eines der beiden barackenartigen Gebäude so durchgefault, dass nicht nur Schimmel-, sondern sogar große Waldpilze dort gedeihen. Offenbar hat ein Wasserschaden das Haus abrissreif gemacht. Nun hat sich herausgestellt, dass der Schimmelbefall gesundheitsschädlich ist, die acht Bewohner müssen umquartiert werden. Es könnte der Abriss folgen.

Als Pilzfreund müsste man fast stolz sein auf diesen Fund – als Hausbewohner indes dürfte sich Entsetzen breitgemacht haben: Ein stattlicher Schirmpilz, wie er ansonsten im nahen Entegast zu finden sein könnte, sprießt mitten in einem der beiden Gebäude der Obdachlosenunterkunft am Dammweg. Luca Mariano, Bewohner der Unterkunft, hat ihn vor Weihnachten gepflückt und fotografiert. Sie wuchsen aus einer Fußleiste unter einem der gemeinschaftlich genutzten Waschbecken. „Leider gibt es bei uns Zustände, die nachweislich zu erheblichen Gesundheitsschäden führen können“, schreibt Mariano in einem Brief an diese Zeitung. „Menschenwürdiges Bewohnen“ der Unterkunft sei kaum noch möglich.

Er zählt auf: Es gebe ausgehängte Fenster, die trotz Schneefalls nicht mehr geschlossen werden können. Dort, wo der Schirmpilz gepflückt wurde, fand er noch weitere Pilze. An verschiedenen Stellen gebe es schwarzen Schimmel. Das gemeinsame Waschbecken im Flur wurde von einem Mitbewohner zerstört, die Bewohner müssen zum Zähneputzen und Waschen Wasser mit auf die Zimmer nehmen. Stadt und Ordnungsamt seien bislang untätig geblieben, beklagt der Bewohner. Besonders ärgerlich für Mariano: „Das Ordnungsamt verlangt für ein nicht bewohnbares Gebäude weiterhin eine Nutzungsgebühr von 165 Euro, was meines Erachtens völlig unangebracht ist.“ Die Zustände seien nicht vorschriftsmäßig, also sei die Stadt auch nicht in der Lage, Geld zu verlangen.

Der Stadtverwaltung ist das Problem natürlich bekannt, nur haben auch die Weihnachtsfeiertage dazu beigetragen, dass sich so schnell nichts an den Zuständen geändert hat. Wie Gebäudemanagerin Martina Milarch auf Nachfrage mitteilt, hat ein Fachbüro das Gebäude auf Schimmelbefall untersucht, die Beprobung wurde allerdings über den Jahreswechsel nicht mehr ausgewertet. Die Stadt stellte Filtergeräte auf, um die Sporenbelastung in der Luft in Grenzen zu halten. Nur – so erklärte Bürgermeister Dirk Harscher am Mittwoch auf Nachfrage – müssten diese Geräte auch durchweg im Einsatz sein, um das Problem zu beherrschen. Das sei leider nicht der Fall. Ein weiterer der Bewohner erklärt, dass die Geräte die Schimmelsporen nicht aus der Luft filtern, sondern nur weiter verteilen – es seien alle Bewohner dadurch krank geworden. Inzwischen sind die Ergebnisse der Schimmeluntersuchung da: Der Schimmel ist gefährlich, das Gebäude muss geräumt werden, wie der Bürgermeister erklärt. Damit steht die Stadt vor zwei wichtigen und dringenden Fragen: Wohin werden die Bewohner ausquartiert? Und was passiert mit der maroden Behausung? Auf die erste Frage hat Bürgermeister Harscher keine schnelle Antwort. „Wir sind zuversichtlich, dass wir etwas finden“, sagt der Rathauschef. „Wir müssen da dringend tätig werden, in den nächsten zwei bis drei Wochen. Aber wir haben Optionen.“

Abriss und Neubau wird wahrscheinlich

Auf die zweite Frage ist die Antwort klarer: Die Stadt wird das durchgefaulte Haus mit großer Sicherheit abreißen. „Die zwei Gebäude sind schon relativ alt, die sind in leichter Holzbauweise in den 80er Jahren entstanden“, sagt Martina Milarch. „Eine Vollsanierung würde sich da kaum lohnen. Die Nutzungsdauer von rund 40 Jahren ist erreicht. Es würde sich eher rentieren, es abzureißen und neu zu bauen.“

„Wir müssen überlegen, ob eine Sanierung überhaupt möglich ist“, sagt auch der Bürgermeister. Sanierung, Neubau oder Containerlösung – alles sei möglich und müsse einbezogen werden. Harscher weist allerdings die Kritik der Bewohner an der Stadt auch zurück: „Es ist immer auch eine Frage, wie pfleglich man mit den Dingen umgeht. Es müsste zum Beispiel regelmäßig gelüftet werden und das passiert meines Wissens nicht.“ Es sei ihm klar, dass dort auch Menschen in schwierigen Lagen untergebracht sind, doch sei das Nachbargebäude ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht: „Dort gibt es einen Bewohner, der sich federführend um etwas mehr Wohnqualität kümmert. Dort sieht es deutlich besser aus“, so Harscher. „Das andere ist deutlich mehr heruntergekommen.“ Das Beispiel zeige, dass der Zustand der Gebäude vor allem von seinen Bewohnern abhänge; einige Personen, so Harscher, lebten schon seit Jahren in der Unterkunft, die eigentlich nur als kurzfristige Not-Übergangslösung gegen Obdachlosigkeit gedacht ist.

Auf die Stadt kommt damit wieder eine unvorhergesehene Investition zu. Wie hoch diese sein wird, kann weder der Bürgermeister noch die Gebäudemanagerin sagen. „Wir werden Geld in die Hand nehmen müssen. Obdachlosenunterbringung ist ja keine freiwillige Sache, sondern eine Pflichtaufgabe“, sagt der Bürgermeister. „Wir müssen schauen, was möglich ist. Dabei können wir uns nicht am höchsten Standard orientieren, das dürfte klar sein. Wir nehmen das ernst und werden die Menschen vernünftig unterbringen. Wir lassen die Bewohner nicht im Regen stehen.“ Was mit dem zweiten, etwas besser erhaltenen Gebäude passieren soll, muss noch diskutiert werden. Es könne unter Umständen saniert werden, so der Bürgermeister.

Luca Mariano würde es jedenfalls freuen, wenn er und die übrigen Bewohner des Hauses die 165 Euro Gebühr, die die Stadt von ihm monatlich verlangt, zumindest für Dezember und Januar behalten könnten. „Das wäre ein Entgegenkommen“, sagt der 38-Jährige. „165 Euro sind für einen Obdachlosen sehr viel Geld.“ Die Stadt äußerte sich dazu bislang nicht.