Er verstand sich als Anwalt der Bürger, wollte als solcher „mitgestalten und mitverhindern“. 41 Jahre – bis 2011 – engagierte sich Karl Selz als Stadtrat zum Wohle Schopfheims. Erst für die SPD, dann für die von ihm mitbegründeten Unabhängigen. Selz war deren Gesicht und Leitfigur, verkörperte deren Grundhaltung: die Stadtpolitik kritisch begleiten und stets hinterfragen. Kurzum: Karl Selz gehört zu den ganz großen Persönlichkeiten der Schopfheimer Kommunalpolitik. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Politik lag Karl Selz, Jahrgang 1936, in den Genen. Selz war in eine politisch interessierte Familie hineingeboren worden. Der Großvater väterlicherseits wie auch sein Vater, der 1950 ein Malergeschäft aufbaute, engagierten sich in städtischen Gremien, die Mutter war Kreisrätin der SPD. Beruflich trat Karl Selz in die Fußstapfen seines Vaters und machte eine Malerlehre. Die Ausbildung absolvierte er mit Auszeichnung – wie auch danach die Meisterprüfung. 1970 übernahm er den Familienbetrieb, den er bis 2003 erfolgreich führte. Seine politische Karriere hatte er bei der SPD begonnen, in die er 1966 eingetreten war. Als Vorsitzender der Schopfheimer Jungsozialisten wurde er 1968 mit mehr als 1800 Stimmen – das war noch vor den Eingemeindungen – in den Gemeinderat gewählt. „Schopfheim ist für mich lebens- und liebenswert“, hat er oft gesagt. Wie ernst und wichtig er das Stadtratsmandat und die damit verbundene Verantwortung nahm, zeigte sich gerade beim strittigen Projekt „Pflug-Areal“, das von Mitte der 1980er bis hin in die 90er Jahre die Kommunalpolitik schwer beschäftigte.

Als Bürgermeister kandidiert, um echte Wahl zu ermöglichen

Selz sah dieses Vorhaben skeptisch – und war damit nicht allein. 1989 wurde er erstmals Stimmenkönig im Gemeinderat, es sollten viele weitere Male folgen. Weil die SPD-Fraktion bei dem aus seiner Sicht unausgereiften Vorhaben nicht die Reißleine zog, legte Selz 1992 sein Mandat nieder. Als dann aber der Pflug abgerissen werden solle, drängte es ihn zurück auf die politische Bühne. Zusammen mit der „Aktionsgemeinschaft Pflug“ gründete er in der Folge die Wählervereinigung „Die Unabhängigen“, die ihn 1994 als Spitzenkandidat aufstellte. Die Bürger spürten und honorierten Selz’ ehrliche Hingabe – Selz wurde nicht nur erneut Stimmenkönig, auch holten die Unabhängigen zehn von 30 Sitzen. Ebenfalls bezeichnend für sein Demokratieverständnis war die Bürgermeisterwahl 1994: Weil Amtsinhaber Klaus Fleck keinen Gegenkandidaten hatte, trat Selz an, um eine echte Wahl zu ermöglichen. Selz holte 44,9 Prozent.

2011 schied Selz ausgesundheitlichen Gründen aus dem Gemeinderat aus. Mehr als vier Jahrzehnte hatte er Stadtentwicklung miterlebt und mitgestaltet, darunter den Bau der B 317, den Bau der Stadthalle, etliche Wohn- und Gewerbegebiete oder auch die Feuerwehrgerätehäuser in der Stadt und in den Ortsteilen. Unter seiner Führung kämpften die Unabhängigen unter anderem für den Erhalt des Krankenhauses, gegen die Golfanlage oder den aus ihrer Sicht überdimensioniert Hochwasserschutz.

Er, der Handballer, Schwimmer und jahrelange Trainer und Vorsitzende des Schwimmclubs Schopfheim (später TSG-Abteilung), bewertete sein Engagement so: Die Kommunalpolitik habe er stets sportlich gesehen – mal habe es Erfolge, mal Niederlagen gegeben. Nachdenklich merkte er allerdings an, dass aus seiner Sicht früher finanziell besser und vorsichtiger gewirtschaftet worden sei als in heutiger Zeit. Beigeordneter Ruthard Hirschner sagte bei Selz’ Verabschiedung: Selz habe die richtigen Fragen gestellt. Karl Selz erhielt für sein Wirken nicht nur Lob, sondern auch viele Auszeichnungen – Krönung war 2012 die goldene Verdienstmedaille des Städtetags. Die Unabhängigen ernannten Selz 2011 zum ersten Ehrenmitglied. „Die Stadt liegt mir am Herzen“ – diesen Satz hat der Ur-Schopfheime wiederholt geäußert. Privat schlug sein Herz für seine andere große Liebe, seine Frau Ursel, die ihm, wie er einmal dankbar sagte, „meiner politischen Karriere stets den Rücken freigehalten hat“. Jetzt hat dieses große Herz aufgehört zu schlagen.

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