Ein Treffpunkt für Menschen, die gerne lesen, in Regalen nach Romanen, Krimis oder Sachbüchern stöbern, Informationen suchen, sich weiterbilden möchten: als ein solcher Ort versteht sich die Stadtbibliothek Schopfheim. Dieser Tage kann die Einrichtung ein Jubiläum feiern. Vor 75 Jahren, am 21. Februar 1947, wurde die Stadtbücherei im ehemaligen Bezirksamts-Gebäude eröffnet. Die Geschichte der städtischen Bücherei reicht aber weiter zurück, wie Dokumente und Akten im Stadtarchiv belegen.

Vorgeschichte und Anfangsjahre

So ist bereits im November 1938 die Eröffnung der „Volksbücherei“ im alten Finanzamt verzeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Bestand durchforstet werden, um die ideologischen nationalsozialistischen Schriftwerke zu entfernen. Erst danach wurde die dann „Stadtbücherei“ genannte Bücherei wieder für den öffentlichen Leihbetrieb freigegeben. Die Militärregierung Lörrach hatte in einem Schreiben angeregt, die einstigen „Volksbüchereien“ künftig als „Gemeinde- oder Stadtbücherei“ zu bezeichnen.

Der Gemeinderat ernannte im Januar 1947 Wilhelm Ücker zum Stadtbibliothekar und den Hauptlehrer Johann Heinemann zu dessen Stellvertreter. Nach Eröffnung am 21. Februar 1947 fand die Bücherausgabe anfänglich nur freitagabends statt. Die Gebühren betrugen für die Lesekarte zehn Pfennige und die Ausleihgebühr pro Buch für 14 Tage 30 Pfennige. Offensichtlich war der Lese- und Bildungsbedarf so kurz nach Kriegsende schon wieder reichlich vorhanden, denn Wilhelm Ücker schreibt in seinem Jahresbericht 1947: „Die Stadtbücherei erfreut sich allgemeiner Beliebtheit.“

Im Jahr 1947 wurden an 42 Abenden 3065 Bücher ausgeliehen, was durchschnittlich 73 Bücher pro Abend ergibt. Der Bestand umfasste 750 Bücher. Ücker schätzte etwa 200 Nutzer. Im Frühjahr ‚47 wurde die Stadtbücherei in die Oberrealschule verlegt, das Bezirksamt wurde von der Militärregierung beschlagnahmt.

1950er und 1960er Jahre

1953 wurde in einer Stadtratssitzung einem erneuten Umzug ins städtische Gebäude zum „Pflug“ zugestimmt. „Für diese Einrichtung ist die Lage ideal. Weniger gut ist das Nachbargeräusch von der Diskothek“, schrieb Stadtbibliothekar Ücker. Er berichtete, dass sich der Leserkreis nicht nur auf das Stadtgebiet von Schopfheim, sondern bis Schönau, Schlächtenhaus, Wehr, Hasel, Wiechs und Nordschwaben erstrecke. Von den 3465 Büchern im Bestand listete er 461 Sachliteratur, 740 Kinder- und Jugendbände und 2264 „schöne Literatur“ wie Romane und Erzählungen auf. Die Sachliteratur werde nicht sehr stark genutzt, vermerkte er. Im Jahr 1966 wird ein Zuwachs auf 6917 Ausleihungen vermeldet. Die ansteigende Zahl hing auch damit zusammen, dass mehr Jugendliche das Angebot der Bücherei nutzten.

1980er Jahre und neue Leiter

35 Jahre lang kümmerten sich Wilhelm Ücker und seine Frau Adina um die Stadtbücherei, bevor sie im Februar 1982 in Ruhestand traten. Als Nachfolgerin übernahm kurz Bibliothekarin Barbara Braun die Leitung. Mit Kurt Menter, der von 1985 bis 2017 die Stadtbibliothek leitete, begannen in mehrerer Hinsicht neue Zeiten. In Menters Anfangsjahren war die Bibliothek noch im Pflug-Gebäude untergebracht, in einem Raum sehr beengt, mit geringem Etat, veraltetem Bestand und drei Öffnungstagen in der Woche. Als das Pflug-Areal neu bebaut, das Parkdeck bei der neuen Stadthalle überbaut wurde, erwies sich das als glückliche Fügung. Dort konnte die Stadtbibliothek 1988 in großzügige und einladende Räume ziehen mit viel Holz, Sofa-Ecken, Leseinseln, Stufenlandschaft mit Sitzkissen für Kinder und Regalen, in denen es Lesestoff für jeden Geschmack gibt. Waren es 1985 noch 2000 Bücher im Bestand und 27.000 Ausleihen, war nach dem Umzug ein Aufwärtstrend zu verzeichnen. Ein Spitzenwert wurde 2009 mit 200.000 Ausleihen erreicht.

In den 1990er Jahren kam die EDV

Sukzessive erweiterte Menter den Bestand, 1990 wurde die EDV eingeführt, 1997 gab es die ersten CD-ROMs, außerdem wurden PC-Plätze eingerichtet. Die „Onleihe“ im Verbund mit anderen Bibliotheken, das Ausleihen übers Internet, erwies sich schnell als Renner. Als Menter 2017 in Ruhestand ging, war der Bestand auf 48 000 Medien und 6000 E-Medien gewachsen, darunter DVDs mit Schwerpunkt auf Dokumentarfilm und anspruchsvolle Filmkunst. Die zunehmende PC- und Internetnutzung wirkte sich allerdings auch auf das Nutzerverhalten aus. So wurde seit Beginn des Jahrtausends ein Rückgang von 60 Prozent bei den Sachmedien, bis dahin ein Kernbereich, registriert. In den fast 32 Jahren, die er die Bibliothek leitete, hatte Menter 130 Autorenlesungen veranstaltet. So waren prominente Schriftsteller wie Arnold Stadler, Franz Hohler, Karlheinz Ott, Peter Stamm zu Gast, aber auch unbekanntere Autorinnen und Autoren, die der Mundartautor und langjährige Gymnasiallehrer Markus Manfred Jung ausgewählt hat. Austausch und Literaturvermittlung auch für Literaturklassen standen im Mittelpunkt der Lesungen.

Von 2017 bis heute

Neue Akzente, technische Modernisierungen und Umgestaltungen brachte Menters Nachfolgerin Katja Benkler seit 2017 ein. Neu eingeführt hat sie im vergangenen Jahr das Rückgabe-Regal, in dem die Besucher die Medien, die sie zurückbringen, selbst hineinstellen können. Dank RFID-Technologie werden sie automatisch gespeichert. Zu den aktuellen Neuerungen gehört auch die Selbstausleihe, bei der Besucher die Medien, die sie ausleihen wollen, auf das Gerät legen und die Medien automatisch auf das Benutzerkonto verbucht werden. Für Bibliotheksleiterin Katja Benkler und die Mitarbeiterinnen Eva Hötzel, Myrta Müller und Sabine Ströbel bedeuten diese neuen Möglichkeiten auch, dass sie mehr Zeit für Beratung gewinnen. In der Corona-Zeit mit ihren Regelungen haben sich die kontaktlose Selbstausleihe und das Rückgabe-Regal sehr bewährt.

Das Angebot für Kinder hat Katja Benkler im Bestand der Stadtbibliothek stark ausgeweitet
Das Angebot für Kinder hat Katja Benkler im Bestand der Stadtbibliothek stark ausgeweitet | Bild: Roswitha Frey

Stark ausgeweitet hat Katja Benkler den Kinderbereich. So hat sie im Sortiment neu DVDs für Kinder angeschafft, die sich als „Ausleih-Renner“ erwiesen haben. Auch andere Angebote für Jungen und Mädchen wie die Tonies und Tonie-Boxen, kleine Figuren mit integrierten Audiodateien, oder die Tiptoi- und Ting-Bücher, die sich per Stift aktivieren lassen, kommen bei Kindern gut an. Mit „Brockhaus online“ ist Lexikon-Wissen digital abrufbar – sozusagen als Alternative zu Wikipedia.

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Benkler hat den Bestand etwas reduziert auf rund 43.000 Medien. Davon sind 10.000 Kinderbücher und 15.000 Sachbücher, der weitere Teil umfasst Belletristik. Dazu kommen rund 13.000 E-Books. 2019 war wieder ein Anstieg der Ausleihzahl auf mehr als 162.200 zu verzeichnen. Eingeschränkte Aufenthaltsdauer und 2G-Regeln machten sich in der Besucherfrequenz bemerkbar: „Es ist im Moment deutlich weniger los.“ Benkler ist aber froh, dass vergangenes Jahr die Sommer-Leseaktion „Heiß auf Lesen“ für Erst- bis Achtklässler möglich war. Das sei Leseförderung par excellence, sagt sie über die Aktion in der Ferienzeit, bei der Kinder und Jugendliche ihre favorisierten Bücher lesen und mit den Bibliothekarinnen darüber reden. In diesem Sommer will sie es wieder anbieten. Ebenso möchte sie an die Autorenlesungen anknüpfen, sobald es die Corona-Lage erlaubt.